{"id":314,"date":"2021-10-10T12:37:00","date_gmt":"2021-10-10T10:37:00","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=314"},"modified":"2021-10-10T12:37:01","modified_gmt":"2021-10-10T10:37:01","slug":"weimar-zwischen-museum-und-inspiration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/weimar-zwischen-museum-und-inspiration\/","title":{"rendered":"Weimar, zwischen Museum und Inspiration"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<p>Mythos, Ideenwerkstatt, Inspirationsquelle oder doch nur ein gro\u00dfes Museum? Wie man genau die Rolle der Kleinstadt an der Ilm heute einsch\u00e4tzt, bleibt den BesucherInnen aus aller Welt \u00fcberlassen. Goethe- und Schillerhaus, zuletzt das neu er\u00f6ffnete Bauhausmuseum, entfalten ihre Magnetwirkung. F\u00fcr uns ist die Stadt immer wieder ein Besuch wert, und wir verlassen sie nie, ohne etwas Neues f\u00fcr uns entdeckt zu haben. Das Wohnmobil haben wir auf unserer Herbsttour am Schwimmbad abgestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Nationaltheater erinnert das ber\u00fchmte Denkmal, worum sich hier alles dreht: Goethe und Schiller. Die Freunde wurden dort Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Sockel gestellt und zu Nationaldichter erkoren. Eine Bestimmung, der sich der Weltb\u00fcrger Goethe entzieht. Nationalismus war nie seine Sache, sein Ideal von anderer Natur:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcberhaupt ist es mit dem Nationalha\u00df ein eigenes Ding.- Auf den untersten Stufen der Kultur werden sie ihn am st\u00e4rksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet , und wo man gewisserma\u00dfen \u00fcber den Nationen steht, und man ein Gl\u00fcck oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als w\u00e4re es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gem\u00e4\u00df, und ich hatte mich darin l\u00e4ngst befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Freundschaftsbund Goethe \/ Schiller (1789-1805) ist das Symbol der Weimarer Klassik und stellt den Versuch dar, \u201egegen die formaufl\u00f6senden Tendenzen der Revolutionsperiode eine an der Antike und der Tradition der humanistischen Poetik orientierte Kunstform zu begr\u00fcnden..\u201c (Borchmeyer).<\/p>\n\n\n\n<p>Um das komplexe Lebenswerk und den Lebensstil Goethes besser zu verstehen, ist zun\u00e4chst ein Besuch des Goethehauses zu empfehlen. \u00dcberall st\u00f6\u00dft man dort auf Hinweise einer ganzheitlichen Weltanschauung, von der griechischen Kunst, \u00fcber die Naturwissenschaften bis hin zu den Themen seiner Dichtung. Man ahnt, dass eine konkrete Besch\u00e4ftigung mit dem Werk, etwa 30.000 Seiten, davon 15000 Seiten Briefe, eine Lebensaufgabe ist. Die beste Goethe-Biographie (\u201eKunstwerk des Lebens\u201c) von R\u00fcdiger Safranski &#8211; er hat an der genialen Einf\u00fchrung sechs Jahre geschrieben &#8211; kann man im \u00f6rtlichen Buchhandel erwerben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stiftung Weimarer Klassik bietet fortlaufend Ausstellungen an, die der Aktualit\u00e4t der Denker immer wieder neu Ausdruck verleihen. Im Jahr 2020 zeigte sie unter dem Titel \u201eAbenteuer der Vernunft\u201c eindrucksvoll auf, dass Goethe ein begeisterter Naturwissenschaftler war. Die ber\u00fchmte Farbenlehre, nach den Worten des Dichters sein bedeutendstes Werk, aus dem Jahr 1810, gilt noch immer als ein wichtiges Fachbuch. Die Anschaulichkeit naturwissenschaftlicher Verfahren ist f\u00fcr ihn elementar:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Betrachten und Nachdenken \u00fcber das Betrachtete galt Goethe als eine Einheit. Technische Instrumente zum Zwecke experimenteller Erkenntnis, die sich zwischen das Betrachten und Nachdenken schieben m\u00fcsste, lehnte er dabei, wie bekannt, ab. Die im Wesentlichen einzigen Instrumente, die er zulie\u00df, waren die Sinnesorgane. Der Sinn der Natur, davon blieb Goethe \u00fcberzeugt, k\u00f6nne sich nur auf sinnliche Weise erfassen lassen.