{"id":562,"date":"2023-12-17T17:06:55","date_gmt":"2023-12-17T16:06:55","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=562"},"modified":"2023-12-17T17:06:57","modified_gmt":"2023-12-17T16:06:57","slug":"altarbild-der-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/altarbild-der-moderne\/","title":{"rendered":"Altarbild der Moderne"},"content":{"rendered":"<p>In der Berliner Nationalgalerie h\u00e4ngt ein Gem\u00e4lde, das uns besch\u00e4ftigt. \u201eDer M\u00f6nch am Meer\u201c stammt von dem Maler Caspar David Friedrich (1774-1840). Zur Vorbereitung des 250. Geburtstages des K\u00fcnstlers, den wir in Deutschland n\u00e4chstes Jahr feiern, lesen wir ein wenig \u00fcber die Hintergr\u00fcnde des K\u00fcnstlers. Die Beitr\u00e4ge betonen die Bedeutung des Jahrhundertmalers und erkl\u00e4ren die oft r\u00e4tselhaften Werke, wie zum Beispiel den \u201eWanderer \u00fcber dem Nebelmeer\u201c. Was macht den Maler bis heute so faszinierend?<\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich ist es die eigent\u00fcmliche Stimmung seiner Bilder, die uns begeistern und mit dem Zeitgeist korrespondiert. In einer Welt, in der der \u201eentzauberte\u201c Blick auf die Umwelt dank der Technik immer dominanter wird, schreibt der Kunsttheoretiker Laszlo F\u00f6ldenyi, kommt die krampfhafte Sehnsucht nach Selbstvergessenheit in der Natur einer Art metaphysischen Selbstrost gleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Maler ist ein Vertreter der Romantik. Eigentlich ist das Denken in Deutschland seit Immanuel Kant auf eine Vernunft bezogen, die \u00fcber der Sinnlichkeit steht, sozusagen wie ein Herrscher \u00fcber das Volk. Nur, an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, beschreibt Florian Illies in seinem Bestseller \u201eZauber der Stille\u201c, erscheint vielen die Natur zur Anbetung Gottes besser geeignet wie ein Kirchengeb\u00e4ude. In der Romantik stehen Naturempfindung und emotionale Religiosit\u00e4t im Mittelpunkt. Die Pendants Religion und Natur erscheinen nicht in Form von Gegens\u00e4tzen, sondern, wie es Friedrichs Ikonografie entspricht als zwei sich bedingende Tugenden: Glaube und Hoffnung. Die Welt wird zur Projektion des Inneren. Der Bildhauer Pierre D`Angers sieht in dem Maler den Mann, \u201eder die Trag\u00f6die der Landschaft entdeckt hat\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild \u201eM\u00f6nch am Meer\u201c ist in den Jahren zwischen 1808-10 entstanden. Der Kunsthistoriker Werner Busch sieht in dem Werk das Altarbild des modernen Menschen. Friedrich Biograf Boris von Brauchitsch erkennt im M\u00f6nch, \u201edie zukunftsgerichtete Spiritualit\u00e4t, die nur der Gewalten der Natur bedarf, um jederzeit und an jedem Ort unter freiem Himmel ihren Gottesdienst zelebrieren zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jeden Monat versuchen tausende Besucher die Botschaft des Bildes zu entr\u00e4tseln. Manche vermuten einen protestantischen Geistlichen, der mit Demut das irdische Dunkel ertr\u00e4gt und auf das Jenseits hofft, andere erkennen die Erhabenheit des Menschen gegen\u00fcber den M\u00e4chten der Natur. Nicht wenige erfahren in ihrer Betrachtung Entfremdung und Einsamkeit, den Nihilismus einer von Transzendenz verlassenen Welt. \u201eNie zuvor ist der Zweifel an Gott, die Nichtigkeit des Einzelnen und seine Verlorenheit angesichts der Urkr\u00e4fte der Natur kompromissloser dargestellt worden\u201c schreibt Florian Illies \u00fcber diese Art der Interpretation. Einig d\u00fcrften sich alle Besucher der Nationalgalerie nur \u00fcber die Faszination der Atmosph\u00e4re sein, die die Gem\u00e4lde entstehen lassen und jeden Zuschauer einbezieht. Der Philosoph Peter Sloterdijk weist auf die Einmaligkeit dieser Kunst hin, denn \u201ees ist das erste Bild der Aufl\u00f6sung des Subjekts in der Substanz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wie immer wir heute den M\u00f6nch am Meer sehen, f\u00fcr den Maler selbst erkl\u00e4rte sich sein Schaffen aus dem Glauben. Friedrich schrieb \u00fcber sein Kunstwerk: \u201eUnd s\u00e4nnest Du auch von Morgen bis Abend bis zur sinkenden Mitternacht; dennoch w\u00fcrdest du nicht ersinnen, nicht gr\u00fcnden das unerforschliche Jenseits.