{"id":337,"date":"2021-12-05T12:44:57","date_gmt":"2021-12-05T11:44:57","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=337"},"modified":"2021-12-05T12:44:58","modified_gmt":"2021-12-05T11:44:58","slug":"die-freiheit-des-traeumers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-freiheit-des-traeumers\/","title":{"rendered":"Die Freiheit des Tr\u00e4umers"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n\n\n\n<p>Inmitten des Bieler Sees treibt ein Ruderboot. Ein Mann liegt bewegungslos auf dem R\u00fccken und blickt in den blauen Himmel. Hinter der idyllischen Szene, wir sind im Jahr 1765, verbirgt sich ein philosophisches Ereignis. Der einsame Ruderer ist weltber\u00fchmt. Jean Jacques Rousseau (1712-1768) ist ein Multitalent, Denker, Schriftsteller und Komponist.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Hauptwerke, der Briefroman La nouvelle H\u00e9loise (1761), das verfassungsrechtliche Traktat Du contrat social (1762) und im selben Jahr, die romanhafte p\u00e4dagogische Lehrschrift \u00c9mile, lassen ihn zu einer umstrittenen Figur werden. Rousseau prangert die herrschenden Verh\u00e4ltnisse des Absolutismus an, begr\u00fcndet die Rechte des B\u00fcrgers und lehnt die Offenbarungsreligionen ab. Seine B\u00fccher l\u00f6sen Skandale aus und zwingen ihn zu einem Leben auf der Flucht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c lautet heute eine Formel, die wir mit dem Philosophen in Verbindung bringen, eine Maxime, die uns dazu auffordert, sich wieder an den nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen zu orientieren. Der urspr\u00fcngliche, von Natur aus gute Mensch, lebt in der Einheit mit der Umwelt, lehrt der Denker. Das Zitat wird ihm f\u00e4lschlicherweise zugeschrieben. Rousseau wei\u00df, dass es weder m\u00f6glich ist, die Zivilisationsentscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, noch die Aufkl\u00e4rung aufzuhalten. Er bleibt aber sein Leben lang skeptisch gegen\u00fcber der Fortschrittsgl\u00e4ubigkeit, die aus dem Siegeszug der Wissenschaft und Technologie hervorgeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine geistigen K\u00e4mpfe fordern ihren Tribut. Das Leben Rousseaus wird zunehmend von Streit, Weltflucht und Einzelg\u00e4ngertum bestimmt. Es war die Paranoia, eine mit der Schizophrenie verwandte Form von Geisteskrankheit, es war der Verfolgungswahn, der Rousseau vor den Menschen fliehen und die Einsamkeit suchen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer wichtigen Station seines Lebens wird der knapp zweimonatige Aufenthalt auf der Petersinsel im Bieler See. Dort ist er ungest\u00f6rt, kein Reisebericht seiner Zeit erw\u00e4hnt den Ort. Der Schriftsteller schreibt nicht, sondern verbringt die Tage in der Natur und betreibt intensiv seine Pflanzenforschungen. \u201eMann verg\u00f6nnte mir kaum zwei Monate auf dieser Insel, ich aber h\u00e4tte zwei Jahre, zwei Jahrhunderte, ja die ganze Ewigkeit dort verbracht, ohne mich einen Augenblick zu langweilen\u201c erinnert sich Rousseau sp\u00e4ter. Sein Buch \u201eTr\u00e4umereien eines einsamen Spazierg\u00e4ngers\u201c, verfasst in seinen beiden letzten Lebensjahren, beschreibt den Ausflug mit dem Ruderboot:<br>\u201eBei stillen Wasser sprang ich in den Kahn und ruderte bis zur Mitte. Dort Strecke ich mich auf dem Boot aus, den Blick zum Himmel gerichtet und lie\u00df mich von der Str\u00f6mung treiben, nicht selten stundenlang und versank dabei in tausend, verworrene, aber herrliche Tr\u00e4umereien, die eigentlich keinen Gegenstand hatten und mir doch hundertmal s\u00fc\u00dfer waren als alles, was man gemeinhin die Freuden des Lebens nennt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Ausfl\u00fcge auf den See nutzt Rousseau immer