\u201c (R\u00fcdiger G\u00f6rner, Goethes geistige Morphologie)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Metamorphose von Mensch und Natur, die Beobachtung der Gesetze permanenter Ver\u00e4nderung, besch\u00e4ftigen den Meister zeitlebens. Nach dem Selbstverst\u00e4ndnis des Dichters ist er dabei im Feld der Kunst ein Polytheist, in seinem Naturverst\u00e4ndnis Pantheist und im sittlichen Umgang Monotheist. Goethes Auseinandersetzung mit der Naturwissenschaft, sein T\u00e4tigsein in Politik und Gesellschaft und seine ehrf\u00fcrchtige Haltung gegen\u00fcber der Natur ergeben so seine einmalige Gestalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe kommt im Alter von 26 Jahren in die damals 6000 Einwohner z\u00e4hlende Stadt. Wenige Zeit sp\u00e4ter ist er eine der m\u00e4chtigsten M\u00e4nner Weimars. Seine Freundschaft zu dem Regenten Carl August, der ihm wichtige Regierungs\u00e4mter anvertraut, macht es m\u00f6glich. Das Kunstwerk des Lebens hat einen Bezug zur Politik. Das Goethehaus ist ein willkommenes Geschenk des F\u00fcrsten. Vorw\u00fcrfe, er sei ein \u201eF\u00fcstendichter\u201c \u00e4rgern Goethe bis ins hohe Alter:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun hei\u00dft es wieder, ich sei ein F\u00fcrstendiener, ich sei ein F\u00fcrstenknecht. Als ob damit etwas gesagt w\u00e4re! Diene ich etwa einem Tyrannen? Einem Despoten? (\u2026.) Ich bin dem Gro\u00dfherzog seit einem halben Jahrhundert auf das innigste verbunden und habe ein halbes Jahrhundert mit ihm gestrebt und gearbeitet; aber l\u00fcgen m\u00fcsste ich, wenn ich sagen wollte, ich w\u00fcsste einen einzigen Tag, wo der Gro\u00dfherzog nicht daran gedacht h\u00e4tte, etwas zu tun und auszuf\u00fchren, dass dem Lande zum Wohle gereichte, und das geeignet w\u00e4re, den Zustand des Einzelnen zu verbessern. (Gespr\u00e4ch mit Eckermann, 27. April 1825)<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Italienische Reise (1786 &#8211; 1788) ist ein Wendepunkt im Leben des Dichters in Weimar. Die politischen Verpflichtungen am Hof haben zu einem \u201eBurnout\u201c und einer Schreibblockade gef\u00fchrt. Er fl\u00fcchtet an seinen Sehnsuchtsort um zu malen und inkognito zu reisen. Sp\u00e4ter wird er als alter Mann seinem Vertrauten Eckermann berichten, dass er dort am gl\u00fccklichsten gewesen sei. Nach der R\u00fcckkehr aus Italien widmet sich Goethe wieder verst\u00e4rkt dem Schreiben und der Vollendung wichtiger Werke: Wahlverwandtschaften 1809; Ost-Westlicher Divan 1819; Wilhelm Meister Lehr und Wanderjahre (1821) und Faust 1831.<\/p>\n\n\n\n<p>1825 beschreibt der Dichter \u2013 angesichts neuer Techniken der Macht, melancholisch und mit erstaunlicher Aktualit\u00e4t, in einem Brief an Georg Nicolovius, den Zeitenwandel, in dem er sich findet:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u2026so wenig nur die Dampfwagen zu d\u00e4mpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen m\u00f6glich: die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergeldes, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuren Elemente, auf die gegenw\u00e4rtig ein junger Mann gesetzt ist\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wer den Klassiker, als ein Ph\u00e4nomen der Vergangenheit einordnet, mag sich wundern, wie aktuell die Faust-Dichtung heute erscheinen kann. