{"id":590,"date":"2024-05-11T19:27:23","date_gmt":"2024-05-11T17:27:23","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=590"},"modified":"2024-05-11T19:31:48","modified_gmt":"2024-05-11T17:31:48","slug":"das-reale-italien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/das-reale-italien\/","title":{"rendered":"Das reale Italien"},"content":{"rendered":"<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag: Wir sitzen in Orvieto auf einer Steinbank vor dem Dom, einem Meisterwerk der gotischen Architektur. Die Sonne scheint mit ihrer ganzen Kraft auf die Hauptfassade. Wie auf einer Folie werden die Strahlen vom Marmor zur\u00fcckgespiegelt, im Zusammenspiel mit dem blauen Himmel versinkt das Ensemble in ein unwirkliches Licht. Die gesamte Altstadt ist auf einem Felsplateau aus Tuffstein errichtet. Wir schlendern durch alte Gassen, staunen vor den prachtvollen Pal\u00e4sten und begegnen immer wieder Menschen aus aller Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem der Aussichtspunkte sehen wir auf die moderne Unterstadt hinunter und entdecken in der Ferne unser Wohnmobil. Der Parkplatz liegt nicht gerade idyllisch zwischen einer Eisenbahnstrecke und einer separaten Schnellzugverbindung. Hin und wieder sausen rote Waggons entweder Richtung Florenz oder Rom. Im Caf\u00e9 unterhalten wir uns \u00fcber die Sehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt, die nicht, trotz des allgegenw\u00e4rtigen Tourismus, wie ein Museum wirkt. Uns am\u00fcsiert der Gedanke sp\u00e4ter die Unterstadt zu erforschen, mit der Idee, dort so etwas wie das reale, echte Italien zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Abend nutzen wir die Seilbahn f\u00fcr den Heimweg nach unten. Neben dem Parkplatz liegt eine kleine Wiese, wo wir unsere St\u00fchle aufstellen. Es gibt hier Toiletten und Duschen und die vorbeirasenden Z\u00fcge st\u00f6ren uns nicht. Wir beschlie\u00dfen, hier eine Nacht zu verbringen. So denken wir zumindest, denn ein Blick auf den Hinterreifen unseres Gef\u00e4hrtes zeigt, dass dieser Aufenthalt nicht freiwillig sein wird. Der Reifen ist platt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Chronistenpflicht lesen wir in der Betriebsanleitung des Fahrzeuges das Kapitel \u00fcber den Reifenwechsel. Von der Tatsache abgesehen, dass wir kein Ersatzrad mitf\u00fchren, handelt es sich um ein Meisterwerk der Aufkl\u00e4rung. Jetzt wissen wir zum Beispiel, dass ein Wagenheber im Auto fehlt, es daf\u00fcr aber ein Hilfsger\u00e4t zur Behelfsreparatur des Reifens gibt. Das ist eine feine Sache, zumindest wenn man vor der Abfahrt eine entsprechende Kartusche gekauft h\u00e4tte. Es ist ein Schlamassel, vor allem f\u00fcr Leute, die von Technik keine Ahnung haben, denen Vorsorge fremd ist, weil das geliebte Auto eben f\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Schlafengehen sorgen wir uns, wie man &#8211; in einer fremden Sprache &#8211; einen Abschleppwagen organisiert. Irgendwie wird das, beruhigen wir uns. Und &#8211; nicht dass es keine positiven Nachrichten g\u00e4be, auf Google Maps findet sich in drei Kilometer Entfernung ein Reifenh\u00e4ndler. Neben dem Geb\u00e4ude ist ein gro\u00dfer Haufen Altreifen zu sehen &#8211; daraus schlie\u00dfen wir, dass hier Probleme gel\u00f6st werden.<br><\/p>\n\n\n\n<p>Am fr\u00fchen Morgen scheint wieder die Sonne. Wir studieren erst einmal mit einem Kaffee in der Hand den Reifen. Er ist platt. Wir haben nicht getr\u00e4umt. Ein \u00e4lterer Herr, mit einem gelangweilten Hunde an der Leine, mustert uns. Wir ergreifen die Gelegenheit und sprechen ihn an. Er spricht nur Italienisch, knurrt etwas vor sich hin, wir deuten auf den Reifen. \u201eAh\u201c ist seine kurze Antwort. Er schlurft zu seinem Wohnmobil und kehrt mit einem Behelfsger\u00e4t, mit einer entsprechenden Kartusche ausgestattet, zur\u00fcck. Der Mann ist kein Idiot.