\u201c Florian Illies streicht die religi\u00f6se Grund\u00fcberzeugung des K\u00fcnstlers heraus: \u201eFriedrich liebte die Sterne, die Planeten und den Mond. Ja, er verehrte diese himmlischen Regenten. Er glaubte aber jedoch nicht an deren Macht, sondern nur an die Gottes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei ber\u00fchmte M\u00e4nner der deutschen Geistesgeschichte sahen das Bild im Atelier des Malers in Dresden: Friedrich Schleiermacher (1768-1834) und Johann Wolfgang von Goethe. Der Religionsphilosoph war am 12. September 1810 bei Friedrich, sechs Tage vor dem Dichter. Werner Busch berichtet, dass der K\u00fcnstler das Bild nach dem ersten Besuch \u00fcbermalte, vereinfachte und weiter abstrahiert hatte. Der Einfluss Schleiermachers auf das religi\u00f6se Verst\u00e4ndnis des Malers ist offensichtlich. Er sah in der Glaubenswelt den Ausdruck des Gef\u00fchls der \u201eabsoluten Abh\u00e4ngigkeit\u201c von etwas Gr\u00f6\u00dferem und Transzendentem. Die Subjekt-Objekt-Spaltung zwischen Wahrnehmendem und Wahrgenommenem \u00fcberwindet, so behauptet der Philosoph, der Glaube. \u201eDie Religion begehrt nicht, das Universum seiner Natur nach zu erkl\u00e4ren, wie die Metaphysik, sie begehrt nicht, den Menschen fortzubilden und besser zu machen wie die Moral. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln.\u201c In seiner Erkenntnistheorie ist eine Teilhabe am G\u00f6ttlichen, nicht erst in einem Jenseits nach dem Tod m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe lobte Schleiermacher zun\u00e4chst wegen seiner Bildung, doch, wie er Schiller gestand, verlor er die Lust an dieser Lehre, weil sie ihm zu christlich war. Gegen\u00fcber der Romantik, in der er das \u00dcberspannte, Diffuse und Kranke ausmachtet, blieb er zeitlebens reserviert. Obwohl der Dichter keineswegs zur Gruppe der rationalistischen Naturwissenschaftler z\u00e4hlte, erinnert Laszlo F\u00f6ldenyi, enthielt er sich des Naturkults. Goethe liebte die Ordnung, Harmonie und Sch\u00f6nheit, die nach seiner Meinung allein in der antiken Kunst zu finden waren. Die Romantiker hingegen bevorzugten oft das Irrationale, das Emotionale und das Unordentliche. Goethe lehnte diese Abkehr von den klassischen Prinzipien ab. W\u00e4hrend Friedrich immer ein Mann des Nordens blieb, fl\u00fcchtete der Dichter, einem Burnout nahe, \u201evom gleichg\u00fcltigen Nebelmeer der \u00f6ffentlichen Gesch\u00e4fte\u201c (von Arnim) Richtung Italien. Obwohl er nur ein m\u00e4\u00dfig begabter Maler war, entwickelte er im Land der Zitronen seinen Kunstbegriff, folgte den Regeln einer altert\u00fcmlichen \u00c4sthetik und suchte in Rom nach der Antike.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einem Besuch bei Friedrich 1810 in Dresden besch\u00e4ftigte ihn der M\u00f6nch am Meer und reagiert ambivalent. Vermutlich, so Illies, wollte er \u201eseine eigene gef\u00e4hrdetet Seele fast panisch von diesen schwerm\u00fctigen T\u00f6nen freihalten.\u201c Das Verh\u00e4ltnis des Dichters zum Maler war schwierig. \u201eDie Bilder von Friedrich k\u00f6nnten ebenso auf dem Kopf gesehen werden\u201c polemisierte er und kritisierte die \u201ed\u00fcsteren Religionsallegorien\u201c. Goethe misstraute der Subjektivit\u00e4t menschlicher Wahrnehmung und betonte &#8211; ganz Wissenschaftler &#8211; beispielsweise die Objektivit\u00e4t des Lichts. In einem Disput mit Schopenhauer rief er: \u201eDas Licht soll nur da sein, insofern sie es sehen? Nein, Sie w\u00e4ren nicht da, wenn das Licht Sie nicht s\u00e4he.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe traf Friedrich erneut im Herbst 1816, um ihn zu bitten, die von dem Meteorologen Howard beschriebenen Wolkentypen zu malen. Der K\u00fcnstler, der den Nebel f\u00fcr genauso untrennbar mit dem Betrachter, mit seinem augenblicklichen Zustand, verbunden hielt wie Schopenhauer das Licht, lehnte schroff ab. Von Brauchitsch erkl\u00e4rt die Ablehnung damit, dass er bef\u00fcrchtete, durch eine Kategorisierung und Klassifizierung von Wolken, wie sie Goethe voranzutreiben gedachte, eine Entzauberung der Landschaftsmalerei zu betreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch in den Bildern Friedrichs, stellt Werner Busch in seiner Abhandlung klar, geht nicht in der Natur pantheistisch auf und erf\u00e4hrt keine in Kants Sinne eigene Erhabenheit angesichts der Natur. Sondern, so Busch, er wird sich im Gegenteil im Licht der Umwelt seiner Nichtigkeit bewusst und hofft in staunender Anschauung von Gottes Sch\u00f6pfung auf die Erl\u00f6sung. \u201eDie Selbstbehauptung, im Sinne von Kants Definition des Erhabenen als verstandesm\u00e4\u00dfige Bew\u00e4ltigung des \u00dcberm\u00e4chtigen, w\u00e4re nach Friedrich nur Faustische Selbst\u00fcberhebung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Florian Illies, Zauber der Stille, S. Fischer Verlag, Frankfurt 2023<br>Laszlo F\u00f6ldenyi, Der Maler und der Wanderer, Mathes &amp; Seitz Verlag, Berlin 2021<br>Boris von Brauchitsch, Caspar David Friedrich, Insel Verlag, Berlin 2023<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Berliner Nationalgalerie h\u00e4ngt ein Gem\u00e4lde, das uns besch\u00e4ftigt. \u201eDer M\u00f6nch am Meer\u201c stammt von dem Maler Caspar David Friedrich (1774-1840). Zur Vorbereitung des 250. 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