{"id":318,"date":"2021-10-26T14:19:11","date_gmt":"2021-10-26T12:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=318"},"modified":"2021-10-26T14:19:12","modified_gmt":"2021-10-26T12:19:12","slug":"mythos-cote-dazur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/mythos-cote-dazur\/","title":{"rendered":"Mythos C\u00f4te d\u00b4Azur"},"content":{"rendered":"<p>Vermutlich jeder Reisende verf\u00fcgt schon vor der Abreise \u00fcber Bilder, Informationen und Erinnerungsspuren, die die Wahl seiner Reiseziele, sei es bewusst oder unbewusst, bestimmen. Besonders gilt dies, wenn seine Destination einen Mythos verk\u00f6rpert. Sonne, blaues Meer, Promenaden, Kasinos und Luxushotels: Das ist die popul\u00e4re Vorstellung von der Riviera.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Begriff der C\u00f4te d\u00b4Azur gibt es erst seit 1887. Wie kaum in einer anderen Landschaft der Welt, \u00fcberlagern und durchdringen Literatur, bildende Kunst und Film unsere Eindr\u00fccke dieser Region. Hinzu kommen B\u00fccher, die das Thema auf unterschiedlichste Weise ausmalen und den Leser &#8211; auch wenn er noch gar nicht losgefahren ist &#8211; in die Welt der Imagination einf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Wahrheit im emphatischen Sinne hat einen narrativen Charakter\u201c argumentiert der Philosoph Byul-Chul Han. Das Ende der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, das die Postmoderne einleitet, vollendet sich in seiner Sicht in der Tristesse der Informationsgesellschaft. Tats\u00e4chlich gibt es kaum eine Landschaft, die so oft photographiert wurde und \u00fcber die eine so un\u00fcberschaubare Zahl von Reisef\u00fchrern oder Internetseiten berichtet. Es sind aber keine klassischen Reiseb\u00fccher, die die Augen f\u00fcr das eigentliche Wesen dieser K\u00fcste \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Schriftsteller Guy de Maupassant (1850-1893) ist im Jahr 1886 auf seinem Segler Bel-Ami an der K\u00fcste entlang gesegelt. Genau in der Zeit, als der Mythos der Riviera entsteht. Sein Buch \u201eauf See\u201c ist kein Reisef\u00fchrer, sondern eine Beschreibung seiner inneren K\u00e4mpfe und die Darstellung \u00e4u\u00dferer Landschaften unter dem Eindruck von Land und Meer. Das Werk ist eine Hymne an die Natur, aber stellenweise eine Verfluchung des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Stimmungswechsel beschreibt er offen: \u201eAn manchen Tagen bin ich so entsetzt \u00fcber das, was ist, dass sich am liebsten tot w\u00e4re. Und: \u201eAn manch anderen hingegen freue ich mich an allem wie ein Tier.\u201c Immer wieder erf\u00e4hrt er die Langeweile, die Grundstimmung des Nihilismus, die auch die Aussicht auf die Sch\u00f6nheit der K\u00fcste nicht vertreibt: \u201eSo sehr sp\u00fcre ich die unwandelbare Eint\u00f6nigkeit von Landschaften, Gesichtern und Gedanken, dass ich aufs \u00c4u\u00dferste darunter leide.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler nimmt den Leser auf zahlreiche Landausfl\u00fcge mit, beschreibt St\u00e4dte wie St.Tropez, Nizza oder St. Raphael, er erkl\u00e4rt den Esprit der Franzosen auf und begegnet den Widerspr\u00fcchen der Gesellschaft. Dabei hat er auch Zeit f\u00fcr eine ironische Selbstreflexion \u00fcber die Besessenheit des Schriftstellers: \u201eSein Auge ist wie eine Pumpe, die alles aufsaugt, wie die Hand eines fortw\u00e4hrend t\u00e4tigen R\u00e4ubers.