{"id":423,"date":"2022-08-09T18:08:59","date_gmt":"2022-08-09T16:08:59","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=423"},"modified":"2022-08-09T18:09:00","modified_gmt":"2022-08-09T16:09:00","slug":"erinnerungen-an-uzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/erinnerungen-an-uzes\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an Uzes"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEine alte Stadt, genau in der Mitte zwischen Avignon und den Cevennen. (\u2026) Man sieht sie von weitem schon. Mit ihren m\u00e4chtigen alten T\u00fcrmen sieht sie genauso aus, wie ich mir als Kind Jerusalem vorgestellt habe. Durch die Stadt oder an ihrem Rand entlang oder ganz in der N\u00e4he vorbei.\u201c &nbsp;(Peter Kurzeck)<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erinnern uns an einen hei\u00dfen Tag, an unseren Aufenthalt im Juli in Uz\u00e8s. Wir waren diesen Sommer zum ersten Mal in dieser Stadt und sie hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, so sehr, dass wir uns eine baldige R\u00fcckkehr vorstellen k\u00f6nnen. Die Kulisse, einmalig. Drei T\u00fcrme \u00fcberragen das Ensemble und symbolisieren die drei in Uz\u00e8s bis zur franz\u00f6sischen Revolution herrschenden M\u00e4chte: Herzoge, K\u00f6nige und Bisch\u00f6fe. Die Handelsstadt, ausweislich seiner pr\u00e4chtigen B\u00fcrgerh\u00e4user, erlebte im 17. und 18. Jahrhundert beachtlichen Wohlstand, wurde im 19. Jahrhundert ausgebaut, verarmte gleichzeitig und fiel in eine Art Dornr\u00f6schenschlaf, aus dem es erst nach dem Zweiten Weltkrieg erwachte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Schriftsteller Andr\u00e8 Gide, dessen Familie zum Teil aus der Region stammt, schreibt in seiner Autobiographie \u201eStirb und Werde\u201c: \u201eDie fortschreitende Zeit schien die kleine Stadt vergessen zu haben; sie lag abseits und merkte es nicht.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Heute tummeln sich die Touristen in den Gassen der Altstadt, besuchen die Museen, die historische Bauwerke, den mittelalterlichen Kr\u00e4utergarten und an den Markttagen den pulsierenden \u201ePlace aux Herbes\u201c. Unter dem Schatten der Platanen herrscht eine einmalige Atmosph\u00e4re, die sich aus dem Stimmengewirr, den Farben und Ger\u00fcche und den Einheimischen und G\u00e4sten bildet. Die H\u00e4ndlerInnen der Region bieten ihre kulinarischen K\u00f6stlichkeiten an und runden das Bild ab, das als \u201edie Provence\u201c sich im Ged\u00e4chtnis festsetzt. Erholung von dem bunten Treiben findet man in den Caf\u00e9s an den Boulevards, einer Ringstra\u00dfe, die den inneren Bezirk in einem gro\u00dfen Kreis eingrenzt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt lebt von ihrer Geschichte und den Geschichtenerz\u00e4hlern, den Poeten, K\u00fcnstlern und Schriftstellern, die immer wieder neu \u00fcber das Erbe der Region und die Faszination der Provence berichten. J\u00e4hrlich findet in Uz\u00e8s ein viel beachtetes Literaturfestival statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im alten Bischofspalast, im Museum \u201eGeorges Borias\u201c, sind zahlreiche historische Bilder, Stadtpl\u00e4ne, arch\u00e4ologische Fundst\u00fccke und Stoffe&nbsp; in einem bunten Sammelsurium versammelt. Die Ausstellungsst\u00fccke mahnen uns, dass wir l\u00e4nger bleiben m\u00fcssten, um die Vergangenheit&nbsp; dieses Ortes zu verstehen. Im vorletzten Raum schritten wir \u00fcber einen knarrenden Dielenboden, die dort pr\u00e4sentierte Keramiksammlung klirrte dabei bedenklich in den Vitrinen und so erreicht man schlie\u00dflich den Gedenksaal f\u00fcr den Nobelpreistr\u00e4ger von 1947: Andr\u00e8 Gide.