{"id":537,"date":"2023-10-02T16:30:55","date_gmt":"2023-10-02T14:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=537"},"modified":"2023-10-02T17:28:24","modified_gmt":"2023-10-02T15:28:24","slug":"eine-deutschlandreise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/eine-deutschlandreise\/","title":{"rendered":"A trip to Germany"},"content":{"rendered":"<p>Haben Sie schon einmal den Film \u201eGenius \u2013 Die tausend Seiten einer Freundschaft\u201c mit Jude Law, Colin Firth und Nicole Kidman gesehen? Das sehenswerte Werk (2016) beschreibt die Beziehung zwischen dem Lektor Max Perkins und dessen gro\u00dfer Entdeckung Thomas Wolfe. Ende der 20er Jahre stellt sich der unbekannte Schriftsteller vor und bittet um die Ver\u00f6ffentlichung eines 1000-Seiten-Manuskriptes, f\u00fcr den bisher kein Verlag Interesse zeigte. Der junge Mann ist ein Vulkan, der Lavastrom seiner Worte und Eingebungen kaum zu kontrollieren. Der Lektor erkennt sofort das Genie des Autors und widmet sich monatelang dem titanischen Versuch, Ordnung in die Entw\u00fcrfe zu bringen. Dabei streiten die Freunde oft tagelang um Formulierungen oder die K\u00fcrzung einzelner Passagen. Die Arbeit an Wolfes zweitem Roman \u201eVon Zeit und Strom\u201c steht unter \u00e4hnlichen Vorzeichen. Perkins versucht, das Volumen des Buches zu begrenzen, sein Freund f\u00fcgt unterdessen st\u00e4ndig neue Abs\u00e4tze hinzu. Beide M\u00e4nner arbeiten bis zur v\u00f6lligen Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Film sind die Erholungsreisen des Autors nach Europa nur angedeutet. Wir lesen, um mehr zu erfahren, das Reisebuch \u201eeine Deutschlandreise\u201c, das von seinen Besuchen in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtet. Sechs mal hat der Schriftsteller Deutschland besucht, ein Abenteuer, das ihn begeistert. Er entdeckt, reist, erneuert sich und saugt alles in sich auf, verarbeitet seine Eindr\u00fccke in Texten, Notizen und Tagebucheintr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Leser nimmt er mit in deutsche St\u00e4dte, die er, vor dem Inferno des 2. Weltkrieges, unzerst\u00f6rt antrifft und ihre Sch\u00f6nheit bewundert. In Frankfurt, Berlin und M\u00fcnchen besucht er zahlreiche Buchhandlungen, fertigt Listen der Schriftsteller an und versucht zu verstehen, was die Bev\u00f6lkerung liest: \u201eIch bleibe immer stundenlang vor Buchauslagen stehen und bestaune die B\u00fccher, bis ich buchst\u00e4blich der Meinung bin, die Namen aller Druckerzeugnisse h\u00e4tten sich in mein Ged\u00e4chtnis eingegraben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die obligatorische Reise auf dem Strom der Deutschen erf\u00e4hrt er in f\u00fcr ihn typischer Ambivalenz: \u201eDoch was den Rhein so wundervoll macht, sind die Zeugnisse aus Jahrhunderten, die er mitf\u00fchrt, und all die reiche Kultur, von der er durchdrungen ist\u201c. Den Massentourismus dagegen empfindet er von seiner fragw\u00fcrdigen Seite: \u201eIch werde die langen wei\u00dfen K\u00e4hne voll gro\u00dfer, fetter Fresser und S\u00e4ufer, die durch das Glas hinaussp\u00e4hen ins magische Licht- und Schattenspiel, wo man sich so fremd f\u00fchlt wie in einem Albtraum, nie vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Bus in Frankfurt ereignet sich eine am\u00fcsante Episode. Zuf\u00e4llig trifft er den Jahrhundertschriftsteller James Joyce und setzt sich neben ihm. Auf der Fahrt sitzen die wortgewaltigen K\u00fcnstler schweigend nebeneinander. Sie besuchen das Goethehaus, man ist h\u00f6flich, nach dem Rundgang sagt Joyce zu seinem Kollegen: \u201eEin sch\u00f6nes altes Haus.\u201c Vielleicht h\u00e4tte man mehr miteinander unternehmen sollen, notiert Wolfe sp\u00e4ter \u00fcber die Begegnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf seinen Reisen sucht er nach dem wahren Deutschland. In M\u00fcnchen besucht der das Oktoberfest, empfindet das Land machtvoll und imposant, aber auch als r\u00e4tselhaft. \u201eDa ist einerseits diese rohe, bierselige Menge, und andererseits frage ich mich, ob es in irgendeinem anderen europ\u00e4ische Volk mehr Geistesgr\u00f6\u00dfe gibt als in diesem. Diese bierseligen Leute brachten Beethoven und Goethe hervor, den gr\u00f6\u00dften Geist der Neuzeit\u201c. Auf dem Fest wird er sp\u00e4ter, schwer betrunken, in eine Schl\u00e4gerei verwickelt, l\u00e4sst sich beinahe zu einem T\u00f6tungsdelikt hinrei\u00dfen und wird verwundet. So begegnet er seinem eigenen Abgrund und verfasst eine l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung \u00fcber das Oktoberfest.<\/p>\n\n\n\n<p>1935 besucht er Weimar, die Stadt, die f\u00fcr ihn \u201enach allem Anschein nach so viel vom Geist des gro\u00dfartigen Deutschland in sich tr\u00e4gt und von dem noblen und gro\u00dfartigen Geist der Freiheit\u201c. Sein Besuch im Goethehaus hinterl\u00e4sst tiefe Spuren und deutet auf die Verbundenheit mit dem deutschen Dichter: \u201eSein Leben erstand f\u00fcr mich so deutlich und lebhaft durch diese alten abgetragenen Dinge, mit denen er gelebt hat, die er gebrauchte &#8211; sein gro\u00dfer Geist schien mir gegenw\u00e4rtig, lebendig in diesem Haus zu sein, es vollst\u00e4ndig zu bewohnen, umherzugehen, immer in meiner N\u00e4he zu sein.\u201c<br>Wir sch\u00e4tzen diese Passage, die unserer eigenen Erfahrung entspricht.<\/p>\n\n\n\n<p>1936 wird er zum letzten Mal in Deutschland sein. Er beobachtet die Olympischen Spiele in Berlin, eine Stadt, die er liebt, wegen seiner Parks und seinem gesellschaftlichen Leben. Die Ver\u00e4nderungen in der Hauptstadt, inmitten der Selbstinszenierung der Nationalsozialisten, entgehen ihm nicht. Die Menschen haben Angst, der Terror ist sp\u00fcrbar, zum Beispiel, wenn er nach dem Schicksal j\u00fcdischer Freunde fr\u00e4gt und keine Antwort erh\u00e4lt. Die deutschen St\u00e4dte, die Wolfe so geliebt hat, werden bald unter Schutt und Asche liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Thomas Wolfe, Eine Deutschlandreise, Manesse Verlag, 2020<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie schon einmal den Film \u201eGenius \u2013 Die tausend Seiten einer Freundschaft\u201c mit Jude Law, Colin Firth und Nicole Kidman gesehen? 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