{"id":400,"date":"2022-06-15T18:18:39","date_gmt":"2022-06-15T16:18:39","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=400"},"modified":"2022-06-15T18:18:40","modified_gmt":"2022-06-15T16:18:40","slug":"rueckblick-die-fischer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/rueckblick-die-fischer\/","title":{"rendered":"R\u00fcckblick: &#8222;Die Fischer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>In Praia de Mira stehen wir auf dem st\u00e4dtischen Campingplatz und brechen zum Strand auf. In Sichtweite des Empfangs versuchen wir uns, zu orientieren und fragen uns, ob es nicht einen direkten Zugang zum Meer gibt. Ein Nachbar aus der Schweiz beobachtet die Lage, springt voller Hilfsbereitschaft aus seinem Stuhl auf und winkt. Der Mann erkl\u00e4rt, im unnachahmlichen Dialekt seiner Region, nicht nur den Weg. Er ruft uns zur Eile auf, sonst:<br>\u201eVerpassen sie das Spektakel!\u201c<br>\u201eDas Spektakel?\u201c<br>\u201eJa\u201c so der Schweizer \u201eum 13h holen die Einheimischen mit ihren Traktoren die Netze ein. Dass m\u00fcssen sie sehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir bedanken uns, schauen auf die Uhr und laufen eilig zum Meer. Die Fischer holen gerade die Netze ein. Um sie steht eine Traube von Einwohnern und Touristen, einige von Ihnen mit T\u00fcten in der Hand. Alle sind gespannt auf den Fang. Die Arbeitsvorg\u00e4nge sind hier klar abgestimmt, die M\u00e4nner und Frauen zischen sich Anweisungen zu, die Atmosph\u00e4re ist ernst. Das Netz, in denen eine ganze Schar kleiner Fische zappelt, ist schnell eingeholt. Wir werden Zeugen der ersten Verkaufsgespr\u00e4che. Ein Teil des Fanges wird in Boxen gesammelt und auf Anh\u00e4nger verladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu uns hat sich der Schweizer gesellt und gibt den Fischen Namen. Er ist nicht nur ein Experte, er scheint fasziniert \u00fcber dieses Ritual am Atlantik, vermutlich aus der Kontr\u00e4r-Faszination des Bergbewohners heraus.<br>\u201eSchon beeindruckend!\u201c<br>\u201eIrgendwie sakral\u201c, antworten wir, mangels eines besseren Wortes f\u00fcr das Geschehen, das auf den Beobachter eine archaische und religi\u00f6se Wirkung entfaltet. Der Mann fixiert uns, wie jemand, der verstanden hat:<br>\u201eJa sakral! Genau!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Damit verabschieden wir uns. Am anderen Ende des Dorfes, an der Lagune, setzen wir uns in ein Stra\u00dfencaf\u00e9. Der Zufall will es, dass der Hinweisgeber, diesmal mit Begleitung, dort auftaucht. Die Unterhaltung dreht sich um den Fischfang in der Region. Da wir nur kleine Fische registriert haben, wird gemeinsam spekuliert, ob der sp\u00e4rliche Fang ein Zeichen unserer Zeit sei. Die Frau erw\u00e4hnt, dass sie ein altes Bild gesehen habe, auf diesem seien K\u00fche statt den Traktoren im Einsatz. F\u00fcr eine Nachfrage bleibt kein Raum, da sich das Paar verabschiedet.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg an der Lagune entlang zum Campingplatz entdecken wir ein kleines ethnografisches Museum. Am Eingang, im hier ans\u00e4ssigen Tourismusb\u00fcro, gibt ein gutm\u00fctiger Portugiese gerne Auskunft. Er spricht nur kein Wort Englisch oder Spanisch. Die Frage nach dem Bild mit den K\u00fchen l\u00e4sst sich in der uns unbekannten Sprache nicht vermitteln. Schnell sind unaufl\u00f6sliche Missverst\u00e4ndnisse im Raum. Wir treten den R\u00fcckzug an, aber, im letzten Moment, finden wir die passende Gestik, die die T\u00fcr zum Museum im 1. Stock \u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Und, in der Sammlung findet sich das gesuchte Bild. Uns scheint es, als seien die Fischer vom heutigen Tage bei der Arbeit zu sehen. Allein der Einsatz der K\u00fche, statt der Traktoren, spricht gegen diese These. Unter der Fotografie lesen wir einige S\u00e4tze eines portugiesischen Dichters: Raul Brandao.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann gegen die moderne Technik einwenden, was man will, manchmal ist sie hilfreich. Wir recherchieren im Netz, dass der Schriftsteller am Anfang des 20. Jahrhunderts gelebt hat und ein Beobachter der sich abzeichnenden Modernisierung des Landes war. In seinem Buch \u201edie Fischer\u201c hat er die typischen Charaktere des alten Lebens in Portugal beschrieben und ihnen ein Denkmal gesetzt. Der Fischer ist f\u00fcr den Dichter eine Gestalt, die, um ihr Dasein zu sichern, die Gefahr des Todes in Kauf nimmt. Gerd Hammer schreibt in einer Rezension f\u00fcr die S\u00fcddeutsche Zeitung \u00fcber das Werk des \u201estillen Reisenden\u201c: \u201eWer mit diesem Buch, das kein Reisef\u00fchrer ist, in der Hand durch das Portugal von heute f\u00e4hrt, werde Brandao&#8217;s Blick oft best\u00e4tigt finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uns gef\u00e4llt der Fang dieses Tages. Wir haben ein neues Buch f\u00fcr die Leseliste gefunden. Inzwischen hat eine Bekannte uns eine Nachricht mit der \u00dcbersetzung der Zeilen unter dem Bild gesendet: \u201eDie Frauen und die gierigen Matrosen schnappen sich das Netz, ziehen es aus dem Wasser, schleifen es \u00fcber den Sand und hinterlassen gr\u00fcne Spuren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend laufen wir am Meer entlang und entdecken in der Ortsmitte, neben der kleinen Kirche, ein Denkmal f\u00fcr die Fischer. Die Widmung auf dem Sockel des Kunstwerkes stammt ausgerechnet aus der Feder Brandao&#8217;s:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Leben ist hier keine L\u00fcge und jeden Tag riskieren sie es\u2026, unter der Haube des Himmels, mit Gott und dem Meer.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Praia de Mira stehen wir auf dem st\u00e4dtischen Campingplatz und brechen zum Strand auf. In Sichtweite des Empfangs versuchen wir uns, zu orientieren und fragen uns, ob es nicht einen direkten Zugang zum Meer gibt. 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