{"id":296,"date":"2021-08-11T13:50:38","date_gmt":"2021-08-11T11:50:38","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=296"},"modified":"2021-08-11T13:50:39","modified_gmt":"2021-08-11T11:50:39","slug":"wahrnehmungsmanager","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wahrnehmungsmanager\/","title":{"rendered":"&#8220;Wahrnehmungsmanager&#8221;"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Bibliothek unserer Eltern steht eine ganze Reihe von ber\u00fchmten Reisef\u00fchrern: die Baedeker. Generationen von Urlauber sind diesen Beschreibungen \u00fcber das Sehenswerte gefolgt. Die dritte Auflage der Rheinreise, im Jahr 1839 erschienen, markiert den Anfang der Erfolgsgeschichte des Verlages. Eine Route, f\u00fcr die Baedeker 1864 noch 6 Wochen Reisezeit veranschlagt. Ein erster Hinweis, dass unser Reisen heute auf eine andere Zeit- und Raumdimension hinweist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die roten B\u00fccher sind l\u00e4ngst Dokumente der Kulturgeschichte und beschreiben den langsamen \u00dcbergang vom Inhalt zum Bild, als aktuell dominante Form der Registrierung unserer Reiseerfahrungen. In ihrem Selbstverst\u00e4ndnis empfehlen Reisef\u00fchrer den Weg zum Erhabenen und Sch\u00f6nen, Begriffe die einer historisch bedingten Wahrnehmung folgen und heute zunehmend in die Natur weisen. 1850 erinnert Wilhelm Riehl daran, dass \u201ejedes Jahrhundert nicht nur seine eigene Weltanschauung hat, sondern auch seine eigene Landschaftsanschaung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtiger wie die politischen und sozialen Verh\u00e4ltnisse vor Ort, die Beschreibung der Mitmenschen, werden die Natur und Sehensw\u00fcrdigkeiten. Kaum jemand kommt auf die Idee in der Fremde ein Arbeitsamt oder ein Krankenhaus zu besuchen, gar die Brotpreise im Ausland zu studieren. Was w\u00fcrdig zu sehen ist, dass erkl\u00e4ren und definieren bis heute die \u201eWahrnehmungsmanager\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In unserer Welt der sozialen Medien vertrauen wir zunehmend Algorithmen, die die Wege ans Ziel effizient anzeigen und wir beobachten, welche \u201etraumhaften\u201c Orte Blogger und Influencer als sehenswert anpreisen. Egal, ob wir uns mit Hilfe der Technik fortbewegen oder den Gesetzen des Zufalls und der Spontanit\u00e4t folgen, es sind letztlich wir, die das Sch\u00f6ne und Erhabene immer wieder neu entdecken. L\u00e4ngst pr\u00e4gt unsere Erwartungen, ungewohnte Sichtweisen auszuprobieren, namenlose Orte zu aufzusuchen und neue Erfahrungen individuell zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Bewertung ob wir Reisende, Urlauber oder Touristen sind, ist heute ein wichtiges Kriterium der Unterscheidung unserer Motivationen. In der Praxis verschmelzen diese theoretischen Unterschiede. Im Grunde versuchen wir, meist alle Formen des unterwegs seins zu verbinden. Idealerweise erleben wir auf dem Weg Abenteuer, Erholung und Weiterbildung zugleich. Der Anspruch bleibt: Eine gelungene Reise ver\u00e4ndert uns und f\u00fchrt zu h\u00f6herem Bewusstsein. Zumindest in der Theorie, denn wir misstrauen oft dem Ged\u00e4chtnis, sind mit der Herstellung von Bildern, Portr\u00e4ts und Videos besch\u00e4ftigt, die, im Extremfall, eine andere Form des Stresses in den Reisealltag einf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unseren eigenen Stil zu finden ist ein altes Problem. Rainer Maria Rilke, ein dichtender Reisender, schrieb einst \u00fcber seine Zeitgenossen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIn Italien laufen sie blind an tausend leisen Sch\u00f6nheiten vorbei zu jenen offiziellen Sehensw\u00fcrdigkeiten hin, die sie doch meistens nur entt\u00e4uschen, weil sie, statt irgendein Verh\u00e4ltnis zu den Dingen zu gewinnen, nur den Abstand merken zwischen ihrer verdrie\u00dflichen Hast und dem feierlich-pedantischen Urteil des Kunstgeschichtsprofessors, welches der Baedeker ehrfurchtsvoll gedruckt verzeichnet. Fast w\u00fcrde ich denen den Vorzug geben, welche als erste, weit \u00fcberragende Erinnerung mitbringen: das gute Kotelett, welches sie gegessen haben; denn sie bringen doch wenigstens eine aufrichtige Freude mit, etwas Lebendiges. Eigenes. Intimes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P.S:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwei B\u00fccher besch\u00e4ftigen uns in diesem Kontext:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir lesen die \u201eMedienkulturgeschichte des Reisef\u00fchrers. Die Welt des Baedeker\u201c von Susanne M\u00fcller, erschienen im Campus Verlag. Die Autorin zeigt wie sich die Seh- und Reisegewohnheiten der Reisenden, gepr\u00e4gt von der Lekt\u00fcre von Reiseliteratur, \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndert. Faszinierend!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Parallel dazu lesen wir das Buch \u201eDurch Europa! Eine Reise auf der Suche nach der Wahrheit\u201c von Rory McLean (Rauch Verlag) , die uns an eine andere Dimension des Genres erinnert. Der Reiseschriftsteller bereist Osteuropa und kommt dabei ohne jeden Hinweis auf die Sch\u00f6nheiten der Region aus. Er beschr\u00e4nkt sich allein auf die Darstellung der politischen und sozialen Realit\u00e4t der Menschen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Bibliothek unserer Eltern steht eine ganze Reihe von ber\u00fchmten Reisef\u00fchrern: die Baedeker. Generationen von Urlauber sind diesen Beschreibungen \u00fcber das Sehenswerte gefolgt. 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