{"id":596,"date":"2024-05-17T19:59:56","date_gmt":"2024-05-17T17:59:56","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=596"},"modified":"2024-05-17T19:59:59","modified_gmt":"2024-05-17T17:59:59","slug":"das-stille-sorrent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/das-stille-sorrent\/","title":{"rendered":"Das stille Sorrent"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein atemberaubender Ausblick: Vor der Villa Kommunale in Sorrent sitzen wir auf einer Bank und bestaunen \u00fcber das blaue Meer hinweg den Vesuv. Es ist eines der Motive der Italiensehnsucht der Deutschen. In seiner italienischen Reise beschrieb Goethe seinen Aufenthalt in der Gegend und eine Wanderung auf den Vulkan. Meer, Landschaft, Kultur und Fauna bilden eine einmalige Kulisse. \u00dcber das Durcheinander in Neapel schrieb der Dichter: \u201eIn so gro\u00dfer Gesellschaft und Bewegung f\u00fchl\u00b4 ich mich erst recht still und einsam, je mehr die Stra\u00dfen toben, desto ruhiger werd\u00b4 ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einsam ist es wahrlich nicht in Sorrent. Vor dem Hafen ankern zwei gro\u00dfe Kreuzfahrtschiffe. Der Massentourismus hat den Ort fest im Griff, ohne den zeitlosen Charme der Stadt ernsthaft zu gef\u00e4hrden. Zu einmalig sind die Ausblicke, die kleinen Gassen und die vornehmen Hotels auf den Klippen \u00fcber dem Meer. Trotz des Trubels findet der Reisende Pl\u00e4tze oder duftende G\u00e4rten, die zum Verweilen einladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt ist der Geburtsort des Dichters Torquato Tasso (1544), den Goethe in seinem gleichnamigen Drama verewigte und auf dessen Spuren er selbst in den Stra\u00dfen unterwegs war. Wir machen uns, nach der Lekt\u00fcre der Informationsbrosch\u00fcre der Stadtverwaltung, auf den Weg, um zwei, dem ber\u00fchmten Sohn der Stadt gewidmete R\u00e4ume im Hotel Imperial Tramontano zu besichtigen. An der Rezeption sch\u00fcttelt man nur den Kopf: Die Zimmer, so wird uns mitgeteilt, gibt es nicht mehr. Wir nutzten die Gelegenheit um einen Blick in den botanischen Garten des Hauses werfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Piazza Tasso entdecken wir ein Denkmal des Dichters, das keine gro\u00dfe Aufmerksamkeit auf sich zieht. Rundherum pulsiert das Leben: Reisegruppen treffen sich hier, Menschen dr\u00e4ngen in die Restaurants, Schw\u00e4rme von Vespas rasen vorbei. \u00dcber die Einkaufsstra\u00dfe, den Torso Italia, schlendern wir zu Fu\u00df zur\u00fcck auf den Campingplatz. Die Anlage liegt an einem Steilhang. Das Wohnmobil steht weit unten, auf den g\u00fcnstigen Pl\u00e4tzen, die keinerlei Aussicht bieten. Daf\u00fcr ist eine Badestelle unter den Klippen in einigen Minuten zu erreichen. Rund um unser Gef\u00e4hrt sind die ansteigenden Terrassen mit kleinen H\u00fctten besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend treffen dort einige Dutzend Jugendliche aus Deutschland ein. Damit sinkt der Altersdurchschnitt der Camper in dieser Anlage beachtlich, ebenso steigt der Ger\u00e4uschpegel. Die jungen Leute benehmen sich durchaus, unterhalten sich in kleine Gruppen bis in die Nacht hinein, die Themen, die wir anhand der zu uns dringenden Wortfetzen deuten, sind bunt gestreut. Alle haben ihren Spa\u00df. Es ist allein der ungl\u00fccklichen Topografie geschuldet, dass das lebensfrohe Gebrummel, wie in einem Lautsprecher verst\u00e4rkt wird. Kurzum, wir finden hier keinen Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen beantragen wir bei der flexiblen und verst\u00e4ndigen Administration einen neuen Stellplatz. Das ist kein Problem. Schlie\u00dflich enden