{"id":461,"date":"2022-11-02T11:48:46","date_gmt":"2022-11-02T10:48:46","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=461"},"modified":"2022-11-02T11:48:47","modified_gmt":"2022-11-02T10:48:47","slug":"nicht-orte-ein-eindruck-von-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/nicht-orte-ein-eindruck-von-berlin\/","title":{"rendered":"Nicht-Orte, ein Eindruck von Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Berlin ist eine Gro\u00dfstadt ohne Zentrum. Wir erkunden die verschiedenen Stadtteile mit dem Auto, der Stra\u00dfenbahn und zu Fu\u00df. Wir laufen durch Parks und Gr\u00fcnanlagen, fahren auf Betonpisten an Wohnsilos vorbei, erleben die kleinst\u00e4dtische Atmosph\u00e4re im Kiez, bewundern die Prachtstra\u00dfe Unter den Linden und flanieren durch die Konsumtempel. Irgendwo zwischen Gropiusstadt und Grunewald, Charlottenburg und Marzahn fragen wir uns, ist Berlin, oder was man Berlin nennt, eigentlich eine sch\u00f6ne Stadt?<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Cees Nooteboom Recht hat, dass eine Stadt wie ein Buch ist, und der Reisende sein Leser, dann ist diese Metropole mit all ihren verschiedenen Seiten keine Kurzgeschichte. Es gibt so viele Ansichten auf diese Metropole, dass sich eine gewisse Reiz\u00fcberflutung einstellt, die sich aus dem \u00dcberma\u00df des Angebots und der Flut von Menschen, seien es Passanten, Konsumenten, Arbeitende, Touristen oder Fl\u00fcchtlinge ergibt. Ein Gang durch die Stra\u00dfen sammelt unz\u00e4hlige Augenblickseindr\u00fccke, die wir &#8211; vermutlich unbewusst &#8211; in unser Bild von der Stadt einordnen. Der Eindruck von Sch\u00f6nheit und Trostlosigkeit wechselt sich dabei ab. Aber, Berlin, Gott sei Dank, bietet dem Wanderer immer wieder seine Ruhepole an, eine Bank im Park, in den kleinen Caf\u00e9s oder irgendeiner anderen ruhigen Ecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich muss man sich auf dieser Art des Reisens, die fortlaufende Bewegung erfordert, einem bekannten Dilemma stellen. Der Philosoph Giorgio Agamben beschreibt es so: \u201eDer zeitgen\u00f6ssische Mensch kehrt abends nach Hause zur\u00fcck, und ist v\u00f6llig ersch\u00f6pft von einem Wirrwarr von Erlebnissen &#8211; unterhaltenden oder langweiligen, ungew\u00f6hnlichen oder gew\u00f6hnlichen, furchtbaren oder erfreulichen, ohne da\u00df auch nur eines davon zur Erfahrung geworden w\u00e4re.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Philosoph mag Recht haben, aber unser Stadtrundgang zeigt die andere Seite der Medaille. Berlin ist ein Erfahrungsort, ein gro\u00dfes Mahnmal, in der sich die machtvolle Begegnung von abgr\u00fcndigen und hoffnungsvollen Geschichten, Siege und Niederlagen, manifestiert. Wir Zeitgenossen, an Frieden und Wohlstand gew\u00f6hnt, sind hier nur stille, im Grunde dankbare Beobachter, die das ungeheure Leid vergangener Zeiten nur erahnen. Zumindest mit dieser Einsicht nehmen wir eine Erfahrung mit.<\/p>\n\n\n\n<p>In unmittelbarer Nachbarschaft des Gropiusbaus, in der wir eine Ausstellung besuchen, entdecken wir Reste der Mauer und ein Museum, das sich der \u201eTopographie des Terrors\u201c widmet. Die Trennung von Ordnung und Ortung, die der Jurist Carl Schmitt, als Wesenszug des Nihilismus definiert, wird hier dramatisch erfahrbar. Die Organisation der Ideologie schuf diese Orte ohne Recht, denen man auf dem Berliner Stadtgebiet immer wieder begegnet. F\u00fcr das Grauen wurde ein Preis bezahlt: Die Wunden der Vergangenheit, die ehemaligen Grenzen, die Baus\u00fcnden und die oft planlos erscheinende Stadtentwicklung ergeben bis heute ein Bild der Zerrissenheit. Die moderne Architektur, die den Ost- und Westteil der Stadt zusammen wachsen l\u00e4sst oder Baul\u00fccken f\u00fcllt, folgt in den meisten F\u00e4llen nur dem \u00f6konomischen Kalk\u00fcl der effizienten Nutzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Ethnologe Marc Aug\u00e9 bietet eine begriffliche Unterscheidung