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit sp\u00e4ter strahlt der Reifen wieder Zuversicht aus. Wir bedanken uns, streicheln den regungslosen Hund und bieten eine Summe f\u00fcr das benutzte Wundermittel an. Es ist der Moment, wo der stoische Mann l\u00e4chelt. Geld? Ohne Worte macht er klar, dass dies ein Angebot ist, dass ihn nichts angeht. Uns erspart er mit seiner Hilfsbereitschaft eine aufwendige Aktion mit einem Abschleppwagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werkstatt ist schnell erreicht. Die Bilder aus dem Netz haben nicht getrogen. Hier herrscht nur dem ersten Eindruck nach Chaos, in Wirklichkeit ist es eine gesch\u00e4ftige Atmosph\u00e4re. Besonders gef\u00e4llt uns ein Banner mit der Abbildung des historischen Orvieto, das niemand zur Kenntnis nimmt, aber auf ganzer Breite die Halle versch\u00f6nert. Der Chef, eine vitale Erscheinung, hat jetzt kurz Zeit f\u00fcr uns. Sein Angebot verstehen wir mithilfe des Google-\u00dcbersetzers: Er kann entweder sofort einen alten Ersatzreifen zur Verf\u00fcgung stellen oder bis abends einen neuen Reifen besorgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Grunde w\u00e4re jetzt, nachdem wir uns f\u00fcr die zweite Option entschieden haben, alles gekl\u00e4rt. Denken wir, bevor ein neues Wort aus der Welt der Technik auftaucht. \u201eWo ist der Felgenschl\u00fcssel?\u201c Diesen Satz lesen wir im \u00dcbersetzungsprogramm, von einem der Mechaniker eingesprochen. Wir l\u00e4cheln wissend, ohne die geringste Ahnung, wo ein Werkzeug mit diesem Namen zu finden ist. Rauchend beobachtet der junge Mann, wie wir die Garage auf den Kopf stellen. Es ist zum Verzweifeln, aber es besteht Grund zur Annahme, dass der Verk\u00e4ufer unseres Wohnmobils ein ordentlicher Camper war. Und endlich entdecken wir das merkw\u00fcrdige Teil in der Tasche mit der Betriebsanleitung im F\u00fchrerhaus.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Autopanne &#8211; zumindest wenn sie in einer der sch\u00f6nsten Orte Italiens stattfindet &#8211; hat ihre angenehmen Seiten. Wir nehmen uns, nachdem sich die vermeintliche Katastrophe langsam in Luft aufl\u00f6st, nochmals Zeit die Umgebung zu erkunden. Wir sitzen zun\u00e4chst f\u00fcr zwei Stunden in einem schmuddeligen Bahnhofscaf\u00e9 in der Sonne und stellen fest, dass es hier den besten Cappuccino der Stadt gibt. Es findet sich ein Park mit einer Bank. Wir lesen ein Buch. Es ist keine Wartezeit &#8211; nein, das ist eben in Italien sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend, kurz vor 18 Uhr, finden wir unser Wohnmobil leicht auf der Seite geneigt vor. Ein Schwebezustand: Der alte Reifen ist weg, der neue noch nicht da. Bevor dunkle Wolken am Horizont erscheinen, wirft uns der Chef einen Blick zu. Es gibt Grund f\u00fcr Optimismus. Das ersehnte St\u00fcck kommt wenig sp\u00e4ter angerollt. Es ist ein Kind der Globalisierung, ein chinesisches Modell, zuverl\u00e4ssig und billig, wird uns mit entwaffnendem Charme versichert. Wer zweifelt an einem solchen Tag? P\u00fcnktlich um 18 Uhr rollen wir wieder Richtung S\u00fcden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Lekt\u00fcre f\u00e4llt uns ein Zitat von Hartmut Rosa ein: \u201eWir sehen jetzt, wie sehr wir das Irritierende, das \u00dcberraschende, die erfreuliche oder unerfreuliche soziale Interaktion brauchen, um aus unseren Routinen, auch den gedanklichen, herauskommen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag: Wir sitzen in Orvieto auf einer Steinbank vor dem Dom, einem Meisterwerk der gotischen Architektur. Die Sonne scheint mit ihrer ganzen Kraft auf die Hauptfassade. 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