{"id":144,"date":"2021-03-23T09:46:08","date_gmt":"2021-03-23T08:46:08","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=144"},"modified":"2021-03-26T11:19:12","modified_gmt":"2021-03-26T10:19:12","slug":"die-italienische-reise-von-johann-wolfgang-von-goethe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-italienische-reise-von-johann-wolfgang-von-goethe\/","title":{"rendered":"\u201eDie Italienische Reise\u201c von Johann Wolfgang von Goethe"},"content":{"rendered":"<p>Es war eine Flucht. Goethe, der 1775 nach Weimar zog, hatte in dem kleinen F\u00fcrstentum eine erstaunliche Karriere gemacht. Schon nach einigen Jahren war er tief in die Regierungsgesch\u00e4fte des Landes verwickelt und zum wichtigsten politischen Berater des damaligen F\u00fcrsten Carl August aufgestiegen. Der Spagat zwischen Poesie und Politik kostete seinen Preis. Die \u00c4mterh\u00e4ufung und das Protokoll am Hof f\u00fchrten bei Goethe zu einem klassischen Burnout.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dichter beklagte schon l\u00e4nger, dass seine k\u00fcnstlerische und literarische Produktion unter seinen politischen Verpflichtungen gelitten hatte. Zudem war die platonische Liebe zu Charlotte von Stein, einer verheirateten Frau, in eine Sackgasse geraten. Der Ausweg aus der Schaffens- und Lebenskrise verbindet sich in seinen Gedanken mit der Idee einer Italienreise.<\/p>\n\n\n\n<p>1786 brach der Schriftsteller von Weimar mit seiner Kutsche in Richtung Italien auf. Sein Arbeitgeber, der Herzog, wusste nichts von seinen Pl\u00e4nen, aber zur Freude Goethes wird er sp\u00e4ter feststellen, dass sein G\u00f6nner, ohne zu murren, den fast zweij\u00e4hrigen Aufenthalt finanzierte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das popul\u00e4re Reisebuch steht am Anfang der Italiensehnsucht der Deutschen. Dabei ist der Dichterf\u00fcrst kein Urlauber oder einfacher Tourist, er entspricht vielmehr dem klassischen Typus des Reisenden, der unterwegs arbeitet und die Inspiration durch die Kunst sucht. Die Gelassenheit der Italiener beeindruckte ihn auf seinen Etappen in Venedig, Rom, Neapel und Palermo. Franz Kafka, begeisterter Leser der Reisebetrachtungen, gefiel der achtsame Blick aus der Postkutsche, der es dem Leser erleichtert, den langsamen \u00dcbergang der Landschaften nachzuvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe nutzte die ersten Wochen seiner Reise, um zur Ruhe zu kommen. Schon in Verona bewunderte er den Umgang der Italiener mit der Zeit: \u201eZw\u00e4nge man dem Volke einen deutschen Zeiger auf, so w\u00fcrde man es verwirrt machen, denn der seinige ist innigste mit seiner Natur verwebt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Ph\u00e4nomen der Zeit widmet sich der Dichter auf eigent\u00fcmliche Art der Raumerfahrung. So faszinierte ihn in Venedig das Ma\u00df der \u00d6rtlichkeiten: \u201eGew\u00f6hnlich kann man die Breite der Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten st\u00f6\u00dft man schon mit den Ellbogen an, wenn man die H\u00e4nde in die Seiten stemmt; es gibt wohl breitere, auch hie und da ein Pl\u00e4tzchen, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig aber kann alles enge genannt werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Venedig erblickte er zum ersten Mal das Meer und widmet sich sogleich dem Sammeln von Muscheln, der Bestimmung von Wasserpflanzen und der Untersuchung des Saftes von Tintenfischen. Die genaue Beobachtung der Natur besch\u00e4ftigte ihn auf allen seinen Stationen. Im Botanischen Garten von Padua, denkt er \u00fcber die Metamorphose der Pflanzen nach. Der Anblick einer Palme faszinierte ihn derart, dass er sp\u00e4ter Setzlinge der Pflanze f\u00fcr weitere Experimente nach Weimar exportieren lies. Im weiteren Verlauf der Reise nach Neapel und Palermo, besch\u00e4ftigte ihn immer wieder die Idee der \u201eUrpflanze\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethes Rastlosigkeit endet erst bei seiner Ankunft in Rom. Dort hat er das Gef\u00fchl, wirklich angekommen zu sein. Am Ende seines Lebens wird er seinem Sekret\u00e4r Eckermann ein erstaunliches Fazit \u00fcber diesen Aufenthalt diktieren: \u201eJa, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei, zu dieser H\u00f6he, zu diesem Gl\u00fcck der Empfindung bin ich sp\u00e4ter nie wieder gekommen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Rom agierte der ber\u00fchmte Deutsche mit falschem Namen und setzte bewusst auf Selbstverkleinerung, um den Menschen nahe zu sein. Er bewohnte ein bescheidenes