{"id":570,"date":"2024-01-10T13:47:48","date_gmt":"2024-01-10T12:47:48","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=570"},"modified":"2024-01-10T13:47:50","modified_gmt":"2024-01-10T12:47:50","slug":"italien-im-gegenlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/italien-im-gegenlicht\/","title":{"rendered":"Italien &#8211; im Gegenlicht"},"content":{"rendered":"<p>Das Land wo die Zitronen bl\u00fchen &#8211; Reisen nach Italien sind seit zweihundertf\u00fcnfzig Jahren der Selbsterfahrungstrip der Deutschen. Nicht wenige folgen in ihrer Reiseplanung bis heute dem Vorbild der italienischen Reise von Johann Wolfgang von Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lesen, in der kalten Jahreszeit, ein dieser Kulturgeschichte gewidmetes Buch von Golo Maurer: \u201eHeimreise &#8211; die Suche der Deutschen nach sich selbst.\u201c Im Verlauf des 19. Jahrhunderts bildet sich heraus, \u201ewas man als dreifache Wurzel einer spezifisch deutschen Identit\u00e4t als kulturelle &#8211; und zunehmend auch politische &#8211; Nation bezeichnen k\u00f6nnte: Man liebte Italien, identifizierte sich mit Goethe und f\u00fchlte sich deutsch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Goethes Flucht aus Weimar war die Antwort auf seinen Burnout, den der Politiker angesichts seines zeitraubenden, \u00f6ffentlichen Engagements erlitt. Im S\u00fcden reiste er unter falschen Namen, arbeitete jeden Tag an seinen k\u00fcnstlerischen Talenten. In Rom suchte er die Antike, in Palermo die Urpflanze. Nach der R\u00fcckkehr in den Norden beklagte der Reisende die \u201emangelnde Teilnahme\u201c seiner Landsleute an seinen Erfahrungen. Goethe, ein unverstandenes, einsames Genie. Am Lebensende diktierte er Eckermann: \u201eJa, ich kann sagen, dass ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erfahrungen des Dichters in seinem Land der Tr\u00e4ume provozierten immer wieder Kritik. \u201eAlle Dinge auf seiner Reise\u201c schrieb der Literaturhistoriker Adolf Stahr, \u201esind nur zur F\u00f6rderung seiner sch\u00f6nen, pers\u00f6nlichen Zwecke da.\u201c Zu wenig, so liest man an verschiedenen Stellen, sei der Dichter an den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und der Lage der Bev\u00f6lkerung interessiert gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Maurer beschreibt viele Deutsche, die \u00fcber die Jahrhunderte aus dem Land erz\u00e4hlten. Die wiederkehrenden Fragen dabei sind: Was ist aus dem Sehnsuchtsort geworden? Bilden wir uns Italien nur ein?<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Antwort pr\u00e4sentiert Joachim Fest, der das Land in den 1970er und 1980er Jahren bereiste. Der Historiker, der sich Jahrzehnte mit den Abgr\u00fcnden der deutschen Geschichte besch\u00e4ftigte, zog es immer wieder weg von den \u201eFatigues du Nord.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig finden wir die Beschreibung seiner italienischen Reise &#8211; \u201eim Gegenlicht\u201c &#8211; in einem antiquarischen Buchladen. Und wir sind beim Lesen begeistert.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Reisebuch ist in vielerlei Hinsicht ein Gegenentwurf zur Reise Goethes. Seine Tour f\u00fchrt ihn zun\u00e4chst nach Sizilien, dann reist er in die Hauptstadt: Rom. Und: Auf dem Weg trifft er Passanten, K\u00fcnstler, und Wissenschaftler, mit denen er gemeinsam herauszufinden versucht, was die Sizilianer und Italiener ausmacht. Dabei inspiriert ihn weder das \u201eItalienbild aus der Oper\u201c noch tote Steine am Wegesrand. Fest zitiert nicht zuf\u00e4llig einen seiner Gespr\u00e4chspartner, der beklagt, dass ihn die \u201eewige R\u00fchrung vor der Geschichte\u201c, die viele Touristen treibt, nervt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die italienische Reise ist eine Suche nach der verlorenen Zeit, besch\u00e4ftigt sich mit den Fragen der Erkenntnis und damit, welche Ph\u00e4nomene wir heute bezeugen. Auf Sizilien beobachtet Fest zwei Bauern auf ihren Eseln und schreibt: \u201eDiese Bilder, dreitausend Jahre alt, ziehen sich jetzt aus der Welt zur\u00fcck. Gedanke, zu den Letzten zu z\u00e4hlen, die sie sehen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenlicht werden die Zerst\u00f6rungen der Moderne deutlich. Der Autor wandert durch Betonburgen, besucht einst heilige Orte, die Industrieanlagen verdr\u00e4ngt haben. \u201eDer Wirklichkeit entkommt keiner mehr\u201c notiert er dabei lakonisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bonmot von Robert Louis Stevenson \u201eSightseeing is the art of disappointment\u201c versteht Fest nur allzu gut. Dennoch, immer wieder blitzt das Vergangene in der Gegenwart auf, zeigt sich der Zauber der Landschaft. Mithilfe der meisterhaften Sprache und der herausragenden Bildung, die den Autor in den auszeichnen, gelingt ihm ein Meisterwerk. Eine Einsicht nach der Lekt\u00fcre: \u00dcber die Verluste in der Welt tr\u00f6sten Begegnungen hinweg. Hinter den Rollen den wirklichen Menschen zu entdecken und den Schein von der Realit\u00e4t zu trennen, liegt hier ein Sinn des Reisens?<\/p>\n\n\n\n<p>Traum, Wirklichkeit und Illusion &#8211; das Italienbuch von Joachim Fest ist f\u00fcr uns eine Entdeckung.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Golo Maurer, Heimreise, Goethe, Italien und die Suche der Deutschen nach sich selbst, Rowohlt Hamburg, 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Joachim Fest, eine italienische Reise, im Gegenlicht, Siedler Berlin, 1988<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Land wo die Zitronen bl\u00fchen &#8211; Reisen nach Italien sind seit zweihundertf\u00fcnfzig Jahren der Selbsterfahrungstrip der Deutschen. Nicht wenige folgen in ihrer Reiseplanung bis heute dem Vorbild der italienischen Reise von Johann Wolfgang von Goethe. 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