{"id":300,"date":"2021-08-18T17:08:09","date_gmt":"2021-08-18T15:08:09","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=300"},"modified":"2021-08-18T17:08:09","modified_gmt":"2021-08-18T15:08:09","slug":"nomaden-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/nomaden-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Nomaden der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<p>Bevor das OSKAR pr\u00e4mierte Werk \u201eNomadland\u201c der Regisseurin Chloe Zhao in den deutschen Kinos erscheint, lesen wir das dem Film zugrunde liegende Buch \u201eNomaden der Arbeit\u201c von Jessica Bruder. Die Professorin der Columbia Graduate Journalism School widmet sich seit Jahren subkulturellen und wirtschaftlich-sozialen Ph\u00e4nomenen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr ihr Buch recherchierte sie einige Jahre \u00fcber die Lebensbedingungen moderner Nomaden in Amerika und erkl\u00e4rt, warum immer mehr \u00e4ltere Menschen in Wohnmobilen und Vans durch das Land fahren. Sie lernte dabei, dass die von ihr beobachteten Camper die Titulierung \u201ehomeless\u201c ablehnen. Ausgestattet mit Obdach und Transportmittel, wie sie sind, ziehen sie eine andere Wortsch\u00f6pfung vor: Sie bezeichnen sich schlicht und einfach als \u201ehouseless\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztendlich steht das selbstgew\u00e4hlte Nomadenleben f\u00fcr den Versuch, einem wirtschaftlichen Paradoxon zu entkommen: steigende Mieten und Niedrigl\u00f6hne. F\u00fcr viele Pension\u00e4re, die im Film auftauchen, ist der Traum des b\u00fcrgerlichen Lebens gescheitert. Sie sind keine sorglos umherreisende Rentner, sondern sie m\u00fcssen, um \u00fcber die Runden zu kommen, hart arbeiten. Trotz der Herausforderungen ihrer sozialen Lage genie\u00dfen sie aber auch das allt\u00e4gliche Camperleben. \u201eDas letzte St\u00fcckchen Freiheit in Amerika ist ein Parkplatz\u201c schreibt Bruder.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensgeschichte von Linda May steht exemplarisch im Mittelpunkt des Buches. May konnte sich keine Rente erarbeiten und ihre Sozialhilfe reicht nicht einmal f\u00fcr die Miete. Sie teilt das Schicksal vieler \u00e4lterer Pension\u00e4re in den USA. 2015 lebte jede sechste, alleinstehende Frau unter der Armutsgrenze. Bruder beschreibt das abenteuerliche Leben von Linda, die ihre Reisen im Van mit zahlreichen Gelegenheitsjobs finanziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch beschreibt hier \u201eCamperForce\u201c, ein von Amazon ins Leben gerufenes Programm zur Einstellung von Wanderarbeiter. Diese Menschen sind moderne Reisende, die zeitlich begrenzte Jobs annehmen und denen daf\u00fcr von dem Unternehmen ein kostenloser Stellplatz zur Verf\u00fcgung gestellt wird. Oft arbeiten die Rentner bis zur Ersch\u00f6pfung und unter h\u00e4rtesten Bedingungen. Ihr Ziel ist, nicht obdachlos zu werden und ein freies, bescheidenes Leben zu f\u00fchren. \u201eDie Nomaden, die ich monatelang interviewt hatte, waren weder machtlose Opfer noch unbek\u00fcmmerte Abenteurer\u201c schreibt Bruder. Und: \u201eSein Schicksal selbst zu w\u00e4hlen, war, wie sich herausstellte, ein sehr wichtiger Punkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die soziale Frage ist in den USA historisch mit dem Begriff des Vanlife verbunden. Mitte der 1930er Jahre, die Great Depression hatte Amerika fest im Griff, wurden Wohnanh\u00e4nger zum ersten Mal in Massen gefertigt. Der Traum zu entfliehen und die \u00f6konomischen Ursachen dieser Sehnsucht sind in diesem Kontext einzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele \u201eNomaden\u201c bilden eine \u201eSippe von Umherziehenden\u201c, schaffen virtuelle und reale Communities, um ein soziales Netz aufzubauen. Sie formen auf diese Weise eine logische statt biologische Familie. Gro\u00dfe nationale Treffen f\u00f6rdern den Trend: So versammeln sich in der W\u00fcste, in der N\u00e4he von Quartzsite, in den Wintermonaten zehntausende Camper, um gemeinsam zu \u00fcberwintern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Probleme des Nomadenlebens, bis hin um den Kampf um Stellpl\u00e4tze sind ebenso ein Thema des Buches. \u201eDie Regierung will, dass wir in einem Haus oder Apartment wohnen\u201c wird ein Influencer der Szene angesichts neuer Meldebestimmungen und anderer Restriktionen zitiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film \u201eNomadland\u201c wurde in den Medien daf\u00fcr kritisiert, die Sozialkritik des Buches zu vernachl\u00e4ssigen und die Geschichte der Protagonistin in eine romantisierende Bildersprache zu \u00fcbersetzen. Chloe Zhao reagierte auf diese Kritik in einem Interview in der Los Angeles Times:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn man genau hinschaut, ist das Thema Altersf\u00fcrsorge als Opfer des Kapitalismus in jedem Bild zu sehen\u201c, sagt sie. \u201eEs ist nur, ja, da ist der wundersch\u00f6ne Sonnenuntergang dahinter.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Leseempfehlung:<br>Jessica Bruder, Nomaden der Arbeit, Blessing Verlag<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor das OSKAR pr\u00e4mierte Werk \u201eNomadland\u201c der Regisseurin Chloe Zhao in den deutschen Kinos erscheint, lesen wir das dem Film zugrunde liegende Buch \u201eNomaden der Arbeit\u201c von Jessica Bruder. 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