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Erz\u00e4hlung beeindruckt die Schilderung des Meeres, die seiner existentiellen Grundstimmung, zwischen Offenheit und Verzweiflung schwankend, den Rahmen gibt. In der Nacht beobachtet er das Auftauchen eines Schiffes: \u201eNichts ist seltsamer, fantastischer und ergreifender als diese blitzartigen Erscheinungen auf dem Meer.\u201c Am Tag erlebt er einen Sturm: \u201eWer diese hohe See nicht gesehen hat, dieses Meer von rasch und schwer dauerrollenden Bergen, getrennt durch sich jede Sekunde fortbewegende, sich unentwegt f\u00fcllende und neu bildende T\u00e4ler, ahnt nichts, wei\u00df nichts von der geheimnisvollen, furchterregenden, schrecklichen Gewalt der Wogen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Guy de Maupassant ist ein engagierter politischer Schriftsteller, den die Verherrlichung des Krieges, durch den deutschen General Moltke, der das Wesen der Schlacht als einen geistigen Akt gegen den \u201escheu\u00dflichen Materialismus\u201c verkl\u00e4rt hatte, emp\u00f6rt. \u201eAch! Lasst uns diese absoluten Wahrheiten ausrufen, schneiden wir dem Krieg die Ehre ab\u201c schreibt der er dazu, um gleich zu resignieren: \u201eVergebliche Wutausbr\u00fcche, die Emp\u00f6rung eines Dichters. Der Krieg steht in h\u00f6heren Ehren denn je.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schrecken, der von Krieg und Nationalismus ausgeht, steht im Mittelpunkt des Lebens der Geschwister Erika (1905-1969) und Klaus Mann (1906-1949). Der Einsatz gegen den Faschismus hat das Werk der beiden Schriftsteller gepr\u00e4gt. In ihrem Buch \u00fcber die Riviera aus den fr\u00fchen 30er Jahren spielt die gro\u00dfe Politik keine Rolle. Nur kurz, am Ende ihrer Fahrt entlang der K\u00fcste erw\u00e4hnen sie eine Beobachtung in Genua: \u201eMeistens tut sich etwas Milit\u00e4risches, ein Umzug von Schwarzhemden, eine kleine Parade. Schweigen wir hiervon, kein Wort \u00fcber Politik, sonst g\u00e4be es viele und b\u00f6se Worte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Reisebericht erscheint 1931 in der Reihe \u201ewas nicht im Baedeker steht\u201c und ist eine Art Vorl\u00e4ufer des alternativen Reisef\u00fchrers. Sie sind mit dem Auto unterwegs. An der C\u00f4te d`Azur erfahren sie \u201edie Kraft dieser zugleich beruhigend sanften und bunten Landschaft, konzentrierend zu wirken, wenn man Konzentration und produktive Sammlung sucht.\u201c Immer wieder tauchen Maler, Schriftsteller und Lebensk\u00fcnstler in ihren locker gehaltenen Beschreibungen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWo lasse ich, um Gottes Willen, all mein Geld? Um Gottes Willen, wohin damit?\u201c Die \u00f6konomische Frage, die in den 20er und 30er Jahren zum Schicksal wird, taucht immer wieder, in Anspielungen und konkreten Zahlen, auf. Sie erw\u00e4hnen auf jeder Seite die Preise der teuren Hotels, verwiesen auf g\u00fcnstige Restaurants und suchen nach Wegen, mit kleinem Budget, den Reiz der K\u00fcste zu erleben. \u201eDas ist die Gegend, wo sie Grundst\u00fccke kaufen sollten!\u201c Die Autoren werden nebenbei sogar zu vorausschauenden Finanzberater.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser besucht mit ihnen die Kasinos, die in vielen St\u00e4dten einen gesellschaftlichen Mittelpunkt der spielenden Klasse bilden. \u201eDas Rollen der Kugel symbolisiert auf eine primitive und eben fast kindische vereinfachte Art die die gnadenlose Willk\u00fcr des Schicksals\u201c schreiben sie, w\u00e4hrend sie Menschen beobachten, die am Spieltisch in Sekunden arm oder reich werden. Ein Spiel, das sich an den B\u00f6rsen wiederholt. \u201eKasinokapitalismus\u201c nennt man dieses Ph\u00e4nomen heute.