{"id":481,"date":"2022-12-29T18:24:46","date_gmt":"2022-12-29T17:24:46","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=481"},"modified":"2022-12-29T18:24:47","modified_gmt":"2022-12-29T17:24:47","slug":"dschungel-der-narrative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/dschungel-der-narrative\/","title":{"rendered":"Dschungel der Narrative"},"content":{"rendered":"<p>Wir flanieren \u00fcber die Br\u00fchlsche Terrasse und schauen auf die stumm dahinflie\u00dfende Elbe. Hier, vom Balkon Europas aus, taucht man in die gro\u00dfe Geschichte dieser Stadt ein, die sich in aller Widerspr\u00fcchlichkeit vor uns ausbreitet. \u201eDresden ist ein langer Blick zur\u00fcck, Gegenwart nur die Wasseroberfl\u00e4che der Vergangenheit die steigt und steigt\u201c schreibt der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinen Erkundungen. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Stadtbild von Zerrissenheit gepr\u00e4gt. In Sichtweite die ber\u00fchmten Bauwerke, Theater, Oper, Museen, die an den Mythos des untergegangene Elbflorenz erinnern und erst mit dem Blick auf die angrenzenden Wohnsilos der allgegenw\u00e4rtigen DDR-Architektur, das ganze Bild ergeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Hinter uns liegt ein Symbol der Vers\u00f6hnung, die Frauenkirche, die, zusammengesetzt aus neuen und von Ru\u00df geschw\u00e4rzten Steinen, das alte Zentrum wieder aufleben l\u00e4sst. Am Tag der Luftangriffe vom 13. Februar 1945 hielt sich der Nobelpreistr\u00e4ger Gerhart Hauptmann in einem \u00f6rtlichen Sanatorium auf. Die Zerst\u00f6rung seiner \u00fcber alles geliebten Kulturmetropole bildet den Tiefpunkt seiner Existenz: \u201eWer das Weinen verlernt hat, lernt es wieder beim Untergang Dresdens. Ich stehe am Ausgangstor meines Lebens und beneide meine toten Geisteskameraden, denen dieses Erlebnis erspart geblieben ist.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Aufenthalt in dieser Stadt gen\u00fcgt nicht. Allein 50 Museen kann man in Dresden besichtigen. Wir besuchen das Albertinum und bewundern dort die neuen Meister. Im ersten Saal stehen wir vor der Fotofassung der ber\u00fchmten 48 Portraits, welche Gerhard Richter nach Gem\u00e4lden fertigte, die er 1972 auf der Biennale in Venedig zeigte. Wissenschaftler, K\u00fcnstler und Politiker sind in leicht verwaschenem Grau gehalten. Eine Deutung: Im Dschungel der Narrative verblassen langsam die Erinnerungen an die gro\u00dfen Charaktere. Wer erz\u00e4hlt ihre Geschichten?<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen die Innenstadt und fahren an der Elbe entlang, die \u00fcber eine k\u00fchne Stahlkonstruktion, das blaue Wunder, \u00fcberquert wird. Wir sind im Stadtteil Loschwitz. Dort finden wir die kleine, aber feine Buchhandlung, die, eine Art Symbol, im Mittelpunkt aktueller Kontroversen steht. Im Schaufenster ist das neueste Werk Tellkamps ausgestellt: der Schlaf in den Uhren. Die bekannte Buchh\u00e4ndlerin und der mit ihr befreundete Schriftsteller geh\u00f6rten zum Kernbestand der Kulturszene Dresdens. Ihre kritischen Einlassungen im Rahmen der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 hat sie in das geistige Zentrum der Debatten \u00fcber die AfD und die PEGIDA gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>In der hitzigen Kontroverse wurde den beiden Protagonisten vorgeworfen, sich nicht eindeutig von rechtsextremen Positionen abzugrenzen. Tellkamp beklagt sich seitdem \u00fcber einen angeblichen Gesinnungskorridor, der dazu f\u00fchrt, dass Meinungs\u00e4u\u00dferungen zwar erlaubt, aber &#8211; aus seiner Sicht &#8211; immer h\u00e4ufiger zu einer sozialen \u00c4chtung f\u00fchren. Die Fronten im Kulturkampf sind verh\u00e4rtet, die Buchhandlung wurde sogar Ziel eines perfiden Anschlages.<\/p>\n\n\n\n<p>Jenseits der politischen Debatte geh\u00f6rt Uwe Tellkamp zweifellos zu den gro\u00dfen Schriftstellern des Landes. Der Turm, ein Roman \u00fcber die letzten Jahre der DDR, ist ein Bestseller und wurde erfolgreich verfilmt. Schauplatz der Familiengeschichte und Ziel unseres Besuches ist der Stadtteil \u201eWei\u00dfer Hirsch\u201c, zu dem man, in unmittelbarer N\u00e4he des Buchladens, mit einer Bergbahn aufsteigt. Der Gang durch das Villenviertel und die Erinnerungen an das Buch, mit seinen fiktiven und realen Schilderungen, verschmelzen hier. Die H\u00e4user und die BewohnerInnen, viele aus der Kunst- und Wissenschaftsszene, sind Inspirationsquellen f\u00fcr das Werk. Die finanzkr\u00e4ftigen Bauherren lie\u00dfen ihrer architektonischen Phantasie freien Lauf und so entstand an diesem Ort eine Art Turmgesellschaft, die in DDR-Zeiten am deutschen Bildungsb\u00fcrgertum festhielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf hunderten Seiten beschreibt Tellkamp diesen Ausschnitt der neueren Geschichte Dresdens. Den Autor selbst stimmt die Zukunft der gro\u00dfen Narrative unter den Bedingungen moderner Informationsgesellschaft eher pessimistisch. In einem Gespr\u00e4ch mit dem FAZ-Redakteur Andreas Platthaus, mit dem er 2008 den Wei\u00dfen Hirsch besucht, stellt er fest: \u201eHeute wird gar nicht begriffen, was Romane leisten k\u00f6nnen. Dass sie einen Zugang zur Welt bieten, den Geschichtsb\u00fccher oder Philosophie gar nicht leisten k\u00f6nnen. Ich habe keine gro\u00dfe Hoffnung f\u00fcr B\u00fccher wie meines, die Zahl der Leser, die damit etwas anfangen k\u00f6nnen, wird immer kleiner.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen den Tag in der Dresdner Neustadt ausklingen. Die elit\u00e4re Stimmung auf den H\u00fcgeln \u00fcber der Elbe ist hier weit weg. In dem Szene- und Ausgehviertel finden sich zahlreiche Caf\u00e9s und Kneipen. Das Publikum ist bunt. Die Galerien, Theater und Kinos tragen zu der so weitl\u00e4ufigen wie einmaligen Kulturszene der Stadt bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Uwe Tellkamp, Die Schwebebahn. Dresdner Erkundungen, Insel Verlag, 2012<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir flanieren \u00fcber die Br\u00fchlsche Terrasse und schauen auf die stumm dahinflie\u00dfende Elbe. 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