{"id":554,"date":"2023-10-27T11:22:37","date_gmt":"2023-10-27T09:22:37","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=554"},"modified":"2023-10-27T11:22:39","modified_gmt":"2023-10-27T09:22:39","slug":"der-bilderjaeger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/der-bilderjaeger\/","title":{"rendered":"Der Bilderj\u00e4ger"},"content":{"rendered":"<p>Vor unserer Abreise in die Schweiz besuchen wir die Reiseabteilung einer Berliner Buchhandlung. Die Zeit dr\u00e4ngt und wir w\u00e4hlen nach dem Zufallsprinzip einen Titel: \u201eFundst\u00fccke eines Bilderj\u00e4gers\u201c. Auf dem Flug lesen wir das Buch von dem uns bisher unbekannten Nicholas Bouvier. Der Genfer war ein leidenschaftlicher Reisender und Abenteurer. Eine seiner bekanntesten Reisen f\u00fchrte ihn in den 1950er Jahren, in einem umgebauten Fiat Topolino, zusammen mit seinem Freund Thierry Vernet von der Schweiz nach Afghanistan. Diese Reise beschrieb er in seinem Buch &#8222;L&#8217;Usage du Monde&#8220; (Die Erfahrung der Welt), das ein Meilenstein in der franz\u00f6sischen Reiseliteratur wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Bouvier ist seine Heimatstadt ein Eldorado der Iknographen, die Bilder aus der Welt der Politik, Religion, Zoologie und Pflanzenkunde sammeln. Der Bilderj\u00e4ger f\u00fchrt uns in einen Kosmos, erz\u00e4hlt langsam die Geschichten der Illustrationen, die der Sammler meist in alten B\u00fccher gefunden hat. W\u00e4hrend das Flugzeug mit leichtem Zittern durch die Wolken gleitet, denken wir an den Bildersturm heute, der uns in den sozialen Medien \u00fcberf\u00e4llt, oft pornographisch Emotionen aufzwingt. Im Zeitalter der Reproduzierbarkeit &#8211; wie es Walter Benjamin formulierte, mangelt es vielen Photographien an einer Aura, an Distanz, an einem Geheimnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Genf ist zweifellos eine faszinierende Stadt. Hier mischen sich Einheimische mit Diplomaten, Touristen, Finanzjongleure, Menschenrechtlern und Waffenh\u00e4ndler. Angezogen von der Idee der Schweizer Neutralit\u00e4t, siedelten sich hier zahlreiche internationale Organisationen an. Es gibt eine lokale Debatte \u00fcber die Zukunft dieser Parteilosigkeit, man fragt in diesen Tagen, ob diese zeitgem\u00e4\u00df ist. Mitten in der Stadt, am Genfer See sehen wir in das klare Wasser, auf die Berge am Horizont, die im Wind klirrenden Flaggen &#8211; typische Elemente auf Schweizer Postkarten: eine Bilderbuchlandschaft. Am anderen Ufer thront das \u201eBeau Rivage\u201c, ein pomp\u00f6ses Hotel. Ein Bild dr\u00e4ngt sich uns auf. Wir erinnern uns an die Aufnahme des verstorbenen Ministerpr\u00e4sidenten Uwe Barschel, der in einem der Hotelzimmer in der Badewanne tot aufgefunden und von einem Journalisten fotografiert wurde. Ein alter Medien-Skandal der 80er Jahre, Mord oder Selbstmord, bis heute ungekl\u00e4rt. Wir staunen \u00fcber die Langzeitwirkung von Bildern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Bus fahren wir zum Platz der Nationen. Dort ist ein Stand mit israelischen Flaggen aufgebaut. Ein Aktivist hebt ein Schild, auf dem steht \u201ebring them home!\u201c, in den Himmel. An einer Wand Bilder von j\u00fcdischen Geiseln, Opfer des terroristischen Anschlages vom 7. Oktober: M\u00e4nner, Frauen, Kinder. In den Gesichtern spiegelt sich die Verzweiflung. Auf der anderen Seite des Platzes, direkt vor dem UN-Geb\u00e4ude, stellen sich drei Jugendliche auf. M\u00e4dchen aus der Schweiz, glauben wir. Sie werfen sich eine pal\u00e4stinensische Flagge \u00fcber die Schultern, zeigen in Blickrichtung zum UN-Palast das Victoryzeichen. Ein junger Mann macht ein Foto von ihnen. Dieser Moment der Solidarit\u00e4t wird in wenigen Minuten virale Aufmerksamkeit erregen.