{"id":513,"date":"2023-05-28T19:15:56","date_gmt":"2023-05-28T17:15:56","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=513"},"modified":"2023-07-24T13:54:17","modified_gmt":"2023-07-24T11:54:17","slug":"traumhafte-provence","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/traumhafte-provence\/","title":{"rendered":"Traumhafte Provence"},"content":{"rendered":"<p>Wie eine Insel ist die Kleinstadt L`Isle-sur-la-Sorgue von den Wasserl\u00e4ufen der Sorgue umgeben. In den ber\u00fchmten Antiquit\u00e4tenl\u00e4den finden sich alte M\u00f6bel, Bilder mit zweifelhafter Herkunft und sonstiges Strandgut. Deswegen sind wir nicht hier. Wir suchen nach Spuren des Dichters Ren\u00e9 Char (1907-1988), der hier geboren wurde. Ein Poet hinterl\u00e4sst Spuren, denen man nachtr\u00e4umen kann. Nur, das Maison Char, das wir besuchen wollen, es existiert nicht mehr. Die freundliche Dame im Touristenb\u00fcro sch\u00fcttelt den Kopf, im Geburtsort des Schriftstellers gibt es kein Andenken mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Entt\u00e4uschung w\u00e4hrt nur kurz. Wir entdecken in einer kleinen Gasse einen Ausstellungsraum des Bildhauers Philippe Richard, dessen Skulpturen wir vor einigen Tagen im botanischen Garten von \u00c8ze, in der N\u00e4he von Nizza, bewundert haben. Eine \u00dcberraschung! Ein freundlicher Mann unterbricht sogar sein Mittagessen, um uns von dem K\u00fcnstler zu erz\u00e4hlen. Seine weiblichen Figuren erschafft Richard in einem Dorf in der Nachbarschaft. Die gro\u00dfformatigen Werke sind g\u00fcnstig zu erstehen. Falls wir den Verk\u00e4ufer richtig verstehen, handelt es sich um die Kleinigkeit von 15.000 Euros. Wir zeigen freundliches Interesse, erkl\u00e4ren aber, dass im Hausschuh leider nur wenig Platz ist. Das ist ein Argument und die Basis f\u00fcr einen harmonischen Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist hei\u00df an diesem Tag.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir erinnern uns an den Rat Jean Giono\u00b4s: der echte S\u00fcdmensch fl\u00fcchtet aus der Sonne in den Schatten. Wir lassen in einem kleinen Garten, unter gro\u00dfen alten Platanen, die F\u00fc\u00dfe in den kalten Fluss h\u00e4ngen. Vor uns, auf der anderen Seite, er\u00f6ffnet sich ein Fenster: eine Stra\u00dfenszene am Quai Jean Jaur\u00e9s. Nichts spektakul\u00e4res: Wir sehen auf drei nebeneinander stehende H\u00e4user, in verblichenen Pastellfarben, die sich in der Sonne aufladen. Es ist das Geb\u00e4ude der Gendarmerie, von der die Trikolore h\u00e4ngt, ein Modegesch\u00e4ft, und ein Reiseb\u00fcro, mit der Werbeaufschrift \u201ePassatwinde tr\u00e4umen\u201c. Vor dem Kleiderladen stehen sechs unauff\u00e4llig dekorierte Puppen und eine junge Frau, mit einer gro\u00dfen Sonnenbrille, die telefoniert. Sie bewegt sich nicht, es scheint wichtig zu sein. Durch den blauen Himmel schwenkt im Hintergrund, ein orangefarbener Liebherr-Kran seinen Arm, als wolle er die kleinen H\u00e4user neu zusammen setzen. Das ist also die Provence! Und, wir wundern uns nicht, dass das Reiseb\u00fcro niemand betritt: warum soll man von hier weggehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Im benachbarten Fontaine de Vaucluse nehmen wir wieder das Thema Char