Zimmer und verzichtete bewusst auf jedes Protokoll. Das Hauptanliegen seiner Reise ist es eine Metamorphose, eine Verwandlung zu erleben. \u201eIch werde als neuer Mensch zur\u00fcckkommen\u201c, schrieb er \u00fcber seine Absichten an seine Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eindr\u00fccke seiner Reiseerfahrungen verarbeitete Goethe sp\u00e4ter in seiner Faust-Dichtung. Der ber\u00fchmte Pakt zwischen Faust und Mephisto hat, wie man wei\u00df, in seinem Zentrum eine merkw\u00fcrdige Wette. Nur wenn sein Gegenspieler, der \u00fcber alle M\u00f6glichkeiten der Zauberei und der Magie verf\u00fcgt, eine Situation schaffen w\u00fcrde, in der Faust \u201eAugenblick verweile\u201c ruft, h\u00e4tte er, Mephisto, die Wette gewonnen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn diesem Pakt diktiert Faust das moderne Gesetz der permanenten Revolution\u201c, fasst Michael Jaeger die Grundidee des Paktes zusammen. Faust kommt \u201ekeinen Augenblick zur Ruhe\u201c, wird \u201enie ans Ziel gelangen\u201c und ist immer auf der \u201eFlucht nach vorn\u201c. Goethe schuf mit dieser Szene die wichtigste Charakterisierung seiner Hauptfigur. Faust ist ein \u201eArchetyp der Moderne\u201c, schreibt Jaeger weiter, \u201eder radikal bricht mit der kulturellen, mit der religi\u00f6sen, philosophischen und politischen Tradition, um eine zweite, ganz neue Welt aufzubauen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Neue Welt beschreibt Goethe insbesondere im zweiten Teil des Faust, in der der Wissensdrang des Faust mit der Idee der Globalisierung zusammenf\u00e4llt. Die Erfindung des Papiergeldes ist, wie Goethe in dem Werk voraussieht, der Schl\u00fcssel f\u00fcr die \u00f6konomische Dynamik der Moderne. Das angestrebte Wachstum ohne Ende, die Logik permanenter Machtsteigerung zwingt den Protagonisten dazu, herbe Kollateralsch\u00e4den in Kauf zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe ist in jeder Hinsicht gepr\u00e4gt von dem Epochenwandel seiner Zeit. 1825 beschreibt der ergraute Dichter \u2013 angesichts der neuen Techniken der Macht &#8211; beinahe melancholisch und mit erstaunlicher Aktualit\u00e4t, in einem Brief an Georg Nicolovius den Umbruch:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e &#8230;so wenig nur die Dampfwagen zu d\u00e4mpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen m\u00f6glich: die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenw\u00e4rtig ein junger Mann gesetzt ist &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Noch heute lohnt sich die Lekt\u00fcre der Italienischen Reise, und die ausf\u00fchrlichen Beschreibungen von Orten, der Natur und wichtigen Kunstwerken. Der Text bleibt aktuell, weil er heute den wachsenden Sehns\u00fcchten der Reisenden nach einer ganzheitlichen Lebenserfahrung entspricht, einer Lebensform, die Arbeit, Kunst und Reisen verbindet. Die R\u00fcckkehr von intensiver Zeiterfahrung und der geschulte Blick auf das Detail am Wegesrand sind \u00dcbungen, in denen Goethe der Meister seines Faches ist, heutige Generationen von Lesern wieder nachhaltig beeindruckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe nimmt nicht zuletzt in seinen Reflexionen die Ausw\u00fcchse des Massentourismus vorweg, indem er die Gier nach Neuem und die unstillbare Lust an Ver\u00e4nderung als ein wesentliches Element des Faustischen bestimmt.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war eine Flucht. Goethe, der 1775 nach Weimar zog, hatte in dem kleinen F\u00fcrstentum eine erstaunliche Karriere gemacht. Schon nach einigen Jahren war er tief in die Regierungsgesch\u00e4fte des Landes verwickelt und zum wichtigsten politischen Berater des damaligen F\u00fcrsten &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-italienische-reise-von-johann-wolfgang-von-goethe\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":145,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-144","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reiseliteratur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/144","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=144"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":146,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/144\/revisions\/146"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/145"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=144"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=144"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=144"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}