{"id":578,"date":"2024-02-25T17:17:57","date_gmt":"2024-02-25T16:17:57","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=578"},"modified":"2024-02-25T17:17:59","modified_gmt":"2024-02-25T16:17:59","slug":"die-kunst-des-reisens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-kunst-des-reisens\/","title":{"rendered":"Die Kunst des Reisens"},"content":{"rendered":"<p>\u201eReisen ist die Sehnsucht nach Leben\u201c schrieb einst der Schriftsteller Kurt Tucholsky. In modernen Zeiten bewegen sich Millionen Menschen mit unterschiedlichen Motivationen in Richtung ihrer Sehnsuchtsorte. Sie erwarten Erholung, Abenteuer, Ver\u00e4nderung, sehnen sich nach neuen Perspektiven oder erweitern ihr Wissen. F\u00fcr die Einen ist es die Flucht aus dem Alltag, Freizeit, Spa\u00df, f\u00fcr Andere der Versuch ihr eigenes Bewusstsein zu vertiefen, Sinn und Erf\u00fcllung anzustreben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die moderne Reiseindustrie ist heute wichtiger Teil der globalen Wirtschaft. Philosophischen Fragen, die mit dem Reisen verkn\u00fcpft sind, f\u00fchren zur\u00fcck in die Urspr\u00fcnge des Tourismus, die im 19. Jahrhundert erscheinen. Der Engl\u00e4nder Alain de Botton beschreibt die M\u00f6glichkeiten der inneren und \u00e4u\u00dferen Erfahrung in seinem lesenswerten Buch: \u201eDie Kunst des Reisens\u201c (2002).<\/p>\n\n\n\n<p>Am 5. Juli 1841 organisierte der Engl\u00e4nder Thomas Cook eine Eisenbahnreise von 570 Aktivisten seiner Abstinenzbewegung von Leicester ins 10 Meilen n\u00f6rdlich gelegene Loughborough. Diese Reise markierte den Beginn des kommerziellen Massentourismus. 1869 f\u00fchrte Cook die erste Pauschalreise durch. Er leitete selbst die Unternehmung mit britischen und amerikanischen Teilnehmern nach \u00c4gypten. Neue Bewertungen, die aus der Welt des Kapitalismus stammen, wie das ber\u00fchmte \u201ePreis-Leistungsverh\u00e4ltnis\u201c begleiten den Vorgang.<\/p>\n\n\n\n<p>Die neuen Praktiken kommentierte der Maler John Ruskin mit einer gewissen Skepsis. \u201eEine Fahrt mit der Eisenbahn kann ich beim besten Willen nicht als Reise bezeichnen. Man wird ja lediglich von einem Ort zum anderen bef\u00f6rdert und unterscheidet sich damit nur sehr wenig von einem Paket\u201c schrieb er damals. Damit formulierte er einen Einwand, gegen die Hast und Geschwindigkeit des modernen Tourismus, der bis heute seine Berechtigung hat. <\/p>\n\n\n\n<p>Ruskin empfahl seinen Sch\u00fclern &#8211; unabh\u00e4ngig von ihrem Talent &#8211; das Zeichnen und Schreiben, \u00dcbungen um sich gegen den Erkenntnisverlust, der sich im Rausch der Erlebnisse verbirgt, zu wappnen. \u201eEs tut einer Kugel nicht gut, wenn sie sich schnell fortbewegt, und es schadet einem Menschen nicht, wenn er wirklich ein Mensch ist, sich langsam fortzubewegen, denn nicht die Bewegung zeichnet ihn aus, sondern das Sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Kontext wurde eine alte Kontroverse wiederbelebt. Die Frage: F\u00fchrt das Reisen in ein h\u00f6heres Bewusstsein oder nicht? \u201eDas ganze Ungl\u00fcck der Menschen r\u00fchrt aus einem einzigen Umstand her, n\u00e4mlich, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben k\u00f6nnen\u201c hielt der christliche Philosoph Blaise Pascal, lange vor der Erfindung des Tourismus, in seinen Gedanken fest. Im Jahr 1790 war es der Adlige Xavier de Maistre, der zu einem Hausarrest verurteilt wurde und seine ber\u00fchmte \u201eZimmerreise\u201c verfasste. Um der Langeweile zu entgehen, erkl\u00e4rte er seine verschlossene Kammer zu einer Welt, erforschte die Geschichte der Gegenst\u00e4nde darin, lies seine Gedanken in die Ferne schweifen und eroberte so einen Kontinent der Imagination. Trotz seiner eingeschr\u00e4nkten Freiheit muss man sich diesen Mann als einen gl\u00fccklichen Menschen vorstellen. Sein Buch wurde ein Bestseller.