{"id":377,"date":"2022-05-01T11:39:53","date_gmt":"2022-05-01T09:39:53","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=377"},"modified":"2022-05-01T11:39:54","modified_gmt":"2022-05-01T09:39:54","slug":"gaerten-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/gaerten-der-welt\/","title":{"rendered":"G\u00e4rten der Welt"},"content":{"rendered":"<p>Die G\u00e4rten der Welt<\/p>\n\n\n\n<p>Im April stimmten uns, angesichts der tristen Bilder aus der Ukraine, die Graut\u00f6ne. Das Wetter, in diesem Monat kalt und unbest\u00e4ndig, erinnerte an die Italiensehnsucht Goethes, der, von einem Burnout geplagt, zwei Jahre in den S\u00fcden reiste. \u201eWenn das Barometer tief steht und die Landschaft keine Farben hat, wie kann man leben?\u201c klagte Goethe. In Berlin suchten wir im Botanischen Garten in Stieglitz und in den \u201eG\u00e4rten der Welt\u201c in Marzahn nach Ablenkung und Inspiration.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war dabei verschiedene B\u00fccher, die uns den Weg f\u00fcr einen Stimmungswechsel er\u00f6ffneten. Ernst J\u00fcnger wurde, wegen seiner Tageb\u00fccher \u201eunter Stahlgewitter\u201c, die seine Erfahrungen im 1. Weltkrieg zum Thema beschrieben, ein ber\u00fchmter Kriegsschriftsteller. Sein eigentliches Lebenselement war jedoch die Natur. Der Sammelband \u201egeheime Feste\u201c f\u00fchrt in seine Reiseliteratur ein und zeigt den Meister der genauen Beobachtung von Landschaften, Pflanzen und Tieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das dynamische Geschehen in der Natur tr\u00f6stet ihn \u00fcber die menschlichen Abgr\u00fcnde hinweg: \u201eUnd ich dachte mir, da\u00df, wenn diese Wut zu leben und zu wachsen, f\u00fcr unsere Ohren vernehmbar w\u00e4re, sich hier ein Get\u00f6se erheben w\u00fcrde, das auch die gr\u00f6\u00dfte Schlacht der Menschen \u00fcbert\u00f6nen m\u00fcsste\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerne besuchte der Schriftsteller den botanischen Garten in Berlin mit der Absicht seinen Wort- und Erfahrungsschatz auszubauen. \u201eDa vor jedem Gew\u00e4chs ein Schildchen im Boden steckte, dass seine Art und seine Heimat verriet, pr\u00e4gte sich dabei m\u00fchelos eine F\u00fclle von Namen ein. Es blieb nicht aus, da\u00df manche Erscheinung den Geist besonders besch\u00e4ftigte.\u201c Jeder Mensch hat, aus Sicht des Dichters, nicht nur sein Sternzeichen und sein Wappentier, sondern auch seine Blume, seinen Baum seine Frucht. \u201eEs gibt hier ein Entz\u00fccken, zu dessen Erkl\u00e4rung Duft und Farbe nicht gen\u00fcgen, es mu\u00df auf Verwandtschaft beruhen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wanderten staunend durch die ungeheure Vielfalt dieser Pflanzenwelt mit \u00fcber 20.000 Arten. Und wieder begegnet man hier, trotz aller Farbenpracht, den Graut\u00f6nen. Ein Ziel der Einrichtung ist, wie man auf einigen Tafeln liest, die Dokumentation bedrohter Arten im Zeitalter globaler \u00f6kologischer Zerst\u00f6rung. Viele Wunder der Sch\u00f6pfung werden nur im Museum \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>In den G\u00e4rten der Welt hat der Besucher die M\u00f6glichkeit, auf einem Ausstellungsgel\u00e4nde, internationale Gartenkunst zu erleben. Der Park gew\u00e4hrt Einblicke in verschiedene Kontinente, Epoche und Kulturkreisen, vom asiatischen Raum \u00fcber den vorderen Orient bis nach Europa. Auf dem Rundgang, im Hintergrund die gro\u00dfen Wohnsilos des Berliner Stadtteils Marzahn, laden, zum Beispiel die Kopien koreanischer und chinesischer G\u00e4rten, zum Nachsinnen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Natur und Philosophie ein.