<\/p>\n\n\n\n<p>Den H\u00fcgel hinauf gehen wir zum Museum des internationalen Kreuzes. In den R\u00e4umen wird die Entstehungsgeschichte der Organisation erz\u00e4hlt, Einsatzorte vergangener und aktueller Trag\u00f6dien pr\u00e4sentiert. Es gibt ein Zimmer, in dem man auf ein Meer von Karteikarten st\u00f6\u00dft, eine Art Ordnung, die versucht das Schicksal von Millionen Kriegsgefangenen und Verschollenen aus dem 1. Weltkrieg zu verwalten. Hoffnung vermittelt hier eine andere Erz\u00e4hlung, die Lehren aus verschiedensten Kulturen und Religionen integriert, die sich alle um einen Mindeststandard von menschlicher W\u00fcrde drehen, gerade im Krieg. Die islamische Welt pr\u00e4sentiert ein Zitat aus einem andalusischen Rechtsbuch aus dem Jahr 1280: \u201eDie Vernichtung von Frauen, Kindern und Kranken ist verboten!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir kaufen ein Buch von Henry Dunant, dem Gr\u00fcnder des internationalen Komitees des Roten Kreuzes im 19. Jahrhundert und setzen uns in das Museumscaf\u00e9. Wir lesen seine Erinnerungen an Solferino. Der Ort in Italien war Schauplatz einer Schlacht zwischen Franzosen und \u00d6sterreicher am 24. Juni 1859. Auf einer touristischen Reise ger\u00e4t der Autor zuf\u00e4llig in diesen Krieg mit Abertausenden Toten, ein furchtbares Gemetzel, voller barbarischer Brutalit\u00e4t. Einer der wenigen Standards, die beiden Seiten akzeptierten, war es keine Lazarette anzugreifen. Durant k\u00fcmmert sich mit einigen Helfern um die Sterbenden, Verletzten, organisiert Krankentransporte, tr\u00f6stet Verwundete. Die Schilderungen sind so realistisch, der Schrecken so eindrucksvoll beschrieben, wie es &#8211; wie wir finden &#8211; keine Bildersprache vermag. Von diesen Erfahrungen wird sp\u00e4ter die erste Genfer Konvention gepr\u00e4gt und der Versuch gewagt werden, Meilensteine der Humanit\u00e4t zu setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt ist in diesen Tagen ersch\u00fcttert von den Bildern des Terrorismus in Israel und trauert \u00fcber 1400 j\u00fcdische Opfer. Wir denken \u00fcber die Stellungnahmen des UN-Generalsekret\u00e4rs vom Tage nach. Einerseits, die Verurteilung des Terrors der Hamas, anderseits, der Aufruf an alle Seiten zur Wahrung des internationalen Rechts. In den sozialen Medien hat eine Schlacht der Bilder begonnen. Die Zivilbev\u00f6lkerung im Gaza Streifen bezahlt nun den Preis f\u00fcr die Untaten der sogenannten Glaubensk\u00e4mpfer. Das Mindeste, was zu erwarten ist: Die Unterscheidung zwischen Pal\u00e4stinensern und Terroristen. Die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten, dass habe wir im Museum des Roten Kreuzes gelernt, ist Basis f\u00fcr alle Zivilisationen. Wird die internationale Politik der Region endlich Frieden bringen? Im Moment sieht es trostlos aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Genfer Altstadt ist ein Besuch wert. In den Gesch\u00e4ften gibt es Schokolade und teure Uhren. In einer Gasse fasziniert uns das kleine B\u00fcro \u201ezur L\u00f6sung internationaler Konflikte\u201c. Der Blick durchs Fenster: zwei M\u00e4nner in Anz\u00fcgen sitzen an ihren Laptops und arbeiten an wichtigen Problemen, immerhin. An der Kathedrale entdecken wir das Museum der Reformation und entschlie\u00dfen uns zu einem spontanen Besuch. Nicholas Bouvier schrieb, dass zur Zeit der Entscheidung f\u00fcr die neue Religion zwischen 1530 und 1540, die Begriffsdebatten und die religi\u00f6se Polemik zu Genfs Lebensinhalt wurde. Bouvier im R\u00fcckblick: &#8222;Das calvinistische Genf ist ein Z\u00fcndfass, eine Brandbombe und das ganze katholische Europa w\u00fcnscht sich sehnlichst, es zu zerst\u00f6ren und dem Erdbeben gleichzumachen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>An der Kasse werden B\u00fccher verkauft: Luther und die Juden, zum Beispiel. Die revolution\u00e4re Idee des Protestanten: Gl\u00e4ubige lesen die Bibel k\u00fcnftig selbst, lobenswert, finden wir, allerdings werden in einigen der Lutherischen Thesen herbe