{"id":447,"date":"2022-10-02T18:35:03","date_gmt":"2022-10-02T16:35:03","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=447"},"modified":"2022-10-02T18:35:04","modified_gmt":"2022-10-02T16:35:04","slug":"durrell-in-der-provence","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/durrell-in-der-provence\/","title":{"rendered":"Durrell in der Provence"},"content":{"rendered":"<p>\u201eReisen werden wie K\u00fcnstler geboren und nicht gemacht. Tausend verschiedene Umst\u00e4nde tragen dazu bei, wenige davon gewollt oder durch den Willen bestimmt \u2013 was auch immer wir denken m\u00f6gen.\u201c (Lawrence Durrell, bittere Limonen)<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt aus touristischer Sicht wichtigere Ort wie das kleine St\u00e4dtchen Sommi\u00e8res. Der Ort liegt zwischen N\u00eemes und Montpellier am Fluss Vidourle an einer alten Br\u00fccke und wird von der im 13. Jahrhundert erbauten Burg, mit ihrem auf quadratischem Grundriss errichteten Wehrturm \u00fcberragt. Wir entdeckten die Stadt an einem warmen Herbsttag und liefen durch die engen Gassen, die regelm\u00e4\u00dfig von einem Hochwasser \u00fcberflutet werden, den Burgberg hinauf. Die Aussicht von diesem Ort, verspricht ein Reisef\u00fchrer, umfasst die ganze Camargue. Die alte Holzt\u00fcr fanden wir verschlossen vor und von dem davor gelegenen kleinen Plateau aus sahen wir allein in den blauen Himmel.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen weiteren Grund, das St\u00e4dtchen aufzusuchen, hier wohnte der englische Schriftsteller Lawrence Durrell (1912-1990). Am n\u00e4chsten Morgen besuchten wir das Kulturzentrum, das den Namen des Engl\u00e4nders tr\u00e4gt. Hier findet man, neben einem alten Klavier aus dem Privatbesitz, drei Schautafeln mit Lebensstationen des Mannes. Seine B\u00fccher \u00fcber Zypern, Rhodos und Korfu begr\u00fcndeten seinen Ruhm als Reiseschriftsteller, bevor er in den 50er Jahren in die Provence \u00fcbersiedelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eC\u00b4est tout\u201c best\u00e4tigte uns eine Angestellte. Mehr gab es hier nicht zu sehen. Auf der Touristeninformation fanden sich keine weiteren Spuren, aber immerhin, die Auskunft, wo sich das Lieblingscaf\u00e9 und die Villa des Dichters befanden. In der Route de Saussines kreisten wir, wie um eine imagin\u00e4re Insel, um das von einer Mauer eingehegte Grundst\u00fcck, ein Kleinod, von der eine Palme in den Himmel ragt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland besorgen wir uns im Antiquariat das Buch \u201ein der Provence\u201c und erhoffen uns Einblicke in das Leben, das sich Durrell von dieser sagenumwobenen Region erhoffte. \u201eIch bin wie alle anderen vor langer Zeit hergekommen, um in Liebe zu entbrennen oder zu erkalten\u201c schreibt er in seiner Einf\u00fchrung. Und er erw\u00e4hnt das Licht, dem nichts gerecht wird &#8211; weder Kamera noch Pinsel. Die Provence, so wird dem Leser schnell klar, ist f\u00fcr ihn kein konkreter Ort, eher eine Idee, ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen, ein Flickenteppich, von den Spuren der Vergangenheit gepr\u00e4gt. So schafft er eine impressionistische und poetische Collage, erz\u00e4hlt von Griechen und R\u00f6mern, bis hin zu den Zeitgenossen, die er hier trifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Jerome ist eine dieser wichtigen Begegnungen, eine Art Obdachloser, ein Clochard, Mitglied der gro\u00dfen Bruderschaft der Schelme, Gr\u00fcbler und Querdenker, die in dieser Zeit \u00fcberall in der Provence zu beobachten waren. Durrell erz\u00e4hlt, dass diese Menschen von der Bev\u00f6lkerung respektiert wurden. \u201eSchnurrb\u00e4rtige Herren, die in Wahrheit unsere Philosophen waren, die sich aus der normalen Gesellschaft verabschiedet hatten, um in beinahe religi\u00f6ser Zur\u00fcckgezogenheit ihren Tod neu zu definieren, solange noch Zeit dazu war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Voraussetzungen einer Ansiedelung waren damals f\u00fcr mittellose K\u00fcnstler g\u00fcnstig. Er ist in der Lage mit wenig Geld ein w\u00fcrdiges Zuhause zu bauen. Sp\u00e4ter, nach den Erfolgen in seinem Beruf, erwirbt er die Villa in Sommi\u00e8res. Diese Umst\u00e4nde wandeln sich bald dramatisch. In den 90er Jahren beschreibt der, millionenfach gelesene Bestsellerautor Peter Mayle in dem Buch \u201eToujours Provence\u201c die neue Situation auf dem Immobilienmarkt: \u201eDie Preise sind aufgebl\u00e4ht wie der Bauch nach einer Mahlzeit mit drei G\u00e4ngen; selbst in der kurzen Zeitspanne unseres Aufenthaltes haben wir Preisentwicklungen erlebt, die mit dem Verstand &#8211; und den Glauben &#8211; nicht zu fassen sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Geld und Massentourismus ver\u00e4ndern den Sehnsuchtsort zunehmend. Ein Leben in der Provence muss man sich im 21. Jahrhundert leisten k\u00f6nnen. Durrell erinnert in seinem pers\u00f6nlich und subjektiv gehaltenen Buch an die eigentliche Essenz, die er in seiner Wahlheimat gefunden hat: die Liebe. Neben der einmaligen Erfahrung der Atmosph\u00e4re, Land und Leuten, ist es die alte provenzalische Sprache, die ihn fasziniert. Die h\u00f6fische Dichtung des Mittelalters, mit ihrer tiefen Verehrung f\u00fcr die Frauen, das Leben, den Tod, eingebettet in die symbolische Suche nach einem Gott, fesseln ihn. Der Trubel auf den verstopften Stra\u00dfen, der sich in seiner Zeit ank\u00fcndigt, lenkt ihn davon nicht weiter ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Lawrence Durrell, In der Provence, Sch\u00f6nling &amp; Co., 1998<br>Peter Mayle, Toujours Provence, Knaur Verlag, M\u00fcnchen<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReisen werden wie K\u00fcnstler geboren und nicht gemacht. 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