auf. Das Petrarca-Museum ist eigentlich den Tr\u00e4umerein des alten Dichters \u00fcber seine geliebte Laura gewidmet. Das interessiert uns diesmal nicht. Wir halten uns l\u00e4nger im Erdgeschoss auf; dort sind Handschriften Char`s zu sehen. Seine Schriften sind mit Illustrationen versehen. K\u00fcnstler wie Georges Braque haben die geheimnisvollen Gedichte mit Farben belebt. Der Maler und der Dichter sind hier als enge Verwandte pr\u00e4sent. Auch hier fragen wir, warum das Maison Char geschlossen wurde und bekommen keine Antwort. Fehlt es vielleicht an Lesern, fragen wir uns, die sich Zeit lassen, sich mit einer Dichtung auseinanderzusetzen, die als hermetisch, verschlossen, schwierig, aber ebenso als wunderbar gilt?<\/p>\n\n\n\n<p>Der Charakter Chars ist so klar wie der Fluss, der hier nur einige Hundert Meter aus einem Felsplateau herausschie\u00dft. Er hat in den Zeiten des franz\u00f6sischen Widerstandes nicht gedichtet, sondern gek\u00e4mpft. Er war zeitlebens politisch, schrieb ein Buch, das die Sorge um die Verschmutzung der Sorgue aufnimmt. 1965 wehrt er sich gegen die Ansiedlung von Atomraketen in der Region. \u201eLa Provence. Point Omega\u201c hei\u00dft ein Pamphlet, von denen er damals zweitausend St\u00fcck in seiner Heimatstadt verteilt hat. Der Dichter bef\u00fcrchtete, dass die Eroberung des Raumes mit dem Verlust an poetischer Erfahrung einhergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Sprache ist anspruchsvoll, lehnt an die Natur an, die Felsen, das Wasser, erinnert mit surrealen Untert\u00f6nen an das Geheimnis der Existenz und die Abgr\u00fcnde der Geschichte. Wir kaufen im Museumsladen ein wunderbares kleines Buch: Lettera amorosa. \u201eEs ist f\u00fcr Liebhaber\u201c schreibt er in der Widmung, \u201edie auf den Stra\u00dfen, in den W\u00e4ldern unterwegs sind, zwischen Abkehr und R\u00fcckkehr der G\u00f6tter, in brutalen Zeiten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Gedicht \u201eGesang der Schlaflosigkeit\u201c, lesen wir, in einer uns bekannten und unbekannten Sprache zugleich:<\/p>\n\n\n\n<p>Amour h\u00e9lant, L\u00b4Amoureuse viendra,<br>Gloria de l\u2019\u00e9t\u00e9, o fruits!<br>La fl\u00e8che du soleil traversera ses l\u00e8vres,<br>Le tr\u00e8fle nu sur sa chair bouclera,<br>Miniature semblable \u00e0 l<code>iris, l<\/code>orchid\u00e9e,<br>Cadeau le plus ancien des prairies au plaisir<br>Que la cascade instille, que la bouche d\u00e9livre.<\/p>\n\n\n\n<p>Und was wir nicht verstehen in der Provence, dar\u00fcber tr\u00e4umen wir. Gelegenheit dazu gibt ein Caf\u00e9 am oberen Flusslauf. Die Terrasse ist in ein sanftes Gr\u00fcn getaucht. Beinahe unwirklich wirkt das Ganze, wie eine Manifestation des sch\u00f6nen Wortes: \u201eSommerfrische\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Ren\u00e9 Char, Lettera amorosa, Po\u00e9sie \/ Gallimard, Paris 2020<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie eine Insel ist die Kleinstadt L`Isle-sur-la-Sorgue von den Wasserl\u00e4ufen der Sorgue umgeben. In den ber\u00fchmten Antiquit\u00e4tenl\u00e4den finden sich alte M\u00f6bel, Bilder mit zweifelhafter Herkunft und sonstiges Strandgut. Deswegen sind wir nicht hier. 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