wir weiter oben auf einer Terrasse unter ein paar Olivenb\u00e4umen. Uns ist auf Umwegen ein Aufstieg gelungen, der sich lohnt. Wir sehen von unseren Gartenst\u00fchlen auf den Golf von Neapel und in der Ferne auf den Vesuv. Und, es ist still hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Sorrent trinken wir, nach der kurzen Nacht, einen verdienten Cappuccino im Lieblingscaf\u00e9 und entschlie\u00dfen uns spontan zu einem Besuch des Museums Correale di Terranova. Hier gibt es viele Dinge zu bestaunen: Porzellan, Bilder und r\u00f6mische Skulpturen. Das Interesse erweckt eine Sonderausstellung, mit einem Titel, der uns anspricht: \u201eStill life &#8211; vite silenziose.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In den abgedunkelten R\u00e4umen sieht man zerbrechliche Dinge, Vasen, Fr\u00fcchte, Blumen und Arrangements, die Maler in ihren Bildern verewigt haben. Hier wird das Auge geschult, unter dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Eindruck des Spektakels der Landschaft drau\u00dfen, die unscheinbaren Ph\u00e4nomene der Umwelt nicht zu vergessen und wahrzunehmen. Direktor Paolo Jorio erkl\u00e4rt uns die denkw\u00fcrdige Absicht der Ausstellung: \u201eStillleben enthalten symbolische Bedeutungen, zeigen Geschichten \u00fcber verborgene Geheimnisse, Zeichen der Existenz und des Alltags, poetische Spuren kleiner Dinge, stille Erinnerung an das Vergehen der Zeit: den Lauf der Jahreszeiten, Leben und Tod.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend entdecken wir in einer Gasse ein anderes Museum, das dem ber\u00fchmten Holzhandwerk in der Stadt gewidmet ist. Das Thema ist nicht unseres, aber die T\u00fcr steht offen und wir treten ein, wohl wissend, dass die \u00d6ffnungszeit deutlich \u00fcberschritten ist. \u201eGeschlossen?\u201c, fragen wir rhetorisch einen freundlichen Herrn an der Kasse. Er l\u00e4chelt und richtet f\u00fcr sp\u00e4t Ankommende eine Ausnahme ein. Das gef\u00e4llt uns &#8211; und wir entscheiden, den beachtlichen Obolus zu entrichten. Die Instruktionen, wie die 3. Stockwerke abzulaufen sind, um den ganzen Schatz in der richtigen Reihenfolge zu entdecken, sind klar. Dem Herrn des Hauses ist seine Begeisterung anzumerken.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserem Gang durch die dunklen R\u00e4ume wird jeweils von Geisterhand das Licht angeschaltet. Es ist ein wenig unheimlich. \u00dcberall stehen Schmuckst\u00fccke aus Holz, Truhen, Betten und Schreibtische. Wir lernen ein neues Wort: \u201eIntarsien\u201c. Diese Dekorationstechnik, urspr\u00fcnglich von den Mauren nach Europa eingef\u00fchrt, fand im 19. Jahrhundert gro\u00dfe Beachtung bei den Reisenden. Das ist alles h\u00fcbsch anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Rundgang verabschieden wir uns, doch der Mann an der Kasse sch\u00fcttelt energisch den Kopf: \u201eSie haben die Meister im 3. Stock nicht gesehen!\u201c Offensichtlich hat er uns mit den \u00dcberwachungskameras verfolgt und bemerkt, dass wir seinen Rat nicht vollst\u00e4ndig befolgt haben. Ohne jeden Widerspruch aufkommen zu lassen, bringt er uns zu dem Fahrstuhl. Wir sind also noch nicht entlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im 3. Stock lesen wir die Lebensl\u00e4ufe der Intarsien-Meister des 19. Jahrhunderts und betrachten nochmals &#8211; diesmal mit gesteigerter Aufmerksamkeit &#8211; ihre Werke. Die Handwerker &#8211; zum Beispiel Michele Grandville, seine S\u00f6hne und seine Sch\u00fcler &#8211; haben ihr Leben dieser Arbeit gewidmet. Ihre Leitmotive sind Alltagsszenen in Sorrent und stellen Szenen dar, die so kaum noch zu finden sind. