{"id":469,"date":"2022-11-12T13:23:41","date_gmt":"2022-11-12T12:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=469"},"modified":"2022-11-12T13:23:42","modified_gmt":"2022-11-12T12:23:42","slug":"hiddensee-oder-das-erlebnis-der-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/hiddensee-oder-das-erlebnis-der-ewigkeit\/","title":{"rendered":"Hiddensee oder das Erlebnis der Ewigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man nach der \u00dcberfahrt in Vitte die Insel Hiddensee betritt, dann stellt sich bei uns recht unmittelbar das Gef\u00fchl der Gelassenheit ein. Hier herrscht kein hektischer Verkehr und Anfang November gibt es kaum Besucher. Der Reisende entscheidet entweder mit dem Pferdewagen, dem Fahrrad oder zu Fu\u00df die Insel zu erkunden. Nur wenige Autos und Versorgungsfahrzeuge sind hier zugelassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wandern am westlichen Strand entlang nach Kloster und lassen die einmalige Atmosph\u00e4re der Insel auf uns wirken. Die See und die Weiden, mit dem H\u00f6henzug des Dombuschs im Hintergrund bilden eine der sch\u00f6nsten Landschaften, die wir kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kloster lohnt sich ein Besuch des Heimatmuseums, das die Geschichte und Gebr\u00e4uche dieses Landstriches erkl\u00e4rt. Erste Reiseberichte \u00fcber das karge Leben auf der Insel werden im 19. Jahrhundert ver\u00f6ffentlicht. Ludwig Kosegarten, Schriftsteller und Dichter, der von 1792 bis 1808 Pfarrer in Altenkirchen (R\u00fcgen) war, r\u00fchmte die Landschaft in seinen Erz\u00e4hlungen. Anfang des 20. Jahrhunderts wird Hiddensee zur K\u00fcnstlerkolonie. Das Museum informiert \u00fcber die Aufenthalte der K\u00fcnstlerInnen, MalerInnen und SchriftstellerInnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Nobelpreistr\u00e4ger Gerhart Hauptmann, der zum Mythos dieses Ortes beitr\u00e4gt. 1885 betrat er die Insel zum ersten Mal, 1930 kaufte er das Haus Seedorn, das heute eine Gedenkst\u00e4tte ist. 1946 wurde er auf dem Inselfriedhof begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem Dichter gelingt es die Charakteristik und den Zauber der Insellandschaft in Worte zu fassen. In seinem Drama \u201eGabriel Schillings Flucht\u201c schreibt er zum Beispiel: \u201eDiese Klarheit! Dieses stumme und m\u00e4chtige Str\u00f6men des Lichts! Dazu die Freiheit des Wanderns \u00fcber die pfadlose Grastafel. Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen. Das geradezu bis zu Tr\u00e4nen ersch\u00fctternde Brausen der See.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>1896 f\u00fcgt er in seinem Tagebuch \u00fcber das Wesen der Insel hinzu: \u201eAlles Gek\u00fcnstelte, alles St\u00e4dtisch-kulturell-aufgedr\u00e4ngte f\u00e4llt von ihr ab. Das ist das Gesuchte, das ist das Gesunde. Aber eingeschl\u00e4fert sind darum unsere Nerven nicht. Im Gegenteil sonderbar aufgest\u00f6rt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wirkung der Landschaft, die Polarit\u00e4t zwischen Land und Meer, Licht und Schatten, Leben und Untergang besch\u00e4ftigen ihn hier unentwegt: \u201eSind es die Lichtkr\u00e4fte des Mondes in der selig befriedigten Unendlichkeit der See, die einen sanft-seligen Tod vorspiegeln?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Jahre sp\u00e4ter ahnt er bereits, nicht zuletzt wegen seiner Anwesenheit, seines eigenen Ruhms, dass das Idyll gef\u00e4hrdet ist. \u201eHiddensee ist eins der lieblichsten Eilande, nur stille, stille, da\u00df es nicht etwa ein Weltbad werde!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Mythos der Insel, wie Hauptmann formuliert, dem geistigsten der deutschen Seeb\u00e4der, tr\u00e4gt 1924 der gemeinsame Aufenthalt mit der Familie Mann bei. Im Hotel treffen sich die Meister der Sprache, der gro\u00dfe Schriftsteller und der gro\u00dfe Dichter. Katja Manns Erinnerungen lassen eine Rivalit\u00e4t anklingen: \u201eUnsere Nachbarschaft in Hiddensee war etwas \u00e4rgerlich, weil Hauptmann doch der K\u00f6nig von Hiddensee war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Uns fasziniert Hauptmanns Art zu reisen. Sein Freund Arnold Gustavs, langj\u00e4hriger Pfarrer von Hiddensee, begr\u00fcndet die Unruhe des Dichters, der immer wieder zwischen Italien, dem Riesengebirge und der Ostsee pendelt. \u201eSp\u00fcrte er, da\u00df der Strom seines Geistes am Versiegen war, packte er seine Koffer und fuhr an einen anderen Ort. Und siehe da die Quelle begann wieder zu sprudeln.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die imagin\u00e4re Kraft des Schriftstellers, durch sein Reisen stimuliert, bezeugt sein Roman \u201eDie gro\u00dfe Mutter\u201c, der in der S\u00fcdsee spielt, aber offensichtlich Hiddensee ein Denkmal setzt. Gerhart Hauptmann schrieb das Werk 1916 bis 1924 gr\u00f6\u00dftenteils in Kloster. Er erw\u00e4hnt diesen Umstand augenzwinkernd in seinem Tagebuch und l\u00e4sst wissen, dass er die Geschichte nur schreiben konnte, weil er \u201ejahrelang auf Hiddensee die vielen sch\u00f6nen, oft ganz nackten Frauenk\u00f6rper gesehen hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Zeilen aus einem seiner letzten Gedichte, die der Insel gewidmet sind, verweisen auf seine Einsamkeit, Melancholie und die menschliche Erfahrung \u00fcber das verlorene Paradies:<\/p>\n\n\n\n<p>Dann kam der L\u00e4rm,<br>Ein buntes Geschw\u00e4rm:<br>entbundener Geist,<br>verdorben, gestorben, zu allermeist.<br>Und nun leben wir in fremdm\u00e4chtiger Zeit,<br>verschlagen wiederum in Verlassenheit,<br>in meines Hauses stillem Raum<br>herrscht der Traum.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir setzen unseren Spaziergang von Kloster zum Leuchtturm auf dem Dornbusch fort. Hier verliert sich der Blick in die Weite, das Licht ver\u00e4ndert sich im Minutentakt, in der Ferne sieht man Pferde und K\u00fche auf den Wiesen grasen. Es ist eine Welt, die sich vor uns ausbreitet, die ein eigenes Ma\u00df auszeichnet. Der Horizont von Raum und Zeit bildet die Kulisse. Die Stimmung setzt sich ab gegen\u00fcber der Hektik des Festlandes, und gew\u00e4hrt, solange man hier ist: Erholung. Thomas Mann hat recht: \u201eDas Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man nach der \u00dcberfahrt in Vitte die Insel Hiddensee betritt, dann stellt sich bei uns recht unmittelbar das Gef\u00fchl der Gelassenheit ein. Hier herrscht kein hektischer Verkehr und Anfang November gibt es kaum Besucher. 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