{"id":558,"date":"2023-11-28T14:15:04","date_gmt":"2023-11-28T13:15:04","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=558"},"modified":"2023-11-28T14:15:06","modified_gmt":"2023-11-28T13:15:06","slug":"goethe-und-das-geld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/goethe-und-das-geld\/","title":{"rendered":"Goethe und das Geld"},"content":{"rendered":"<p>In Weimar besuchen wir eine Ausstellung im Haus der Weimarer Republik und erinnern uns an eine geschichtliche Erfahrung: die Hyper-Inflation 1923. \u201eNichts hat das deutsche Volk &#8211; dies muss immer wieder ins Ged\u00e4chtnis gerufen werden &#8211; so erbittert, so hassw\u00fctig, so hitlerreif gemacht wie die Inflation\u201c schrieb Stefan Zweig in seiner Erinnerungen \u00fcber die Welt von gestern. Die Regierungen der Weimarer Republik, finanziell von gigantischen Kriegsfolgelasten geplagt, sahen keinen anderen Weg, als die Finanzierung mit dem Gelddrucken zu gew\u00e4hrleisten. Nach Angaben der Reichsbank zirkulierten am Ende der Hyper-Inflation rund 496 Trillionen in regul\u00e4ren Banknoten. Im November 1923 war die W\u00e4hrung v\u00f6llig zerr\u00fcttet und ein Brot kostetet \u00fcber 800 Milliarden Mark. Im letzten Jahrhundert rettete die Einf\u00fchrung der Rentenmark die Weimarer \u00d6konomie, bevor dann 1929 die Weltwirtschaftskrise, Bankenpleiten und Massenarbeitslosigkeit Millionen Deutsche zu Beginn der 1930er Jahre endg\u00fcltig in die Arme der Nationalsozialisten trieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Trauma dieser Erfahrungen und die Erkenntnis, dass die \u00d6konomie Teil des Schicksals ist, reicht bis in die Gegenwart. In der versch\u00e4rften Inflation seit Ausbruchs des Ukraine-Krieges ist es der enorme Anstieg der Rohstoff- und Energiekosten, der die Preise wieder steigen l\u00e4sst. Viele B\u00fcrgerInnen im Land beklagen die Auswirkungen der Teuerung in ihren Geldbeuteln. Auf dem Rundgang durch die Sonderausstellung 1923 in Weimar werden wir hinsichtlich sich andr\u00e4ngender Parallelen beruhigt. Auf den Schautafeln der Ausstellung werden die Unterschiede zur Vergangenheit und die noch beherrschbaren Inflationsraten in der aktuellen Krise betont. Aber, angesichts der Polarisierung der Menschen, den wachsenden Schulden und der steigenden Bedeutung der Rechtspopulisten werden die Vergleiche zu den Weimarer Verh\u00e4ltnissen immer wieder bem\u00fcht. Und, man wird daran erinnert, dass viele gesellschaftliche Konflikte sich mit den Mitteln einer florierenden Wirtschaft leichter abfedern lassen. Wie die Verteilungsk\u00e4mpfe der Bundesrepublik sich unter den Vorzeichen echter \u00f6konomischer Zerr\u00fcttungen gestalten, bereitet nicht nur uns starke Kopfschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Diskussionen \u00fcber die Werthaltigkeit des Geldes und die &#8211; typisch deutsche &#8211; konservative Haltung gegen\u00fcber der Verschuldung, hat eine lange Tradition. Im Jahr 2012 erinnerte der ehemalige Pr\u00e4sident der Bundesbank, Jens Weidmann, an den traditionellen Kontext der \u00f6konomischen Grundhaltung der Bev\u00f6lkerung. F\u00fcr den Banker erkannte bereits Goethe das Kernproblem der Geldpolitik. Der Dichter hatte in seiner Zeit das Dilemma der Heutigen, auf Papiergeld fu\u00dfenden Wirtschaft analysiert und literarisch festgehalten. Weidmann beeindruckt, dass der Finanzminister des F\u00fcrstentums den potenziell gef\u00e4hrlichen Zusammenhang von Papiergeldsch\u00f6pfung, Staatsfinanzierung und Inflation \u2013 und somit den Abgrund ungedeckter W\u00e4hrungsordnungen \u2013 in Faust II beleuchtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Thema scheint uns in diesen Tagen wieder einzuholen. \u00dcber Jahre hielt die Bundesregierung die schwarze Null. Coronapandemie, Ukraine-Krieg und Energiekrise zwangen dem Staat zur Aufnahme von Rekordsummen. Die deutschen Staatsschulden sind im Jahr 2022 um 71 Milliarden auf 2,57 Billionen Euro gestiegen. Ob ein Weg zum nachhaltigen Wohlstand ohne R\u00fccksicht auf die Neuverschuldung gelingt, ist eine der gro\u00dfen Glaubensfragen unserer Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist wichtig, die psychologische Seite im Kontext \u00f6konomischer Dynamik zu verstehen, die unseren Alltag mehr denn je pr\u00e4gt. Hans Binswanger erkl\u00e4rt in seinem Buch \u201eGeld und Magie\u201c das Dogma der Moderne: Das Wachstum der Wirtschaft ist der Ma\u00dfstab f\u00fcr die Entwicklung der Menschheit. Der \u00d6konom versteht die Geldwirtschaft im Sinne eines alchemistischen Prozesses: die Suche nach dem k\u00fcnstlichen Gold mit anderen zeitgem\u00e4\u00dfen Mitteln. Die wundersame Geldvermehrung hat an ihrer Strahlkraft bis heute wenig verloren. Unter der permanenten Notwendigkeit des \u00f6konomischen Wachstums w\u00e4chst die zunehmende Unf\u00e4higkeit, den Reichtum, den man erzeugt, zu genie\u00dfen. \u201eDer Investor ist daher in h\u00f6chstem Ma\u00dfe durch die Sorge \u00fcber die k\u00fcnftige Entwicklung der Wirtschaft geplagt. Nie kann er sich mit der Gegenwart zufriedengeben. Er wird vielmehr