<\/p>\n\n\n\n<p>Alain de Botton bedenkt die philosophischen Probleme, die das Reisen aufwirft, das hei\u00dft Fragen, die \u00fcber das Praktische hinausgehende \u00dcberlegungen erfordern. Seine Grundeinsicht: Es ist nicht die Bewegung alleine, die uns zu einem h\u00f6heren Bewusstsein f\u00fchrt! \u201eWir erleben Menschen, die auf Eisschollen getrieben sind, die W\u00fcsten durchquert und sich den Dschungel hindurchgek\u00e4mpft haben &#8211; und in deren Seele wir vergeblich nach Spuren ihrer Erlebnisse suchen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman \u201eGegen den Strich\u201c (1884) von Joris-Karl Huysman f\u00fchrt tiefer in das Paradox. Ein Adliger, Duc Des Esseintes, ist inspiriert von den Werken Charles Dickens und tr\u00e4umt von einer Englandreise. Als er sich auf den Weg macht und mit den typischen, logistischen Schwierigkeiten der Unternehmung konfrontiert wird, bricht er das Vorhaben schnell ab. Seine Einsicht: \u201eWozu sich von der Stelle r\u00fchren, wenn man so herrlich auf einem Stuhl reisen kann?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit der Hollandliebe des Adligen. Er hat einen intensiveren Kontakt zu den Dingen, die er an der holl\u00e4ndischen Kultur liebte &#8211; bei der Betrachtung ausgew\u00e4hlter Darstellungen der Sehnsuchtsorte in einem Museum. Eine N\u00e4he zu den Ph\u00e4nomenen, die er vermisste, wenn er mit 16 Gep\u00e4ckst\u00fccken und zwei Dienern das Land selbst bereiste.<\/p>\n\n\n\n<p>Alain de Botton fasst die merkw\u00fcrdigen Erlebnisse dieser Romangestalt zusammen. \u201eWir sind offenbar am ehesten irgendwo ganz da, wenn uns erspart bleibt, au\u00dferdem leibhaftig an diesem Ort anwesend zu sein.\u201c Nat\u00fcrlich ist das nicht als ein Pl\u00e4doyer zu verstehen \u00fcberhaupt nicht zu reisen, eher geht es darum, sich zu erinnern, dass die Erfahrung des Seins \u00fcberall und an jedem Ort m\u00f6glich ist. F\u00fcr den Philosophen Karl Jaspers steht das Dasein, ob in Bewegung oder nicht, in Zusammenhang mit der Sinnerf\u00fcllung im Leben. \u201eIm Dasein ist nur die Wahl zwischen spannungslosem Versinken der Existenz und spannungsreicher, nie endg\u00fcltiger Verwirklichung der Existenz in Subjektivit\u00e4t und Objektivit\u00e4t\u201c. Egal wo unsere Reise beginnt oder hinf\u00fchrt, sie ber\u00fchrt die offenen Fragen nach dem Sinn des Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es f\u00fcr Alain de Botton sinnvolle Gr\u00fcnde, sich auf den Weg zu machen. Wichtig ist, f\u00fcr ihn nur zu verstehen &#8211; viele ungl\u00fcckliche Reisende werden ihm zustimmen -, dass wir unsere gewohnten Zust\u00e4nde, nicht wie Kleidungsst\u00fccke ablegen. Auf einer Traumreise nach Barbados, die er mit einer Freundin unternimmt, stellt er n\u00fcchtern fest: \u201eUnd ich hatte noch etwas mitgenommen, das meine Wahrnehmung zu tr\u00fcben gef\u00e4hrdete: mein gesamtes seelisches Ich, nicht blo\u00df die hedonistischen, auf das Sch\u00f6ne gerichtete Anteile, sondern auch die Bereiche, die zur \u00c4ngstlichkeit, Gelangweiltsein und Sorge um meine finanzielle Lage neigten.