{"id":586,"date":"2024-04-30T19:06:45","date_gmt":"2024-04-30T17:06:45","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=586"},"modified":"2024-04-30T19:06:48","modified_gmt":"2024-04-30T17:06:48","slug":"die-zukunft-der-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-zukunft-der-wahrheit\/","title":{"rendered":"Die Zukunft der Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>Der Filmemacher Werner Herzog besch\u00e4ftigt sich in einem neuen Buch mit der Zukunft der Wahrheit. Zun\u00e4chst f\u00e4llt uns auf der ersten Seite die Widmung auf, eine persische Legende: Gott hatte einen gro\u00dfen Spiegel, und als er in den Spiegel sah, sah er die Wahrheit. Nachdem er den Spiegel fallen l\u00e4sst, rauften sich die Menschen darum, eine der Scherben zu erhaschen. Sie blickten in ihre Scherben, sahen sich und glaubten, die Wahrheit zu erkennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fake News, K\u00fcnstliche Intelligenz und die sozialen Medien &#8211; diese Ph\u00e4nomene sind es, die der aktuellen Wahrheitssuche eine politische Dimension geben. Dabei gab es Falschmeldungen, wie das Essay anhand historischer Beispiele zeigt, schon immer. Ge\u00e4ndert hat sich die soziale Sprengkraft, die das Verbreiten von erfundenen, konstruierten und gef\u00e4lschten Meldungen mit sich bringt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt, ist f\u00fcr Herzog eine immerw\u00e4hrende Bem\u00fchung, sich der Wahrheit anzun\u00e4hern. \u201eAls Bewegung auf sie zu, als ungewisse Reise, als Suche voller M\u00fche und Vergeblichkeit.\u201c Das Res\u00fcmee seiner Abhandlung erinnert an Nietzsche, der in einer Welt ohne Gott den Streit unterschiedlicher, subjektiver Perspektiven voraussah. \u201eDie Wahrheit hat keine Zukunft, aber Wahrheit hat auch keine Vergangenheit\u201c versucht sich Herzog an einem Lehrsatz. Notwendig, erg\u00e4nzt er, ist die Suche nach ihr, sei es &#8211; so seine Vorschl\u00e4ge &#8211; durch das Lesen von B\u00fcchern oder durch das Wandern. \u201eEgal, ob das als pathetisch empfunden werden mag\u201c, schreibt er, \u201eich habe meine elementarsten Erfahrungen mit der Wirklichkeit, mit der Welt, zu Fu\u00df gemacht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Ascona, im Tessin, denken wir beim Aufstieg auf den Monte Verit\u00e0 an diese Einsichten. Hier hat sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bunte Schar von Aussteigern, Revolution\u00e4ren, K\u00fcnstlern und Vegetarier zusammen gefunden. Das Ziel der Suchenden war es, in einer von Krieg und Technik beherrschten Welt, das Leben zu reformieren und wieder n\u00e4her an die Natur und die Sph\u00e4re g\u00f6ttlicher Weisheit zu r\u00fccken. \u201eWahrheit und Freiheit in Denken und Handeln sollten k\u00fcnftig als teuerster Leitstern ihr Leben begleiten\u201c beginnt Ida Hofman ihren Bericht \u00fcber die Gr\u00fcndung (1900-1905) der Kolonie.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Atmosph\u00e4re mit dem Blick auf den Lago Maggiore ist einmalig. Wir besichtigen staunend den Park mit den Lichth\u00fctten, die traditionelle Teestube, die Freilichtb\u00e4der und einen von den \u201eSonnenleuten\u201c angelegten Tennisplatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Versuch eine nachhaltige Gemeinschaft, auf Grundlage diverser Entw\u00fcrfe, die zwischen fern\u00f6stlicher Religion, Naturliebe, Kunst und Philosophie angesiedelt sind, zu gr\u00fcnden scheitert. 1925 \u00fcbernimmt der deutsche Bankier und Kunstsammler, Eduard von Heydt, die Anlage. Er l\u00e4sst ein Kongresszentrum im Bauhaus-Stil bauen. Immer mehr Touristen kommen auf den \u201eBerg der Wahrheit\u201c, aber Philosophen und K\u00fcnstler hinterlassen weiterhin ihre Spuren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ber\u00fchmter Gast auf dem Berg ist der Schriftsteller Hermann Hesse. Eine selbst erfundene Fastenkur bekommt ihm dort nicht. Mit der Bewegung sympathisiert er, ohne aber den institutionellen Charakter der Lebensreformer je ernst zu nehmen. Sp\u00e4ter wird er im nahegelegenen Montagnola sein eigentliches Domizil und ersehntes Exil finden. Die Suche nach der Wahrheit besch\u00e4ftigt ihn ein Leben lang. In seinen Briefen schreibt er: \u201e(\u2026) Die Aufgaben des Geistes m\u00f6gen noch so vielseitig sein, aber die eine Aufgabe bleibt die wichtigste: die Sorge um die Wahrheit, die Sorgen um das Sehen und Verstehen der Wirklichkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonnen-Gemeinschaft ist l\u00e4ngst Teil der Geschichte der Wahrheitssuche. Wir sitzen auf einer Bank, blicken auf die schneebedeckten Berge und den unter uns liegenden See.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon im Jahr 1948 hatte Hermann Hesse erfasst, was das Schicksal des Menschen entscheiden wird:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir wollen wom\u00f6glich einen Kern in uns bewahren, ein eigenes Schwergewicht, das uns daran hindert, mit in die sinnlose zentrifugale Schwingung gerissen zu werden, die immer unheimlicher wird und fern aller Politik sich in Tempo, Hetze und Unrast \u00e4u\u00dfert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Werner Herzog, Die Zukunft der Wahrheit, Hanser Verlag 2024<br>Hermann Hesse, Briefe 1947-50, Suhrkamp Verlag, 2021<br>Mara Folini, Der Monte Verit\u00e0 von Ascona, GSK, 2013<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Filmemacher Werner Herzog besch\u00e4ftigt sich in einem neuen Buch mit der Zukunft der Wahrheit. 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