{"id":474,"date":"2022-11-28T12:40:24","date_gmt":"2022-11-28T11:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=474"},"modified":"2022-11-28T14:10:07","modified_gmt":"2022-11-28T13:10:07","slug":"reisen-oder-gereist-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/reisen-oder-gereist-werden\/","title":{"rendered":"Reisen oder Gereist-Werden"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1926 hinterl\u00e4sst der Schriftsteller Stefan Zweig mit seinem Text \u201eReisen oder Gereist-Werden\u201c ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Individualreisen. Bahnh\u00f6fe und H\u00e4fen erwecken seine Leidenschaft, aber, wie er erkennt, die Zeit ist gekommen f\u00fcr ein \u201eanderes Reisen, das Reisen in Masse, das Reisen auf Kontrakt, das Gereist-Werden.\u201c Das Neue, nach dem sich der Reisende sehnt, wird in den popul\u00e4ren Reisef\u00fchrern, auf das Sehensw\u00fcrdige hin ausgesiebt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nicht mehr der wahre Gott der Wanderer, der Zufall, der die Schritte lenkt\u201c beklagt der Autor und erinnert an den Gehalt des &#8211; aus einer Sicht &#8211; authentischen Reisens. \u201eAber Reise soll Verschwendung sein, Hingabe der Ordnung an den Zufall, des T\u00e4glichen an das Au\u00dferordentliche, sie mu\u00df (\u2026) ureigenste Gestaltung unsere Neigung sein &#8211; wir wollen sie darum verteidigen gegen die neue b\u00fcrokratische, maschinelle Form des Massenwanderung, des Reisebetriebs.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der letzten Frankreichreise ist uns Stefan Zweig im \u201eMus\u00e9e Balzac\u201c begegnet. Seine Biografie \u00fcber den franz\u00f6sischen Schriftsteller ist ein Meisterwerk. Gleiches gilt f\u00fcr seine Erz\u00e4hlung, die dem portugiesischen Seefahrer Magellan gewidmet ist, der mit f\u00fcnf Kuttern von Sevilla ausfuhr, um in seiner Odyssee die ganze Erde zu umrunden. In der Einleitung begr\u00fcndet Zweig den Ursprung seiner Idee, dieses Buch zu schreiben. Auf der \u00dcberfahrt nach S\u00fcdamerika erlebt der Autor paradiesische Tage. Das Schiff bietet an sich allen Komfort, es herrscht \u00dcberfluss und der Alltag an Bord ist perfekt organisiert. Dennoch wird der Reisende ungeduldig und eine gewisse Langeweile schleicht sich ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErinnere dich, Du Ungeduldiger, erinnere dich, du Ungen\u00fcgsamer, wie dies vordem war!\u201c Mit dem Gedanken reagiert der Schriftsteller auf diese Situation. Er wendet sich einem der gr\u00f6\u00dften Abenteuer der Menschheitsgeschichte, der Erdumsegelung des Magellan zu. Entbehrung, Tragik und Schicksalsschl\u00e4ge sind die existentiellen Themen, die ihn von seiner Komfortzone ablenken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIm Anfang war das Gew\u00fcrz\u201c ist der erste Satz seines Buches. Zweig erkl\u00e4rt die \u00f6konomische Motivation der Seefahrer und ihrer Sponsoren. Der Handel mit den Produkten Asiens versprechen den Expeditionen riesige Gewinnaussichten. Magellan, der zehn Jahre f\u00fcr die portugiesische Krone k\u00e4mpfte, verl\u00e4sst aus Entt\u00e4uschung \u00fcber mangelnde Anerkennung seine Heimat. Mit seinen neuen spanischen Partnern gelingt es ihm, zu einem der gr\u00f6\u00dften Abenteuer der Menschheitsgeschichte aufzubrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweig schildert anhand der historischen Fakten den Verlauf der Reise, die Rebellion der spanischen Mitstreiter gegen den Anf\u00fchrer aus Lissabon, die Abenteuer auf See und den tragischen Fall des Kapit\u00e4ns nach der \u00dcberquerung des Pazifiks. Gleicherma\u00dfen faszinierend und plausibel wirken die Schilderungen Zweigs \u00fcber das Innenleben der Seeleute auf dieser Reise ins Ungewisse. Der Tod, die Gefahr und die Dimension des Schicksals sind stets gegenw\u00e4rtig und lassen den tief beeindruckten Leser nachdenklich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweigs Literatur f\u00fchrt uns nach Europa, Indien und Amerika. Reisen, \u00fcber die er in Feuilletons und Berichten Zeugnis ablegt. Seine eigene Biografie ist von der Flucht vor dem Nationalsozialismus gepr\u00e4gt. Im brasilianischen Exil begeht er 1942 Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief hatte Zweig geschrieben, er werde \u201eaus freiem Willen und mit klaren Sinnen\u201c aus dem Leben scheiden. Die Zerst\u00f6rung seiner \u201egeistigen Heimat Europa\u201c war ihm unertr\u00e4glich, seine Kr\u00e4fte \u201edurch die langen Jahre heimatlosen Wanderns\u201c ersch\u00f6pft.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweig, Magellan, Insel Verlag, 4. Auflage 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweig, Auf Reisen, Fischer Taschenbuch, 4. Auflage 2011<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 1926 hinterl\u00e4sst der Schriftsteller Stefan Zweig mit seinem Text \u201eReisen oder Gereist-Werden\u201c ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Individualreisen. 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