{"id":361,"date":"2022-02-20T11:24:16","date_gmt":"2022-02-20T10:24:16","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=361"},"modified":"2022-02-20T11:24:17","modified_gmt":"2022-02-20T10:24:17","slug":"ueber-felder-und-straende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/ueber-felder-und-straende\/","title":{"rendered":"\u00dcber Felder und Str\u00e4nde"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend drau\u00dfen ein Orkan tobt, lesen wir eine der sch\u00f6nsten B\u00fccher der Reiseliteratur. \u00dcber Felder und Str\u00e4nde ist ein Meisterwerk der Schriftsteller Gustave Flaubert und Maxime du Camp. Im Sommer 1847 unternehmen die beiden Freunde eine ausgedehnte Reise in die Bretagne und erschaffen ein einmaliges Mosaik ihrer Eindr\u00fccke, Erinnerungen und Beobachtungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Reiselust ist mit der \u00dcberzeugung verkn\u00fcpft, dass in \u201ebestimmten Orten, bestimmten Dingen eine gewisse Idee zu ihnen geh\u00f6rt und untrennbar mit ihnen verbunden sind.\u201c Mit dieser Einstellung besuchen sie alte Ruinen, Schl\u00f6sser und Friedh\u00f6fe, erinnern sich an geliebte Dichter, historische Figuren und sagenhafte Gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser wird an die K\u00fcsten der Bretagne mitgenommen und erlebt dort mit, welche Ph\u00e4nomene die innere Freiheit der Beobachter pr\u00e4gen: \u201eEine Schwalbe zog vor\u00fcber, wir sahen ihren Flug; sie kam vom Meer, langsam stieg sie h\u00f6her, mit ihren scharf umrissenen Federn durch die d\u00fcnne, leuchtende Luft schneidend, in der ihre Fl\u00fcgel ruderten und es zu genie\u00dfen schienen, sich frei entfalten zu k\u00f6nnen.\u201c Es folgt einige Seiten sp\u00e4ter eine wunderbare Beschreibung eines Postboten, der mit seinem Pferd am Stand entlang reitet und f\u00fcr die beiden Reisenden den Reiz der Landschaft vollendet. Sp\u00e4testens jetzt, nach diesen Schilderungen von Land und Meer, ist man versucht, seine Koffer zu packen und sich auf den Weg machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch stimmt den Reisenden darauf ein, dass in jedem Ort, an allen Stellen und in den sozialen Begegnungen etwas Verborgenes liegt. Die Aufmerksamkeit der Schriftsteller erregen sakrale Orte, aber ebenso ein Zirkus, ein Schlachthof oder ein Gasthaus. Jede Szene wird dabei mit der gleichen Intensit\u00e4t beschrieben. \u00dcberhaupt sind Kultur, Menschen, Religion und die Natur miteinander verwoben und nur in ihrem Gesamtzusammenhang verst\u00e4ndlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Man wundert sich nicht, dass Flaubert und du Camp am Ende ihrer Reise melancholisch werden: \u201eBald sollte dieses phantastisches Nomadenleben, dass wir seit drei Monaten in solcher Seelenruhe f\u00fchrten zu Ende gehen. Die R\u00fcckkehr hat, wie die Abreise, ihre im voraus gef\u00fchlten Traurigkeiten, die einem den faden Dunst des Alltagslebens schon vorausschicken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir dagegen tr\u00e4umen davon bald abzureisen. Nat\u00fcrlich in die Bretagne! Wir werden diese Reise zwar anders erleben, aber wenigstens versuchen das Staunen der Dichter nachzuempfinden und der Frage nachgehen, die sich die beiden Franzosen in ihrem Werk gestellt haben: \u201eMit dem Einflu\u00df der Orte auf die B\u00fccher verh\u00e4lt es sich wie mit dem R\u00e4tsel von Henne und Ei: Hat die Henne das Ei gelegt oder das Ei die Henne geschaffen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Tagen