{"id":485,"date":"2023-01-08T15:21:57","date_gmt":"2023-01-08T14:21:57","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=485"},"modified":"2023-01-08T15:24:50","modified_gmt":"2023-01-08T14:24:50","slug":"die-kreidefelsen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-kreidefelsen\/","title":{"rendered":"Die Kreidefelsen"},"content":{"rendered":"<p>Samstag, regnerischer Tag. Fahrt nach Sassnitz. Im alten Dorfkern wollen wir den kleinen Buchladen besuchen, der dem Thema \u201eInseln\u201c gewidmet ist. Eine Fundgrube f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Reiseliteratur. Leider stehen wir vor einer verschlossenen T\u00fcr: Ferien. An der Strandpromenade tr\u00f6sten wir uns mit Caf\u00e9 und einem St\u00fcck Sanddorn-Torte. Wir schweigen, sitzen am Fenster und kucken auf die unbesetzte Bank mit Aussicht auf das Meer. Nur wenige Passanten trotzen dem Nieselregen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Spaziergang f\u00fchrt uns an der Promenade entlang, auf einen kleinen Waldweg, zum Strand. Wir wandern an Findlingen vorbei, das Ger\u00f6ll knirscht unter den F\u00fc\u00dfen, klettern \u00fcber einen gefallenen Baum, der die enge Passage versperrt. Wir treten in einen Raum ein, der an die Erdgeschichte erinnert und vom Kampf des Meeres gegen das Land gepr\u00e4gt ist. Ein Wald scheint langsam in Richtung Abgrund geschoben zu werden. Unter der Bruchlinie tauschen die Kreidefelsen auf. Die Kreide entstand zu Lebzeiten der Dinosaurier, vor etwa 70 bis 100 Millionen Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Einzelne Spazierg\u00e4nger, die in der Ferne zu sehen sind, wirken winzig unter den Abh\u00e4ngen. Das Meer und der Himmel am Horizont wird durch eine farbliche Nuance unterschieden. Graut\u00f6ne, die am Ber\u00fchrungspunkt durch eine hell angedeutete Linie verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1840 wird in der Region Kreide abgebaut. Im gleichen Jahr starb der Maler Caspar David Friedrich.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Bild \u201eKreidefelsen auf R\u00fcgen\u201c, ein 1818 entstandenes Gem\u00e4lde, hat viele Reisende angeregt, diese Landschaft zu besuchen. Auf der Darstellung sind eine Frau, ein am Abgrund liegender und ein die Ferne blickender Mann zu sehen. Das Werk wirkt idyllisch und tr\u00e4gt bis heute zu dem Mythos R\u00fcgen bei. Die Insel war f\u00fcr Friedrich raue und unber\u00fchrte Natur, Ort der Inspiration, der Kraftsch\u00f6pfung und Heilung. Seine Kunst verbindet Wahrnehmung und Erfahrung: \u201eDer Maler soll nicht blo\u00df malen, was er vor sich sieht, sondern was er in sich sieht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Stimmung des K\u00fcnstlers offenbart ein Aquarell mit dem gleichen Titel aus dem Jahr 1825. Das Bild zeigt den denselben Meerausblick, es sind aber keine Personen darauf zu sehen. Es wird spekuliert, dass der Maler zu dieser Zeit einsam war. Die d\u00fcstere Atmosph\u00e4re wird durch verk\u00fcmmerte B\u00e4ume und in trostlosem Grau gehaltene Felsen erzeugt. Die Darstellung einer \u201eNatur ohne Menschen\u201c l\u00e4sst an die Apokalypse und die aktuellen Debatten denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber ein Buch von Thomas Fasbender, das den Titel \u201edas unheimliche Jahrhundert\u201c tr\u00e4gt. Der Autor entwirft eine pessimistische Sicht auf den Klimawandel, der seiner Meinung nach nicht mehr aufzuhalten ist. Dennoch w\u00e4re es f\u00fcr ihn fatal, dem Geschehen passiv und ohne gesellschaftliche Gegenma\u00dfnahmen zu begegnen. Er erinnert nur daran, dass wir Menschen in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen leben, nicht jede Krise technologisch gel\u00f6st wird. Er zitiert Ernst J\u00fcnger mit der Einsicht, dass wir nicht Zeugen einer politischen, sondern einer geo-physischen Revolution werden. Da die Folgen dieser Metamorphose, schon bei einer verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen geringen Erderw\u00e4rmung, unseren Alltag ver\u00e4ndern wird, r\u00e4t der Philosoph, der neuen Lage mit einer moralischen Haltung zu begegnen. Sonst gilt die alte Weisheit: Die Hoffnung stirbt zuletzt.<\/p>\n\n\n\n<p>So sitzen wir unter den Kreidefelsen und schauen auf die See. Es regnet leicht, die Wellen schlagen in langsamen Takt auf, die Konturen der Umgebung vor uns sind verschwommen. \u201eDas Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit\u201c schrieb einst Thomas Mann. So weit die Erinnerung. Zuhause lesen wir nochmals nach, ob das Zitat vollst\u00e4ndig ist. Und tats\u00e4chlich, es ist unvollst\u00e4ndig. Es lautet: \u201eDas Meer ist keine Landschaft, es ist das Erlebnis der Ewigkeit, des Nichts und des Todes, ein metaphysischer Traum.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man das Wort Mann`s h\u00f6rt ? Es ist eine Frage der Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Fasbender, das unheimliche Jahrhundert, Landtverlag 2022<\/p>\n\n\n\n<p>Reinhard Piechocki, Romantiker auf R\u00fcgen, Putbus 2015<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samstag, regnerischer Tag. Fahrt nach Sassnitz. Im alten Dorfkern wollen wir den kleinen Buchladen besuchen, der dem Thema \u201eInseln\u201c gewidmet ist. Eine Fundgrube f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Reiseliteratur. Leider stehen wir vor einer verschlossenen T\u00fcr: Ferien. 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