antisemitische Aussagen verbreitet. Die Nationalsozialisten werden sich Jahrhunderte sp\u00e4ter unter Anderem auf die \u00f6konomischen Theorien Luthers \u00fcber den Zins berufen, in ihrer Gottlosigkeit komplett pervertieren und die schlimmste Judenverfolgung aller Zeiten organisieren. Nach der Verfolgung ist es f\u00fcr viele Juden nicht mehr denkbar, in Deutschland zu leben. Sie finden einen Fluchtort: Israel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Museum ist sehenswert und zeigt &#8211; neben der Geschichte der Religionskriege in Europa &#8211; das humanit\u00e4re Engagement der Anh\u00e4ngerInnen dieses Glaubens. Auf Schaubildern sieht man die Expansion der evangelikalen Lehre in alle Welt. Im 19. Jahrhundert findet diese Verbreitung im Rahmen der Kolonialisierung statt: in S\u00fcdafrika, im arabischen Raum, in Amerika und in China. Wir denken wieder an den Gr\u00fcnder des Roten Kreuzes, Henry Dunant. Der Unternehmer betrieb damals ein Gesch\u00e4ft in Algerien, eine Kolonie Frankreichs. Der Glaube an die G\u00fcltigkeit universeller Werte ist seit den Zeiten der Kolonialpolitik im globalen S\u00fcden ersch\u00fcttert. Der Vorwurf richtet sich gegen westliche Doppel-Standards. Wie in jedem Glaubenssystem k\u00e4mpft man gelegentlich gegen Zweifel an. Sicher ist, das Leben schafft Widerspr\u00fcche, sie zu ertragen geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Deutschland kaufen wir weitere B\u00fccher von Nicolas Bouvier. Der verstorbene Roger Willemsen lobte &#8222;Skorpionfisch&#8220;, f\u00fcr ihn eines der gr\u00f6\u00dften Reiseb\u00fccher die je geschrieben worden sind. Und wir lesen &#8222;Reiselust&#8220;, mit seinen wunderbaren Abhandlungen \u00fcber die Verwandtschaft von Lesen und Schreiben. Der Schriftsteller ringt hier um die Sprache, um Worte, denn &#8222;sowohl das Beste auch das Schlimmste unseres Erlebens l\u00e4sst sich nicht sagen&#8220;. Bouvier ist ein Meister seines Faches und wir haben einen weiteres Buch f\u00fcr unsere Schatztruhe gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wenn das Schreiben sich dem n\u00e4hert was es sein m\u00fcsste, ist es der Reise sehr nahe, weil es ein Verschwinden ist wie das Reisen. Weit davon entfernt, eine Best\u00e4tigung des Reisenden zu sein, wie man allgemein glaubt, bietet es dessen Aufl\u00f6sung zugunsten einer Realit\u00e4t, die man erreichen m\u00f6chte. Diese Leichtigkeit ist das gr\u00f6sste Geschenk, das das Leben einem machen kann, doch man muss bereit sein es anzunehmen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Henry Dunant, Eine Erinnerung an Solferino, Hg. Schweizer Rotes Kreuz, 2016<br>Nicolas Bouvier, Reiselust, Lenas Verlag, 2013<br>Nicolas Bouvier, Skorpionfisch, Lenos Pocket, 2016<br>Nicolas Bouvier, die Erfahrung der Welt, Lenas Pocket, 2019<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor unserer Abreise in die Schweiz besuchen wir die Reiseabteilung einer Berliner Buchhandlung. Die Zeit dr\u00e4ngt und wir w\u00e4hlen nach dem Zufallsprinzip einen Titel: \u201eFundst\u00fccke eines Bilderj\u00e4gers\u201c. Auf dem Flug lesen wir das Buch von dem uns bisher unbekannten Nicholas &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/der-bilderjaeger\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":555,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-554","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reiseliteratur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=554"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":556,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/554\/revisions\/556"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/555"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=554"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=554"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=554"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}