an, die den Blick auf die moderne Gro\u00dfstadt tiefer fassen l\u00e4sst. In seinem Essay \u201eNicht-Ort\u201c beschreibt er die Zunahme von sinnentleerten Funktionsorten, wie beispielsweise Flugh\u00e4fen, U-Bahnen, Fl\u00fcchtlingslager, Superm\u00e4rkte oder Hotelketten. Es handelt sich um keine anthropologischen Orte, man ist nicht heimisch in ihnen, sondern es sind Ph\u00e4nomene des Ortlosen. Der Aufenthalt darin stiftet weder eine individuelle Identit\u00e4t, erinnert nicht an eine gemeinsame Vergangenheit und bildet keine sozialen Beziehungen: Hier erf\u00e4hrt man Einsamkeit und Gleichf\u00f6rmigkeit. \u201eDer Raum des Reisenden\u201c schreibt Aug\u00e9, \u201ew\u00e4re also der Archetypus des Nicht-Ortes\u201c. Diese rastlose Bewegung hat kein anderes Ziel als ihn selbst &#8211; oder das Schreiben, dass die Bilder festh\u00e4lt und wiederholt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserem Spaziergang durch die neue Mitte am Potsdamer Platz, entstanden in der Wildwestzeit der fr\u00fchen 90er, denken wir dar\u00fcber nach, ob es sich hier um einen dieser beschriebenen Nicht-Orte handelt. Es ist ein belebter Stadtteil, rund um einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt angeordnet. Hier finden sich Hotels, Kinos und die Hauptzentralen diverser Unternehmungen. Wir besuchen das Sony Center, mit seiner weit sichtbaren Dachkonstruktion, die einen japanischen Berg symbolisiert und eine spektakul\u00e4re Ingenieurleistung darstellt. Das aufgef\u00e4cherte Zeltdach aus Stoffbahnen ist mit Zugankern an einem Stahlring befestigt, der auf den umliegenden Geb\u00e4uden aufliegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im darunter liegenden Hauptraum, dem sogenannten Atrium, str\u00f6men die Besuchermassen in die Kinos, Museen und Wohnungen der riesigen Anlage. Der Begriff kommt m\u00f6glicherweise vom lateinischen ater, was so viel wie rauchgeschw\u00e4rzt bedeutet. Hier befand sich urspr\u00fcnglich der aus einer offenen Feuerstelle bestehende Herd, der die Decke schw\u00e4rzte. Die \u00d6rtlichkeit diente als Speiseraum, Arbeitsraum der Frauen und Aufenthaltsraum der Hausbewohner. Im Sony Center wird die Halle von einem gro\u00df dimensionierten, flackernden Bildschirm dominiert, um den sich die Zuschauer versammeln und die Werbung und Beitr\u00e4ge der Unterhaltungsindustrie anschauen. Das Geb\u00e4ude, das in dieser Form in jeder Gro\u00dfstadt der Welt stehen k\u00f6nnte, ist in die globale Ordnung des Internets eingebunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckbindung an die Berliner Vergangenheit wird hier durch eine architektonische Kuriosit\u00e4t gew\u00e4hrleistet. Wie in einem Schaukasten sind S\u00e4le des alten Hotels Esplanade in das Ensemble integriert. Der Palast war zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein sozialer Treffpunkt f\u00fcr den den Kaiser, Politiker und K\u00fcnstler. In seinen Erinnerungen staunt der Schriftsteller Cees Nooteboom \u00fcber den Anblick:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHinter Glas etwas vom fr\u00fcheren Kaisersaal, aber es ist so \u00e4hnlich wie der zweifache Tod aufgespie\u00dfter Schmetterlinge in einer Vitrine, sie h\u00e4tten sich l\u00e4ngst aufgel\u00f6st haben m\u00fcssen, doch sie sind noch da. Nur fliegen k\u00f6nnen sie nicht mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserem Heimweg stellt sich von zahlreichen Eindr\u00fccken eine Ersch\u00f6pfung ein. Sind wir der Gestalt dieser Stadt n\u00e4her gekommen? Die Antwort lautet nat\u00fcrlich nein, gerade deswegen lohnen sich f\u00fcr uns weitere Expeditionen durch den Gro\u00dfstadtdschungel.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Marc Aug\u00e9, Nicht-Orte, CH Beck Verlag, 2019<br>Cees Nooteboom, Berlin 1989\/2009, Suhrkamp Verlag, 2009<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin ist eine Gro\u00dfstadt ohne Zentrum. 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