<\/p>\n\n\n\n<p>In Juan-les-Pins f\u00e4llt ihnen ein ber\u00fchmtes Bauwerk auf: \u201eWenn sie zuf\u00e4llig in Juan wohnen, tun sie es nicht unter dem Hotel Provencal, das, eine Burg des Reichtums, von erh\u00f6hter Stelle \u00fcbers Meer herrscht\u201c. Die atmosph\u00e4rische Eigenheit des Seebades und die Entwicklung seiner Architektur steht im Mittelpunkt eines neueren Buches von Lutz Hachmeister \u00fcber die Geschichte der C\u00f4te d\u00b4Azur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Hotel Provencal, 1927 er\u00f6ffnet, war \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnte Gesch\u00e4ftsmodell und gesellschaftliches Zentrum des Seebades. Entwickelt hat das Projekt Frank J. Cloud (1877-1956) US-Multimillion\u00e4r und j\u00fcngster Sohne eines amerikanischen Oligarchen. Die Investitionen der neuen Reichen schaffen ein Gegenmodell zu den existierenden Adelsrefugien wie Nizza und Cannes. Hier treffen sich Touristen, Urlauber und Reisende aus allen Schichten. Picasso, Hemingway, K\u00fcnstler und Musiker garantieren dem Ort \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konzentration auf diesen Ort erlaubt es dem Autor in zahlreiche Schicksale einzuf\u00fchren, die Geschichten von Hoteliers, Spekulanten, bis hin zu den Opfern der kriminellen Machenschaften der Nationalsozialisten. Damit gelingt ihm ein, \u00fcber Jahrzehnte aufgespanntes, einmaliges Sittengem\u00e4lde. Die Metamorphose des Bades ist nach dem 2. Weltkrieg nicht abgeschlossen. Ein Kapitel behandelt die Etablierung des ber\u00fchmtem Jazz-Festivals, dass in unmittelbarer N\u00e4he des Hotels, inzwischen eine Ruine, stattfindet. Das Bild des Ortes ver\u00e4ndert sich stetig, es wird modernisiert, neue Ferienanlagen werden gebaut, andere abgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hachmeister erz\u00e4hlt so \u00fcber das r\u00e4tselhafte Nebeneinander von architektonischem Verfall und Superluxus an diesem K\u00fcstenabschnitt. Sein Fazit: \u201eWelthistorische Umw\u00e4lzungen k\u00fcmmern die C\u00f4te d\u00b4Azur nicht, denn hier wechselt nur die Nationalit\u00e4t der verm\u00f6genden Investoren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gibt es, neben der landschaftlichen Sch\u00f6nheit, noch den urspr\u00fcnglichen Charme der Region? Wohl kaum. Vermutlich wie man ihn nur in den Gem\u00e4lden der Maler finden. Claude Monet wohnte 1888 in dem Seebad und schuf seine ber\u00fchmten impressionistischen Bilder vom Cap d\u00b4Antibes und dem menschenleeren Strand von Juan-les-Pins.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Guy de Maupassant , Auf See, Mareverlag, Hamburg<\/p>\n\n\n\n<p>Erika und Klaus Mann, Das Buch der Riviera, Rowohlt Verlag, Hamburg<\/p>\n\n\n\n<p>Lutz Hachmeister, Hotel Provencal, eine Gesichte der C\u00f4te d&#8220;Azur, Bertelsmann Verlag, M\u00fcnchen <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vermutlich jeder Reisende verf\u00fcgt schon vor der Abreise \u00fcber Bilder, Informationen und Erinnerungsspuren, die die Wahl seiner Reiseziele, sei es bewusst oder unbewusst, bestimmen. Besonders gilt dies, wenn seine Destination einen Mythos verk\u00f6rpert. 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