prognoses\u00fcchtig. Er h\u00e4lt nach allen Arten von Prophezeiungen Ausschau und f\u00fchlt sich st\u00e4ndig von Ungl\u00fccksbotschaften bedroht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Ph\u00e4nomen erkl\u00e4rt sich unsere Unf\u00e4higkeit, aktuelle Ereignisse in ihrer Bedeutung, l\u00e4nger ins Visier zu nehmen, da sich am Horizont stets neue, gr\u00f6\u00dfere, bedrohlichere Szenarien abzeichnen. Die sozialen Medien verst\u00e4rken den Eindruck kurzer Verfallszeiten menschlicher Aufmerksamkeit, sei es in den Modi der Emp\u00f6rung, Nachdenklichkeit oder Betroffenheit. Hoch im Kurs stehen heute Sender mit gro\u00dfen Reichweiten, die Emotionen und simple Botschaften unter das Volk streuen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zur Tragik unserer Zeit, dass die Volkswirtschaften hohe Summen nicht in wichtige Zukunftsprojekte investieren, sondern unter dem Druck der Verwerfungen in die Bew\u00e4ltigung destruktiver Krisen verschwenden. Goethes Faust suchte den Ausweg durch den Fortschritt in die selbst geschaffene, in die alchemistische Lehre der Geld- und Wertsch\u00f6pfung, von der die Sorge ausgeschlossen scheint, weil in ihr die Begrenzung der Welt und der Zeit aufgehoben ist. \u201eWir leben die \u00dcberzeugung des modernen Menschen, er k\u00f6nne alle negativen Folgen der Technik und des wirtschaftlichen Wachstums mit immer noch mehr Technik und immer noch mehr wirtschaftlichen Wachstum \u00fcberwinden\u201c schreibt Binswanger. Die Idee eigener Machtvollkommenheit l\u00e4sst uns den grenzenlosen Sch\u00f6pfungsprozess selbst fortsetzen. Dar\u00fcber hinaus schafft das Verm\u00f6gen, gigantische Geldmengen aus dem Nichts zu schaffen, gewaltige Machtoptionen: Finanzierbar werden Programme zur Sozialversorgung, zum \u00f6kologischen Umbau und neue R\u00fcstungsprojekte zur Absicherung geopolitischer Interessen. Der Preis f\u00fcr diese Strategie ist hoch, denn den Fortschritt aufzuhalten oder mit dem aktuellen Zustand abzuschlie\u00dfen wird zur Illusion. Die Maxime lautet letztlich, mangels nachhaltiger Alternativen: weiter so.<\/p>\n\n\n\n<p>Ironischerweise ist es in diesen Tagen das Bundesverfassungsgericht, das der Dynamik der Geldsch\u00f6pfung einen Riegel vorschiebt und an die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse erinnert. Die Regierung hatte mit einem Buchungstrick 60 Milliarden Euro, urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Corona-Krise vorgesehen, in einen anderen Topf verbucht und damit den Klima- und Transformationsfonds finanziert. Jetzt fehlt das Geld an allen Enden, um eine Metamorphose einzuleiten, die in ihrem Ausma\u00df einer industriellen Revolution gleicht. Die Karlsruher Richter zwingen die Politik zu einem kurzen \u201eAugenblick verweile\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Politiker wie Robert Habeck bef\u00fcrchten, dass die altmodische Bremse die Mission des \u00f6kologischen Umbaus und die Abfederung ihrer sozialen Folgen an Finanzierungsfragen scheitern l\u00e4sst. Statt von langfristiger Haushaltspolitik ist von Notlage und Ausnahmezustand die Rede. Die Vision, die Bundesrepublik von der Abh\u00e4ngigkeit von Gas- und \u00d6limporten zu befreien und auf alternative Energie umzustellen ist das Jahrhundertprojekt des Landes. Die Regierung steht unter hohem Druck. Im Moment h\u00e4lt sich die Koalition zwischen Gr\u00fcnen, Sozial- und Freidemokraten trotz des Gegenwindes. Es ist weniger die Sympathie der Koalition\u00e4re und eine gemeinsame \u00dcberzeugung, die das B\u00fcndnis zusammenh\u00e4lt und Neuwahlen verhindert, sondern die Aussicht auf Weimarer Verh\u00e4ltnisse, die sich in den Wahlerfolgen der neuen Rechten im Land zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier schlie\u00dft sich der Kreis, \u00f6konomische Probleme und das Sch\u00fcren von \u00c4ngsten sind der ideale N\u00e4hrboden f\u00fcr das Erstarken von Populisten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Weimar besuchen wir eine Ausstellung im Haus der Weimarer Republik und erinnern uns an eine geschichtliche Erfahrung: die Hyper-Inflation 1923. \u201eNichts hat das deutsche Volk &#8211; dies muss immer wieder ins Ged\u00e4chtnis gerufen werden &#8211; so erbittert, so hassw\u00fctig, &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/goethe-und-das-geld\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":559,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-558","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisewege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/558","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=558"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/558\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":560,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/558\/revisions\/560"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/559"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=558"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=558"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=558"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}