{"id":518,"date":"2023-06-27T16:40:59","date_gmt":"2023-06-27T14:40:59","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=518"},"modified":"2023-07-24T13:47:18","modified_gmt":"2023-07-24T11:47:18","slug":"nietzsche-der-wanderer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/nietzsche-der-wanderer\/","title":{"rendered":"Nietzsche, der Wanderer"},"content":{"rendered":"<p>Und immer wieder diese harte innere Stimme, welche befahl: \u201efort von hier! Vorw\u00e4rts, Wanderer! Es sind noch viele Meere und L\u00e4nder f\u00fcr dich \u00fcbrig: wer wei\u00df, wem Alles du noch begegnen mu\u00dft!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Nietzsche, Nachlass \/ Fragmente<\/p>\n\n\n\n<p>Ber\u00fchmte Reiseziele, darunter Sils Maria, Genua oder Nizza, sind mit dem Werk des Philosophen Friedrich Nietzsche verkn\u00fcpft. Als freier Geist begriff er, dass man sich in der Welt nur als Wanderer, als Nomaden heimisch f\u00fchlen kann. F\u00fcr den Denker hat diese Einstellung nichts zu tun mit der Rastlosigkeit jener Menschen, die vor der eigenen inneren Leere, \u00d6de und Langeweile fl\u00fcchten und immer wieder nach Zielen d\u00fcrsten. In seiner Aphorismen Sammlung Menschlich-Allzumenschliches schreibt er: \u201eWer nur einigerma\u00dfen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders f\u00fchlen, denn als Wanderer &#8211; nicht als Reisender nach einem letzten Ziele: denn dieses gibt es nicht.\u201c Der h\u00f6chste Grad, den ein Reisender erringen kann ist f\u00fcr den Denker erreicht, wenn das Gesehene eingelebt wird und zu Handlungen und Werken f\u00fchrt. Der Wanderer im Sinne Nietzsches ist ein K\u00fcnstler, ein T\u00e4nzer, ein Schaffender.<\/p>\n\n\n\n<p>In der atemberaubenden Gebirgswelt im Engadin, beim Spaziergang um einen Bergsee, \u00fcberkam den Denker die Idee des \u00dcbermenschen, deren Entstehungsgeschichte in seinem ber\u00fchmten Zarathustra wortgewaltig erz\u00e4hlt wird. Das Buch beschreibt das Scheitern der Lehre dieser Gestalt, die seine Anh\u00e4nger auf eine gottlose Welt vorbereiten will, ohne genau zu kl\u00e4ren, ob hier ein Dichter, Philosoph, Prophet oder Gesetzgeber spricht. Denkfiguren wie die ewige Wiederkehr des Gleichen, der Wille zur Macht und der Nihilismus tauchen aus einem Meer von Metaphern und Spr\u00fcche auf. Das Werk Nietzsches dient weder einer Ideologie, noch bietet sich ein System an. Generationen von Lesern versuchen die R\u00e4tselschrift zu entziffern und finden sich so in einer \u00dcbung wieder, die das eigene Denken anregt. Die \u201eSelbst\u00fcberwindung\u201c, eine der Maximen der Lehre Zarathustras, wird mit der Metapher der Wanderung, insbesondere des Bergsteigens verkn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts geh\u00f6rt der Wechsel von Sils Maria im Sommer und der franz\u00f6sischen oder italienischen Riviera im Winter zur Routine des ber\u00fchmten Mannes. \u201eNizza und Engadin: aus diesem Cirkeltanz darf ich altes Pferd immer noch nicht heraus\u201c liest man im Briefwechsel mit Malwida von Meysenburg. Die Aufenthalte in Nizza dienten der Kl\u00e4rung und Ordnung seiner Gedanken. \u00dcberhaupt empfahl Nietzsche zwischen mehreren, positiv wirkenden Orten zu pendeln, um ihre Wirkungen durch den Kontrast zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserer Reise im Mai hat uns Nizza in den Bann gezogen. Von der Nietzsche-Terrasse, auf einer Anh\u00f6he, kann man die einmalige Lage Nizzas, mit seinen franz\u00f6sischen und italienischen Wurzeln, gut \u00fcberblicken. Am 24.11.1885 beschreibt Nietzsche in einem Brief an Heinrich K\u00f6selitz seine Eindr\u00fccke: \u201eDie Luft ist unvergleichbar, die anregende Kraft (ebenso die Lichtf\u00fclle des Himmels) in Europa nicht zum zweiten Mal vorhanden.\u201c Der Denker, \u00fcberzeugter Europ\u00e4er und scharfer Gegner des Nationalismus f\u00fcgt am Ende hinzu: \u201eMan ist hier so au\u00dferdeutsch &#8211; ich kann es nicht stark genug ausdr\u00fccken.\u201c Die Deutschen, so liest man im Nachlass, sind aus Sicht Nietzsches \u201evielleicht nur in ein falsches Klima geraten. Es ist etwas in ihnen, das hellenisch sein k\u00f6nnte &#8211; das erwacht bei der Ber\u00fchrung mit dem S\u00fcden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Nizza erlebt der gesundheitlich angeschlagene Denker kalte Winter und immer wiederkehrende Einsamkeit. Die Angst zu erblinden, peinigt ihn. Am 23. Februar 1887 wird er w\u00e4hrend eines Spaziergangs Augenzeuge eines Erdbebens und reagiert k\u00fchn mit den Worten: \u201eWelches Vergn\u00fcgen, wenn die alten H\u00e4user \u00fcber einem wie Kaffeem\u00fchlen rasseln! Wenn das Tintenfass selbst\u00e4ndig wird! Wenn die Stra\u00dfen sich mit entsetzten halbbekleideten Figuren und zerr\u00fctteten Nervensystem f\u00fcllen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht weit \u00f6stlich von Nizza besuchten wir das kleine, traumhaft \u00fcber dem Mittelmeer gelegene Maurennest \u00c8ze, eines der Lieblingsorte des Denkers. \u201eNietzsche \u2026besa\u00df das ausgepr\u00e4gteste Talent, bevorzugte Stellen der Erde aufzufinden\u201c urteilte Meta von Salis treffend \u00fcber den feinf\u00fchligen Denker. Hier, auf dem steilen Weg, der vom am Meer gelegene Bahnhof in das Bergdorf f\u00fchrt, sind einige Abschnitte aus Teil III des Zarathustras (\u201eVon alten und neuen Tafeln\u201c ) entstanden. Wir folgen dem Rat des Philosophen, nicht wie Vergn\u00fcgungs-Reisende nur \u201eden Berg hinaufzusteigen, dumm und schwitzend\u201c, sondern die Aussichten zu genie\u00dfen. Ganz im Sinne des Philosophen, der offen war f\u00fcr das Neue und Fremde, um es in einer Weise in sich aufzunehmen, die dem Leben neue Energie zuf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Nietzsche, Der gute Europ\u00e4er, Die Landschaften seines Lebens, Knesebeck Verlag<\/p>\n\n\n\n<p>Friedrich Nietzsche, Die Kunst der Gesundheit, Verlag Karl Alber, Freiburg 2012<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und immer wieder diese harte innere Stimme, welche befahl: \u201efort von hier! Vorw\u00e4rts, Wanderer! 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