\u201c Wer kennt dieses Gef\u00fchl nicht, die Unf\u00e4higkeit im Moment zu sein und stattdessen von den \u00c4ngsten und Ungewissheiten der Zukunft belastet zu sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Reisen \u00f6ffnet Tore in eine Welt, die wir nur schwerlich zu Hause erleben. Gr\u00fcnde f\u00fcr den Aufbruch k\u00f6nnen die Sehnsucht nach dem Exotischen oder unsere Wissbegierde sein. Wir begegnen unterwegs erhabenen Landschaften, unbekannten Menschen, W\u00fcsten, Berge, Meere, lesen Beschreibungen von Malern und Schriftstellern, die helfen unsere Augen f\u00fcr die unergr\u00fcndlichen Tiefen des Momentes zu \u00f6ffnen. Wer best\u00e4tigt, dass die Welt wunderbar im Ganzen ist, wer preist die Sch\u00f6pfung in ihrer Ganzheitlichkeit, ohne die Kontinente bereist zu haben?<\/p>\n\n\n\n<p>Wahre Abenteuer ver\u00e4ndern, f\u00fchren zu Metamorphosen und lassen uns bisher unbekannte Harmonien und Disharmonien unseres Seelenlebens entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ein Bericht des Schriftstellers Gustave Flaubert, der in eine andere, noch immer aktuelle, politische Dimension des Reisens einf\u00fchrt. \u201eDoch meine gr\u00f6\u00dfte Leidenschaft gilt dem Kamel, nicht ist so anmutig wie dieses melancholische Tier\u201c liest man, ein wenig \u00fcberrascht in den Tageb\u00fcchern des Franzosen. Inmitten der Kolonialzeit reiste er neun Monate lang nach \u00c4gypten und entdeckt dort vieles, was er in Frankreich vermisst. \u201eDie Verachtung die er f\u00fcr sein Heimatland und dessen Bev\u00f6lkerung empfand, war so tief, dass sie einem Status als B\u00fcrger spottete\u201c kommentiert Alain de Botton. Jeden Tag besch\u00e4ftigt Flaubert f\u00fcr 4 Stunden einen Lehrer, um die Religion, Sitten und Gebr\u00e4uche des Landes besser zu verstehen. Und er kommt zu einem Schluss, der sich fundamental gegen die moderne Identit\u00e4tspolitik wendet. Der Schriftsteller sprach sich daf\u00fcr aus, die nationale Zugeh\u00f6rigkeit eines Menschen neu zu bestimmen: nicht in Bezug zu dem Land seiner Geburt oder famili\u00e4ren Abstammung, sondern nach den Orten, zu denen sich der Betreffende hingezogen f\u00fchlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Flaubert: \u201eWas die Vorstellung eines Vaterlandes angeht, das hei\u00dft, eines bestimmten St\u00fcckchens Erde, in eine Karte eingetragen und von anderen durch rote oder blaue Linien getrennt, nein, das Vaterland ist f\u00fcr mich Land, das ich liebe, das Land, von dem ich tr\u00e4ume, das Land wo ich mich wohl f\u00fchle. Ich bin ebenso Chinese wie Franzose und ich freue mich nicht ein bisschen \u00fcber unsere Siege \u00fcber die Araber, weil mich ihr Schicksal traurig macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Bewusstseinsstufe, die f\u00fcr eine Erfahrung der Einheit allen Lebens offen ist, beschreibt Johann Wolfgang von Goethe mit den Worten: \u201eDas H\u00f6chste, wozu der Mensch gelangen kann, ist das Bewusstsein eigener Gesinnungen und Gedanken, das Erkennen seiner selbst, welches ihm die Einleitung gibt, auch fremde Gem\u00fctsarten innig zu erkennen.\u201c Selbstbewusstsein, in diesem Sinne und Angst vor den Anderen schlie\u00dfen sich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne das h\u00f6here Bewusstsein entleeren sich alle Rituale des Reisens zu sinnlosen \u00dcbungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur: <\/p>\n\n\n\n<p>Alain de Botton, Die Kunst des Reisens, Fischer Verlag, Frankfurt 2002<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eReisen ist die Sehnsucht nach Leben\u201c schrieb einst der Schriftsteller Kurt Tucholsky. 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