wieder f\u00fcr diese Meditationen. Tr\u00e4umend kennt er kein Gestern und kein Morgen mehr und lebt in einer Gegenwart, die der Zeit enthoben ist, die w\u00e4hrt, ohne dass die Dauer bewusst wird. Im Gegensatz zu den fern\u00f6stlichen Meditationsweisen geht es ihm nicht um Ausl\u00f6schung seines Egos. Er findet vielmehr den Kern seiner Existenz. \u201eIch wollte dieser Augenblick w\u00e4hrte ewig\u201c stellt Rousseau \u00fcber diesen Bewusstseinszustand fest, ganz anders wie die ber\u00fchmte Figur des Faust, die, im Werk Goethes, zur Ruhelosigkeit verdammt ist und nie ihr \u201eAugenblick verweile\u201c finden wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Rousseau verkn\u00fcpft, wie Peter Sloterdijk in seiner Berliner Rede zur Freiheit ausf\u00fchrt, die subjektive, stressfreie Erfahrung mit der Freiheit des Einzelnen. Kurz vor der Verwandlung der europ\u00e4ischen Gesellschaften durch den Rausch der technischen Revolution erkennt der Philosoph den Wert des Stillstandes. \u201eUnd wirklich gab ich mich w\u00e4hrend meiner Zeit auf der Insel einzig jener wonnevollen Besch\u00e4ftigung hin, der nun einmal nachgehen muss, wer sich dem Nichtstun verschrieben hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph wird so zum geistigen Vorl\u00e4ufer der Generationen von Aussteigern und Urlaubern, die sich von den gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen ihre Zeit verabschieden und im Nichts-Tun ihr eigentliches Gl\u00fcck finden. Rousseau beschreibt eine Daseinserfahrung, die kein Begehren mehr in ihrem Zentrum hat:<br>\u201eAngenommen aber, unsere Seele erreichte eine solide Ruhelage, in der sie, ihr gesamtes Wesen konzentrierend, ganz zu sich k\u00e4me. Dann m\u00fcsste sie Vergangenheit und Zukunft gar nicht bem\u00fchen, denn dauern w\u00e4re Gegenwart, ohne dass sich diese Dauer freilich bemerkbar machte, ohne dass irgendwo sich ein Vorher oder Nachher abzeichnete und ohne dass Gef\u00fchle entst\u00fcnden wie Entbehrung oder Genuss, Freude oder Kummer, Verlangen oder Furcht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Rousseau stellt mit diesen Gedankeng\u00e4ngen das bisher gewohnte Weltbild auf den Kopf. Das Gl\u00fcck und den Sinn des Daseins l\u00f6st er von der christlichen Metaphysik ab. \u201eSolange dieser Zustand w\u00e4hrt, sind wir, wie Gott, uns selbst genug.\u201c Selbstfindung wird eine der entscheidenden Motivationen des modernen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht es heute mit der Freiheit des Tr\u00e4umers? Zweifellos sind noch immer viele Zeitgenossen auf der Suche nach individueller Erfahrung, Gl\u00fcck und Zufriedenheit. Der Trend zum Reisen mit dem Wohnmobil und die damit verbundenen Tr\u00e4umereien weisen darauf hin. Allerdings hat, wie Sloterdijk in seiner Rede ausf\u00fchrt, von jeher der Freiheitsdrang des Einzelnen seine Grenzen in den objektiven Bedingungen, die die Gesellschaft real hervorbringt, vorgefunden. Kurzum, das Tr\u00e4umen wird schwieriger. In Zeiten der Klima- und Gesundheitskrise steht nicht nur der alte Begriff der Reisefreiheit zur Disposition.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Christiane Landgrebe, Zur\u00fcck zur Natur, Das wilde Leben des Jean-Jacques Rousseau, Beltz Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>Jean-Jacques Rousseau, Tr\u00e4umereien eines einsamen Spazierg\u00e4ngers, Reclam<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inmitten des Bieler Sees treibt ein Ruderboot. Ein Mann liegt bewegungslos auf dem R\u00fccken und blickt in den blauen Himmel. Hinter der idyllischen Szene, wir sind im Jahr 1765, verbirgt sich ein philosophisches Ereignis. Der einsame Ruderer ist weltber\u00fchmt. 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