{"id":582,"date":"2024-04-16T07:58:18","date_gmt":"2024-04-16T05:58:18","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=582"},"modified":"2024-04-16T07:58:20","modified_gmt":"2024-04-16T05:58:20","slug":"muellphilosophie-reisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/muellphilosophie-reisen\/","title":{"rendered":"M\u00fcllphilosophie &amp; Reisen"},"content":{"rendered":"<p>Wie bringt man die Themen M\u00fcll und Reisen in eine Verbindung? F\u00fcr Oliver Schlaudt, Professor f\u00fcr Philosophie, ist das kein Widerspruch. Mit seinem faszinierenden Buch \u201eZugem\u00fcllt\u201c legt er einen ungew\u00f6hnlichen Reisebericht vor. Er f\u00fchrt uns zu den Wahrzeichen unserer M\u00fcllkultur, sei es eine M\u00fclllandschaft in Bitterfeld, eine Sonderm\u00fclldeponie auf einer k\u00fcnstlichen Rheininsel oder die weltgr\u00f6\u00dfte Untertagedeponie in Hessen. F\u00fcr Schlaudt ist dieses \u201eReisen keine Flucht mehr vor der selbstgeschaffenen Realit\u00e4t, sondern die volle Konfrontation mit ihr\u201c. Er ruft zu neuem Entdeckermut auf. Die Begegnung mit den Landschaften des Anthropoz\u00e4ns wird uns die Einsicht abn\u00f6tigen, dass es weder die Fremde noch eine unber\u00fchrte Natur mehr gibt und wir uns von der Welt entfremdet haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sogenannte \u201eRubbish Theory\u201c sieht im M\u00fcll einen Teil unseres kulturellen Erbes. Das Ph\u00e4nomen ist abgr\u00fcndig: Zwischen 1900 und 2015 hat die Menschheit gesch\u00e4tzte 2 Billionen Tonnen Abfall produziert. Die Tempel der M\u00fcllmoderne (Cyrille Harpot), die auf dieser Reiseroute liegen, erinnern daran, dass erstmals in der Natur- und Kulturgeschichte M\u00fcll anf\u00e4llt, der von der Biosph\u00e4re nicht mehr resorbiert werden kann. So entsteht ein \u201eunheilbarer Riss\u201c und das Ende der Kreislaufwirtschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem hat eine globale Dimension, wie die Plastikverschmutzung der Erde eindr\u00fccklich belegt. 100 Millionen Tonnen sind in den Ozeanen \u2013 der Zuwachs steigt jedes Jahr. Die Massen von M\u00fcll bilden zwischen Hawaii und der kalifornischen K\u00fcste den Great Pacific Garbage. Eine Fl\u00e4che, die dreimal so gro\u00df wie Frankreich ist. Wir erinnern uns beim Lesen dieser Passage an ein Zitat von Reiner Kunze, das im Ozeaneum in Stralsund zu finden ist: \u201e\u2026 Am Ende, ganz am Ende, wird das Meer in der Erinnerung blau sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberall sind die Zeichen dieses Erbes in die Landschaften eingeschrieben. \u201eDie Entsorgung der menschlichen Abf\u00e4lle, die in der modernisierten Welt (\u2026) anfielen, war der eigentliche Sinn von Kolonialisierung und imperialistischer Eroberung\u201c argumentierte der Soziologe Zygmunt Bauman. Fakt ist, bis heute ist der Export von M\u00fcll ein dubioses Gesch\u00e4ft. Unser Wohlstandsm\u00fcll wurde \u00fcber Jahrzehnte in Urlauber-Paradiese wie die T\u00fcrkei, Malaysia oder Indonesien exportiert. Schnelllebige Modeartikel aus den USA und Europa, die keine Abnehmer gefunden haben, werden nach S\u00fcdamerika verschifft und enden in der chilenischen Atacama-W\u00fcste. In einer Reportage des NDR lesen wir \u00fcber die \u00dcberproduktion des perversen Systems der Fast Fashion: \u201eWas die Industrienationen nicht wollen, landet zu gro\u00dfen Teilen hier in der Freihandelszone Zofri: 59.000 Tonnen Kleidung pro Jahr\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck nach Deutschland, in die ehemaligen Kohlef\u00f6rdergebieten rund um Bitterfeld. Durch die Flutung der Krater, die durch den Kohle-Abbau in der Umgebung entstanden sind, entstehen k\u00fcnstliche Seen und damit neue Feriengebiete. Die Idylle ist etwas tr\u00fcgerisch. Man sch\u00e4tzt, dass unter der Stadt auf einer Fl\u00e4che von 25 Quadratkilometern eine gigantische Menge hochgradig verseuchtes Grundwasser durch das Gestein str\u00f6mt. \u00dcber Jahrzehnte &#8211; wie der SPIEGEL 1990 berichtete &#8211; wurden j\u00e4hrlich mehr als 70 Millionen Kubikmeter Abwasser (genug f\u00fcr einen Tankwagenzug, der von Hamburg bis Melbourne reicht) in der Gegend entsorgt. Das ehemalige Chemiekombinat lieferte den M\u00fcll seiner Reaktions\u00f6fen und R\u00fchrmaschinen hier ab. Das Gift gelangte von der Mulde bis in die Elbe. In den Fischen des Wattenmeers sind Chemikalien aus Bitterfeld nachweisbar. Niemand kann genau sagen, welche Stoffe sich k\u00fcnftig im Untergrund bilden und wo diese unbekannten Substanzen einst wieder auftauchen werden. Ein System von Pumpen saugt verseuchtes Grundwasser ab, um die Kloake in Schach zu halten. F\u00fcr &#8211; vermutlich &#8211; hunderte Jahre ist keine andere L\u00f6sung in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Argumentation weist Oliver Schlaudt auf ein Paradox hin. Wir sind heute von den Idealen der Hygiene und Sterilit\u00e4t beherrscht. Allerdings erkaufen wir uns, wie der Umgang mit dem M\u00fcll zeigt, nur die Einbildung von Sauberkeit. \u201eDer industrielle Dreck erm\u00f6glicht uns die Illusion von Reinheit, und diese l\u00e4sst uns umgekehrt jenen \u00fcbersehen.\u201c Der Philosoph kommt zu folgendem Schluss: \u201eIm Licht dieser Analyse erscheint der M\u00fcll immer mehr als das gesellschaftlich Unbewusste, das kollektiv Verdr\u00e4ngte.\u201c Alles Verdr\u00e4ngte kommt eines Tages mit Gewalt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch entl\u00e4sst den Leser nicht ohne einen positiven Entwurf. Recycling scheint heute die L\u00f6sung von Rationalit\u00e4t und Technik zu sein. Schlaudt pl\u00e4diert dagegen, eine Kehrtwende zu einer echten Kreislaufwirtschaft anzustreben. Er sieht &#8211; zum Beispiel &#8211; in der Philosophie des Humus oder dem Einsatz von Mikrokulturen nicht nur eine Low-Tech-Variante, sondern einen metaphysischen und kosmologischen Gegenentwurf. \u201eDer Humus ist der Gegenpol des Geldes, er ist die W\u00e4hrung der Zukunft, der wahre Reichtum. Hier haben wir die L\u00f6sungen zu suchen\u201c. Und: die Menschen m\u00fcssen wieder lernen, den Dingen einen Wert zu geben, das hei\u00dft keine Produkte zu kaufen, die nur eine kurze Lebenszeit versprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lekt\u00fcre best\u00e4rkt uns in der Motivation, auf k\u00fcnftigen Reisen weiterhin nicht nur vermeintliche Traumlandschaften aufzusuchen, sondern die realen Probleme unserer Welt ebenso Augenschein zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Oliver Schlaudt, Zugem\u00fcllt, eine m\u00fcllphilosophische Deutschlandreise, CH Beck Verlag, M\u00fcnchen 2024<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bringt man die Themen M\u00fcll und Reisen in eine Verbindung? F\u00fcr Oliver Schlaudt, Professor f\u00fcr Philosophie, ist das kein Widerspruch. Mit seinem faszinierenden Buch \u201eZugem\u00fcllt\u201c legt er einen ungew\u00f6hnlichen Reisebericht vor. 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