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Tagebuch \u201eLob der Erde\u201c setzt sich Byung-Chul Han intensiv mit der Symbolik der Pflanzenwelt auseinander. Der in Berlin lebende Philosoph nimmt den Leser auf eine Reise in sein privates Kleinod mit. F\u00fcr den denkenden Menschen ist der Garten zu Hause, in jeder Jahreszeit, ein Gleichnis, reich an Sinnlichkeit und Materialit\u00e4t und &#8211; im Vergleich zu den Bildschirmen \u2013 unendlich welthaltiger. Han: \u201eAngesichts der Digitalisierung der Welt t\u00e4te es not, sie zu reromantisieren, die Erde, ihre Poetik wiederzuentdecken, ihr die W\u00fcrde des Geheimnisvollen, des Sch\u00f6nen des Erhabenen zur\u00fcckzugeben\u201c. Han erkl\u00e4rt einf\u00fchlsam, dass wir die Ehrfurcht vor der Erde verloren haben und wir m\u00fchsam lernen zu sehen und hinzuh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gef\u00fchl, das hier beschrieben wird, besch\u00e4ftigte die Gelehrten. Alexander von Humboldt schrieb Goethe nach Weimar: \u201eDenn die Natur mu\u00df gef\u00fchlt werden, wer sie nur sieht und abstrahiert, kann (\u2026) Pflanzen und Tiere zergliedern (\u2026) er wird ihr aber selbst ewig fremd bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ob die N\u00e4he zur Natur in den Weltg\u00e4rten Berlins zu erfahren ist, oder eine Illusion bleibt, verweist auf eine offene Frage der Erkenntnis. Goethe hatte auf seiner italienischen Reise den ersten botanischen Garten, gegr\u00fcndet im 16. Jahrhundert, in Padua besucht. Die Betrachtung einer Palme regte den Naturwissenschaftler an, \u00fcber die M\u00f6glichkeit einer Urpflanze nachzudenken. Ein Gedanke, den ihn nicht mehr los lies. Aus den G\u00e4rten von Palermo berichtet er am 17.4.1787 von der Logik seiner Suche: \u201eWoran w\u00fcrde ich sonst erkennen, da\u00df dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach einem Muster gebildet w\u00e4ren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die neuen Weltg\u00e4rten, mit ihren ausgestellten Gew\u00e4chsen aus aller Welt, empfand Goethe, Dichter und Naturwissenschaftler in einer Person, im Sinne einer Herausforderung. \u201eGest\u00f6rt war mein guter poetischer Vorsatz\u2026 ein Weltgarten hatte sich aufgetan\u201c schrieb er \u00fcber eine der Ur-Szenen der Moderne. Nicht die Poesie des Herzens, sondern die Prosa der wissenschaftlichen Erkenntnis er\u00f6ffnete den Zugang zu dieser k\u00fcnstlichen Welt. An die Stelle von Mythos und Poesie tritt die Naturforschung, die Archivierung allen Lebens, mit dem \u00dcbervater Linn\u00e9 auf der Hinterb\u00fchne. Goethe sah die Ambivalenz des Prozesses, die entzauberte Wirklichkeit, die \u00f6konomische Dynamik der Globalisierung und die aufkommende Macht der Naturwissenschaften.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Ernst J\u00fcnger, Geheime Feste, Klett-Cotta <br>Byung Chul Han, Lob der Erde, Eine Reise in den Garten, Ullstein Verlag<br>Stefan Bollmann, Der Atem der Welt, Klett-Cotta<br>Stefan Rebenich, Der kultivierte G\u00e4rtner, Die Welt, die Kunst und die Geschichte im Garten, Klett-Cotta<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die G\u00e4rten der Welt Im April stimmten uns, angesichts der tristen Bilder aus der Ukraine, die Graut\u00f6ne. 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