{"id":490,"date":"2023-02-06T13:16:44","date_gmt":"2023-02-06T12:16:44","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=490"},"modified":"2023-02-06T13:16:45","modified_gmt":"2023-02-06T12:16:45","slug":"herr-der-schrauben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/herr-der-schrauben\/","title":{"rendered":"Herr der Schrauben"},"content":{"rendered":"<p>Im Elsass ist es kalt und regnerisch. Wir besuchen das Museum \u201eW\u00fcrth\u201c in Erstein, Teil der franz\u00f6sischen Dependance des Weltunternehmens. Hier wird in einem modernen Geb\u00e4ude zeitgen\u00f6ssische Kunst ausgestellt. Der aus einfachen Verh\u00e4ltnissen stammende Reinhold W\u00fcrth besch\u00e4ftigt heute bei einem Umsatz von 13.6 Milliarden weltweit 77000 Mitarbeiter. Schrauben und Befestigungssysteme lie\u00dfen den genialen Gesch\u00e4ftsmann reich werden und erm\u00f6glichten ihm, einen gewaltigen Kunstschatz anzuh\u00e4ufen. In mittlerweile 14 Ausstellungsst\u00e4tten im In- und Ausland werden die mehr als 18000 Werke bei freiem Eintritt in permanenten Wechselausstellungen gezeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die aktuelle Ausstellung ist der \u201eArt brut\u201c gewidmet. Der Begriff f\u00fchrt zu dem Maler und Schriftsteller Jean Dubuffet, der nach dem 2. Weltkrieg einen neuen, erweiterten Kunstbegriff schuf. Neben der eigenen Praxis besch\u00e4ftigte er sich mit dem Werk von Geisteskranken, Produktionen aller Art &#8211; Zeichnungen, Gem\u00e4lde, Stickereien, modellierte geschnitzte Figuren. Diese Kunst hat einen spontanen und erfinderischen Charakter. Seine Kunstsammlung setzt sich von \u00fcblichen Vorstellungen des Kunstbetriebes oder kulturellen Klischees ab. Die Werke stammen von verworrenen und randst\u00e4ndigen Personen, die nicht in professionellen Kunstkreisen t\u00e4tig sind. Ein in seinem Sinne Kunstschaffender muss nach der Definition Dubuffet`s emotional, sozial und wirtschaftlich isoliert sein und darf keine offizielle Anerkennung oder den Status eines K\u00fcnstlers anstreben.<\/p>\n\n\n\n<p>In Erstein bewundert man Sch\u00f6pfer von Kunstwerken, die mit ungew\u00f6hnlichen Biographien auffallen: zum Beispiel der Amerikaner Henry Darger. Er ist 4 Jahre alt, als seine Mutter stirbt. Er kommt in ein Heim, dann in eine Anstalt f\u00fcr geistig zur\u00fcckgebliebene Kinder, von wo er mit 17 wegl\u00e4uft. Ab 1920 arbeitet er als Putzmann in einem Krankenhaus in Chicago. Nichts in seiner beruflichen Laufbahn deutet auf das faszinierende Werk hin, das am Ende seines Lebens in einem Zimmer entdeckt wird. Eines seiner ausgestellten Bilder zeigt eine Ikone des Fortschritts, eine dampfende Eisenbahn und eine Gruppe von bunt gekleideten T\u00e4nzerinnen, die vor dem Unget\u00fcm \u00fcber die Schienen laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Abteilung ist besonderen K\u00fcnstlerInnen gewidmet. Die meisten Schaffenden sind hier Autodidakten. Sie folgen einer Praxis, die auf keiner Schule beruht, die nur sich selbst einbringt und grenzenlose Phantasie andeutet. Das ber\u00fchmte Postulat des Beuys aus den 1960er Jahren findet hier seine Best\u00e4tigung: \u201eJeder Mensch ist ein K\u00fcnstler\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausgestellt wird zum Beispiel ein Werk von Paul Amar aus dem Jahre 1985. In einem Glaskasten zeigt sich ein religi\u00f6ser Tempel, zuf\u00e4llig entstanden aus Gegenst\u00e4nden, aus Muscheln, die der K\u00fcnstler in einem Gesch\u00e4ft entdeckte. Flugs verwandelt er daraufhin seine Pariser Sozialwohnung in ein K\u00fcnstleratelier.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielsagend sind die ausgestellten Werke spiritistisch beeinflusster Kunst, deren Schaffensgeschichte Augustine Lesage wie folgt beschreibt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch mache alle meine Bilder ohne sie zu konzipieren. Ich zeichne nichts auf, ich haben keine andere Werkzeuge als meine Pinsel und Schaufeln. Eine unsichtbare Kraft zwingt mich, eher die Farbe als eine andere zu nehmen. Ich male nur mit \u00d6l und kein anderer Einfluss, als der mich f\u00fchrt, kann auf meinen Arm einwirken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind begeistert, verwundert, dass ein Unternehmer, der mit seiner strengen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung beeindruckt und mit ausgekl\u00fcgelten, technischen Systemen brilliert, gleichzeitig \u201esurreale\u201c R\u00e4ume schafft, die er einer breiten \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich macht. Im Museumscaf\u00e9 bl\u00e4ttern wir durch die Biografie \u00fcber den \u201eHerrn der Schrauben\u201c. Die Lebensgeschichte von Reinhold W\u00fcrth stellt eine ungew\u00f6hnliche Symbiose dar: Erfinder, Gesch\u00e4ftsmann und Kunstliebhaber.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Helge Timmerberg, Reinhold W\u00fcrth \u2013 der Herr der Schrauben, Piper Verlag, M\u00fcnchen 2020<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Elsass ist es kalt und regnerisch. Wir besuchen das Museum \u201eW\u00fcrth\u201c in Erstein, Teil der franz\u00f6sischen Dependance des Weltunternehmens. Hier wird in einem modernen Geb\u00e4ude zeitgen\u00f6ssische Kunst ausgestellt. 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