ergreift uns das Flaubert-Fieber. Wir lesen einen Klassiker des Meisters: Madame Bovary. Das Buch handelt \u00fcber das Leben in den D\u00f6rfern der franz\u00f6sischen Provinz. Im Mittelpunkt des Romans steht das tragische Schicksal einer Frau, die, entt\u00e4uscht von einer ungl\u00fccklichen Ehe, sich in die Welt der Illusionen fl\u00fcchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Flaubert schildert die komplexe Seelenlandschaft der beiden Eheleute Emma und Charles. Aus einfachen Verh\u00e4ltnissen stammend und den Konventionen der franz\u00f6sischen Provinz folgend, heiratet der verwitwete Doktor die geheimnisvolle Tochter eines Bauern. Es ist eine Vernunftehe. Emma h\u00e4tte gerne \u201eum Mitternacht geheiratet, im Fackelschein\u201c, aber die Zeremonie folgt den \u00fcblichen Riten.<\/p>\n\n\n\n<p>Emmas Glaube an die Liebe wird durch den Alltag der Beziehung desillusioniert. Die Trag\u00f6die entfaltet sich auf der Grundlage einer Nicht-Begegnung. \u201eDoch w\u00e4hrend im gemeinsamen Leben die Vertrautheit enger wurde, kam es zu einer inneren Losl\u00f6sung, die sie von ihm trennte \u201c erkl\u00e4rt Flaubert die Lage der Ehefrau. Die Erfahrung der Leere, die Langeweile, wird Emma durch das Begehren nach \u201eSeligkeit, Leidenschaft und Rausch\u201c verdr\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Flaubert entfaltet meisterhaft den psychologischen Hintergrund der Protagonisten: Er schildert eindr\u00fccklich ihre Herkunft, den Einfluss der Eltern in ihrer jeweiligen Pers\u00f6nlichkeitsbildung und beschreibt die Pr\u00e4gung der Eheleute durch ihren Bildungsweg. Charles durchl\u00e4uft ohne gro\u00dfe Begeisterung eine wissenschaftliche Ausbildung zum Mediziner, die junge Emma wird durch einen Aufenthalt in einem Kloster gepr\u00e4gt. Ihre Sehnsucht nach Gott, ihr Drang zu gro\u00dfen Erfahrungen, ihre emotionalen Bed\u00fcrfnisse und ihr Freiheitswille werden durch den strengen Ritus langsam erstickt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ehe entwickelt sich ein Drama. Zun\u00e4chst versucht Emma, ihren Widerwillen gegen die eint\u00f6nige Pr\u00e4senz ihres Mannes zu bek\u00e4mpfen. \u201eBei Mondschein rezitierte sie im Garten alles, was sie an leidenschaftlichen Reimen auswendig konnte (\u2026)\u201c &#8211; nur, die Liebe stellt sich nicht ein. Charles bewundert seine Frau \u00e4u\u00dferlich und ist dennoch nicht f\u00e4hig, die verborgenen W\u00fcnsche seiner Partnerin zu registrieren. \u201eSeine Gef\u00fchle regten sich nun p\u00fcnktlich; er umarmte sie zu festen Zeiten\u201c hei\u00dft es lapidar \u00fcber die eingespielte Beziehung. Nach einigen Monaten bricht es aus Emma heraus: \u201eMein Gott! Warum habe ich geheiratet?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen dem Paar herrscht die Sprachlosigkeit. Bevor das Drama seinen Lauf nimmt, beklagt Emma ihre Einsamkeit. Ihre N\u00f6te sind im provinziellen Milieu der Eheleute ein Tabu. Sie fragt sich: \u201eDoch auf welche Weise ein nicht fassbares Unbehagen ausdr\u00fccken, das sich ver\u00e4ndert wie die Wolken, wirbelt wie der Wind?