{"id":385,"date":"2022-05-24T17:30:38","date_gmt":"2022-05-24T15:30:38","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=385"},"modified":"2022-05-24T17:30:39","modified_gmt":"2022-05-24T15:30:39","slug":"madeleine-effekt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/madeleine-effekt\/","title":{"rendered":"Madeleine Effekt"},"content":{"rendered":"<p>Wir stellen unseren Hausschuh auf dem Dorfplatz von Illiers-Combray ab. Nichts deutet darauf hin, dass es hier etwas zu sehen gibt. In dem verschlafenen Nest erf\u00e4hrt man von den Dramen der Welt aus der Zeitung. Es ist hei\u00df und wir setzen uns in einem h\u00fcbschen Lokal vor der Kirche in den Schatten. Der Kaffee wird uns mit einer Madeleine gereicht, einem s\u00fc\u00dfen Kuchen aus einem mit Butter verfeinerten Biskuit-Teig.<\/p>\n\n\n\n<p>Das s\u00fc\u00dfe St\u00fcckchen ist ein Schl\u00fcsselmotiv aus dem grandiosen Roman von Marcel Proust und seiner Suche nach der verlorenen Zeit. Der Erz\u00e4hler taucht die Madeleine in eine Tasse Tee ein und versinkt &#8211; es ist wohl der Geschmack der S\u00fc\u00dfspeise &#8211; in Erinnerungen an seine Kindheit. Der Madeleine-Effekt &#8211; die Kommunikation eines Objektes oder eines Geschmackes mit dem Unterbewusstsein des Betrachters, wird bald zum Gegenstand psychologischer Forschung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir versuchen uns, an die komplizierte Struktur des Romans zu erinnern. Das ist nicht einfach, da es im Grunde keine gro\u00dfe Handlung gibt, daf\u00fcr detaillierte Schilderungen von Orten, Dingen, Menschen und den Zusammenk\u00fcnften des B\u00fcrgertums und des Adels in den Salons der Hauptstadt. Die vor uns liegende Kirche schildert der Schriftsteller in einmaligen Stil, wobei, wie man hier feststellt, der eher unscheinbare Bau mit den fiktiven Erinnerungen an viele andere Kirchen erg\u00e4nzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Proust schreibt in seinem Roman \u00fcber das Dorf:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCombray, von ferne gesehen, aus einem Umkreis von zehn Meilen, von der Eisenbahn aus\u2026war nur eine Kirche, die die Stadt zusammenfa\u00dfte, die sie vertrat, die zu der Ferne von ihr und f\u00fcr sie sprach und die, wenn man n\u00e4her kam, um ihren hohen d\u00fcsteren Kragenmantel herum mitten im Feld gegen den Wind wie eine Hirtin ihre Schafe die wolligen, grauen R\u00fccken der zusammengescharrten H\u00e4user dicht beinander hielt, die einen Rest der Stadtmauer aus dem Mittelalter hier und da mit einer vollkommenen kreisrunden Linie umgab wie auf einem sp\u00e4tgotischen Bild\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ganze Themen-Landschaft des Romans, ausgel\u00f6st durch die Kindheitserinnerungen, beginnt an diesem verlassenen Ort. Proust schafft hier zwei Welten, die sich dem Leser durch zwei Spazierg\u00e4nge erschlie\u00dfen, die Welt der Familie der Guermantes und die Welt des Swanns. Im sp\u00e4teren Verlauf des Werkes wird Marcel, der Erz\u00e4hler im Buch, die Schicksale der interessantesten Charaktere verfolgen und die Atmosph\u00e4re ihrer gesellschaftlichen Ereignisse in Paris oder im Urlaub in dem Badeort Cabourg schildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lesen des Romans erfordert eine gewisse Geduld. Wir sind kaum noch gewohnt, auf Dutzenden Seiten \u00fcber die Anordnung eines Teeservices oder die Gesichtsz\u00fcge einer Person zu erfahren. Wer sich aber an den Stil gew\u00f6hnt wird beschenkt und zweifellos eine neue Art der Meditation entdecken. Die Langsamkeit der Erz\u00e4hlung, der Zauber von Erinnerungen, das Eintauchen in fremde Charaktere, lassen den Leser tief in diese Phantasielandschaft eintauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei unserem Besuch, in der Mittagshitze von Combray, fern der gew\u00f6hnlichen Touristenstr\u00f6men, bedarf es der Erinnerung und der Fiktion, um die versteckten Reize dieses Ortes zu entdecken. Das kleine Museum im Haus der Tante Leonie ist wegen Renovierung geschlossen und wir wandern zur\u00fcck zum tempor\u00e4ren Ort der Ausstellung am anderen Ende des Dorfes. Die Stra\u00dfen sind leergefegt, das Museum wenig spektakul\u00e4r. Die versammelten Werke Proust\u00b4s sind dort auf einigen Tischen ausgelegt. C\u00b4est tout.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir stellen unseren Hausschuh auf dem Dorfplatz von Illiers-Combray ab. Nichts deutet darauf hin, dass es hier etwas zu sehen gibt. In dem verschlafenen Nest erf\u00e4hrt man von den Dramen der Welt aus der Zeitung. 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