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Mephisto und Faust ist nach wie vor ein Symbol der Moderne und verweist auf zentrale Probleme bis in das 21. Jahrhundert. \u201eIn diesem Pakt diktiert Faust das moderne Gesetz der permanenten Revolution, die desgleichen keinen Augenblick zur Ruhe, nie ans Ziel gelangen darf, die immer auf der Flucht nach vorn ist.\u201c (Michael Jaeger, Global Player Faust).<\/p>\n\n\n\n<p>Globalisierung, Umweltprobleme, virtuelle Welten und Menschenexperimente sind zentrale Themen in dem Werk. Im zweiten Teil des Faust wird die Erfindung des Papiergeldes, die Schaffung des Geldes aus dem Nichts, beschrieben. Goethe sieht in der neuen Geldpolitik den Kern politischer Probleme und den Hintergrund der Wachstumsideologie: \u201eHinter Mephistos Angebot einer gleichsam magischen Geldvermehrung ist das revolution\u00e4re Projekt der modernen Finanz\u00f6konomie schlechthin zu erkennen: die Papiergeldsch\u00f6pfung\u201c (Binswanger)<\/p>\n\n\n\n<p>Wer sich f\u00fcr das \u201eDrama der Moderne\u201c interessiert, sollte Jaegers neue Faust-Einf\u00fchrung (2021) lesen. Hier wird das Unbehagen Goethes \u00fcber den technisch-industriellen Umbau von Natur und Gesellschaft und den Bruch mit der philosophischen und religi\u00f6sen \u00dcberlieferung Europas beschrieben. Das Schicksal des Faust nach seinem Tod, bis hin zur Frage nach dem Jenseitigen, l\u00e4sst gro\u00dfen Interpretationsspielraum zu. In Glaubensfragen war der Schriftsteller kein engstirniger Dogmatiker.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eReligi\u00f6s in einem ganz allgemeinen Sinne war Goethe sehr wohl, n\u00e4mlich im urspr\u00fcnglichen, w\u00f6rtlichen Verst\u00e4ndnis der religio als spiritueller Ehrfurcht vor jenem dem menschlichen Willen \u2013 zur Macht \u2013 Unzug\u00e4nglichen und Unverf\u00fcgbaren, dem Goethe den dezidiert unorthodoxen Namen des Ewig-Weiblichen geben konnte\u2026 (Michael Jaeger, Global Player Faust).<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ende des Werkes bleibt offen und l\u00e4dt zu neuen Interpretationen ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Weimar ist also keine Museumsstadt, sondern noch immer eine Inspirationsquelle. Das ist zumindest unser wiederkehrendes Fazit. Wem die Klassik dabei zu viel wird, schlendert einfach nur durch die Stadt, um so den Gang der Zeitgeschichte zu reflektieren oder den Ilmpark entdecken. Auf diesem Spaziergang wird man das Werk der Jahreszeiten bewundern, die Metamorphose der Natur erleben, sich f\u00fcr das Spiel der Zeit \u00f6ffnen und auf diese Weise sich den Grundeinsichten Goethes ann\u00e4hern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythos, Ideenwerkstatt, Inspirationsquelle oder doch nur ein gro\u00dfes Museum? Wie man genau die Rolle der Kleinstadt an der Ilm heute einsch\u00e4tzt, bleibt den BesucherInnen aus aller Welt \u00fcberlassen. Goethe- und Schillerhaus, zuletzt das neu er\u00f6ffnete Bauhausmuseum, entfalten ihre Magnetwirkung. F\u00fcr &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/weimar-zwischen-museum-und-inspiration\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":315,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-314","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisewege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=314"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":316,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/314\/revisions\/316"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=314"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=314"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=314"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}