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss unseres Rundganges interessierte uns, ob wir Spuren des deutschen Schriftstellers Peter Kurzeck vorfinden, der lange Jahre zwischen Frankfurt und der Provence hin und her pendelte. Auf der Touristen-Information sch\u00fcttelte man den Kopf. Der Frankfurter ist hier ein Unbekannter, seine ehemalige Wohnung am Marktplatz , in einem Haus, das schon Andre Gide bewohnte, kennen nur wenige Eingeweihte. Kurzum, der Dichter ist in Vergessenheit geraten. Die geplante Erz\u00e4hlung \u00fcber seine Wahlheimat in der Provence konnte der 2013 verstorbene Kurzeck leider nicht mehr schreiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland besorgen wir uns ein anderes Buch des genialen Sonderlings: Der vorige Sommer und der Sommer davor. Das Werk ist ein Reisebuch, oder auch nicht. Wer etwa genauere Beschreibungen von Sehensw\u00fcrdigkeiten erwartet wird entt\u00e4uscht. Der Leser oder die Leserin nimmt vielmehr an einem gewaltigen Erinnerungsstrom Kurzecks teil, der sich auf drei Zeitebenen an seine Reise mit Frau und Kind nach S\u00fcdfrankreich, an ein befreundetes Paar und einen Sommer in Frankfurt erinnert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hler berichtet \u00fcber seine Anf\u00e4nge als Schriftsteller und schildert mit unendlich vielen Details, kurzen Szenen und Gedankenfetzen den Alltag dieser Jahre. \u201eMan kommt nicht zur Besinnung. Oder man kommt zur Besinnung und sonst zu nichts mehr. schreibt er in einem seiner typischen S\u00e4tze. F\u00fcr Kurzeck ist das Schreiben selbst zu einer Reise geworden. \u201eUnd zwar zu einer viel \u00fcberw\u00e4ltigenderen Reise, zu einer Entdeckung, jedes Mal neu\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kleinen Dinge, die Besorgungen, die Entwicklung seiner Tochter oder Begegnungen beim Trampen besch\u00e4ftigen den Beobachter ununterbrochen. Dabei spielt es auf seiner Wanderschaft keine entscheidende Rolle, ob man gerade in Tauberbischofsheim, Arles oder Frankfurt ist. Es ist ein R\u00fcckblick auf einen Weg ohne Ankommen und der verzweifelte Versuch im Strom der Zeit den Moment festzuhalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tausende Notizen und Stichwortsammlungen bildeten den gewaltigen Wortschatz, den Kurzeck f\u00fcr sein Vorhaben, ein Jahrhundert voller Erinnerungen zu erz\u00e4hlen, nutzt. Der radikale Biograph seines eigenen Bewusstseins schafft dabei eine Melodie der Sprache, die sich in ihrem Rhythmus um seine Suche nach der verlorenen Zeit und die melancholische Stimmung der Vergeblichkeit dreht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNur, dass dauernd die Zeit vergeht! Heillos! Verheerend die Zeit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu sp\u00fcrst, wie die Zeit an dir zieht, immerfort an dir zieht. (\u2026) Die Zeit wie ein Zug, mit den Bildern als Fracht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Andr\u00e8 Gide, Stirb und Werde, dtv, 2001<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Kurzeck, Der vorige Sommer und der Sommer davor, Sch\u00f6fling &amp; Co., 2019<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Kurzeck, Der radikale Biograph, Hg Erika Schmied, Stroemfeld Verlag, 2013<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine alte Stadt, genau in der Mitte zwischen Avignon und den Cevennen. (\u2026) Man sieht sie von weitem schon. 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