{"id":501,"date":"2023-03-22T15:55:20","date_gmt":"2023-03-22T14:55:20","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=501"},"modified":"2023-03-22T15:55:21","modified_gmt":"2023-03-22T14:55:21","slug":"vita-contemplativa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/vita-contemplativa\/","title":{"rendered":"Vita Contemplativa"},"content":{"rendered":"<p><em>&#8222;Wer vern\u00fcnftig handeln will, sei es nun in eigenen oder in \u00f6ffentlichen Angelegenheiten, muss zun\u00e4chst die Wahrheit erblicken.&#8220;<br>Platon<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Ausdruck Vita activa (\u201et\u00e4tiges Leben\u201c) bezeichnet in der griechischen Philosophie eine Lebensform, bei der praktische Arbeit und soziale Bet\u00e4tigung im Vordergrund stehen. Den Gegensatz dazu bildet die Vita contemplativa (\u201ebetrachtendes Leben\u201c), die der Erkenntnis gewidmet ist. Das Verh\u00e4ltnis der beiden Seinsweisen ist aus der Balance geraten: Viele Reisende sind heute unterwegs, um sich \u2013 zumindest zeitweise &#8211; von der Hektik des Alltags und von den Herausforderungen des Berufslebens zu erholen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Faustdichtung hat Johann Wolfgang von Goethe einen Prototyp der Moderne geschaffen, dessen Leben im direkten Gegensatz zu der eigentlichen Ruhe erfordernden Kontemplation steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Faust ist ein Charakter, der erkennen will, &#8222;was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt&#8220; und rastlos nach Wissen, Macht und Expansion strebt. Die Kernszene der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung, die Goethe kurz vor seinem Tod vollendete, ist der Pakt zwischen Faust und Mephistopheles. Die Anordnung ist kompliziert: Der Teufel gewinnt die Wette, wenn er, durch seine magischen Kr\u00e4fte beg\u00fcnstigt, den Tatmenschen aus seinen Aktivit\u00e4ten und Absichten heraus in einem Moment der kontemplativen Erf\u00fcllung f\u00fchrt und erl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>FAUST:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Werd ich zum Augenblick sagen:<br>Verweile doch! Du bist so sch\u00f6n!<br>Dann magst Du mich in Fesseln schlagen,<br>Dann will ich gerne zugrunde gehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Jaeger (&#8222;Global Player Faust&#8220;) sieht in diesem Pakt das moderne Gesetz der permanenten Revolution. Der Mensch kommt nicht zur Ruhe, gelangt nie ans Ziel und ist immer auf der \u201eFlucht nach vorn\u201c. Die Utopie, die aus dem Pakt hervorgeht, ist heute Realit\u00e4t: keine Bewusstseinsregion, keine noch so abgelegene Weltgegend, die nicht erfasst w\u00fcrde von der modernen Negation des Verweilens, da die ganze Welt in die immer schnelleren, rasenden Bild-, Daten-, Finanz-, Konsum und Verkehrsbewegungen ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext lesen wir das neue Buch des Philosophen Byung-Chul Han: Vita contemplativa oder von der Unt\u00e4tigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der aus Korea stammende Denker &#8211; in Asien ein Fabrikarbeiter, sp\u00e4ter promovierte er in Deutschland \u00fcber Heidegger &#8211; versucht sich angesichts des Zustandes der Stressgemeinschaft an einer therapeutischen Ma\u00dfnahme. Der Philosoph pl\u00e4diert f\u00fcr eine Renaissance des Kontemplativen, f\u00fcr eine Harmonisierung des westlichen Tatendrangs mit fern\u00f6stlich inspirierter Weisheit:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir haben vergessen, dass gerade die Unt\u00e4tigkeit, die nichts produziert, eine Intensiv- und Glanzform des Lebens darstellt. Dem Zwang zur Arbeit und Leistung wird eine Politik der Unt\u00e4tigkeit entgegenzusetzen sein, die eine wirkliche freie Zeit hervorzubringen vermag.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Han fordert nichts Anderes als den \u00dcbergang vom Handeln zum Sein, vom Wahn, dass alles machbar ist, hin zur Erm\u00f6glichung von wahren Ver\u00e4nderungen. Diese Ereignisse werden, aus seiner Sicht, nicht durch Aktionen, sondern in der existentiellen Erfahrung einer umfassenden Leere, vorbereitet. Er f\u00fchrt das Paradox aus:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Langeweile ist die Schwelle zu gro\u00dfen Taten. Die Langeweile bildet das unbewusste Geschehen. Ohne sie ereignet sich nichts.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Nichtstun versteht der Philosoph hier nicht Sinne eines sinnlosen Zeittotschlagens, sondern vielmehr in der Erfahrung einer langen Weile, einer intensiven Zeiterfahrung, einer Stimmung, die sich der Leere der Welt bewusst wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Byung-Chul Han f\u00fchrt, unter dem Eindruck des Zeitalters der Informationsgesellschaft, einen weiteren Begriff ein:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die Masse verliert heute an Bedeutung. Nicht zuf\u00e4llig ist von der Gesellschaft der Singularit\u00e4ten die Rede. Beschworen werden Kreativit\u00e4t und Authentizit\u00e4t. Jeder h\u00e4lt sich f\u00fcr einzigartig. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erz\u00e4hlen. Jeder performt sich. Die Vita activa \u00e4u\u00dfert sich nun als Vita performativa.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Performen zeigt sich im Arbeitscharakter, den viele Freizeitaktivit\u00e4ten heute in sich bergen oder in unserer permanenten Selbstdarstellung in den sozialen Medien. Han ringt um eine neue Balance:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas menschliche Dasein verwirklicht sich allein in der Vita composita, n\u00e4mlich im Zusammenwirken von Vita activa und Vita contemplativa&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Byung-Chul Han, Vita Contemplativa , Ullstein Verlag, Berlin 2022<br>Michale Jaeger, Global Player Faust, wjs-Verlag, Berlin 2010<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wer vern\u00fcnftig handeln will, sei es nun in eigenen oder in \u00f6ffentlichen Angelegenheiten, muss zun\u00e4chst die Wahrheit erblicken.&#8220;Platon Der Ausdruck Vita activa (\u201et\u00e4tiges Leben\u201c) bezeichnet in der griechischen Philosophie eine Lebensform, bei der praktische Arbeit und soziale Bet\u00e4tigung im Vordergrund &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/vita-contemplativa\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":502,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-501","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisekunst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=501"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":503,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/501\/revisions\/503"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/502"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=501"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=501"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=501"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}