\u201c. Der Erz\u00e4hler f\u00fcgt hinzu: \u201eEs fehlen ihr also die Worte, eine Gelegenheit, Mut\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre unerf\u00fcllte Liebe verdr\u00e4ngt Emma mit Fantasien und Illusionen. Ihre Verwandlung wird so beschrieben: \u201eJe n\u00e4her die Dinge ihr standen, desto entschiedener wandte ihr Denken sich von ihnen ab\u201c. Die Folgen sind dramatisch: Madame Bovary tr\u00e4umt von einem idealen Ehemann, begehrt ein prunkvolles Leben und sehnt sich nach Abwechslung. Die Verzweifelte verf\u00e4llt nebenbei in einen Konsumrausch und verschuldet sich. Der Ehebruch wird unter diesen Umst\u00e4nden &#8211; Flaubert ist hier ein Provokateur &#8211; eine logische Konsequenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schriftsteller spielt in der Charakterisierung Emmas immer wieder mit dem Ph\u00e4nomen des imagin\u00e4ren Reisens: \u201eEs d\u00fcnkte sie, gewisse Orte auf der Erde m\u00fcssten Gl\u00fcck hervorbringen wie eine f\u00fcr den Boden typische Pflanze, die \u00fcberall sonst schlecht gedeiht.\u201c Ihre Sehnsucht, aus dem Stillstand des Landlebens auszubrechen, l\u00e4sst sie einen Plan von Paris kaufen und \u201emit dem Finger auf der Karte wandert sie durch die Metropole.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der weitere Verlauf des Romans wird zeigen, dass, trotz aller verzweifelten Versuche, ihr eine echte Erf\u00fcllung stets versagt bleibt. Ihr Leben endet in einer gro\u00dfen Entt\u00e4uschung. Ihr Selbstmord ist das Finale einer tragischen Existenz.<\/p>\n\n\n\n<p>Flaubert l\u00e4sst den Leser mit einer fundamentalen Frage zur\u00fcck: H\u00e4tte das Drama verhindert werden k\u00f6nnen? Der franz\u00f6sische Schriftsteller schafft mit seiner Figur den Typus einer Pers\u00f6nlichkeit, im Kontext des modernen Strebens nach Einheit und Wahrheit, die bis heute fasziniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman inspiriert uns &#8211; ebenso wie das Reisetagebuch &#8211; in diese Welt einzutauchen. Dabei haben wir keine Ahnung, ob der Marktflecken Yonville-l\u00b4Abbaye, an dem das Drama verortet ist, existiert oder nur der Fantasie Flauberts entstammt. Wir werden uns dennoch auf die Suche begeben: irgendwo in der Provinz zwischen der Normandie und der Bretagne.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Expedition wird uns auf jeden Fall nach Rouen f\u00fchren, der Heimat des Schriftstellers und ein Sehnsuchtsort der Madame Bovary. Mit der Schilderung der Metropole aus der Sicht Emmas hat Flaubert der Stadt ein Denkmal gesetzt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAmphitheatralisch abfallend und in Nebel geh\u00fcllt, wucherte sie jenseits der Br\u00fccken weiter, im Verschwommenen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Gustave Flaubert, Madame Bovary, Carl Hanser Verlag, 2020<br>Gustave Flaubert, \u00dcber Felder und Str\u00e4nde, Fischer Klassik<br>Michel Winock, Flaubert, Biografie Hanser, 2021<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend drau\u00dfen ein Orkan tobt, lesen wir eine der sch\u00f6nsten B\u00fccher der Reiseliteratur. \u00dcber Felder und Str\u00e4nde ist ein Meisterwerk der Schriftsteller Gustave Flaubert und Maxime du Camp. Im Sommer 1847 unternehmen die beiden Freunde eine ausgedehnte Reise in die &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/ueber-felder-und-straende\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":362,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-361","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reiseliteratur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=361"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":363,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/361\/revisions\/363"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/362"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=361"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}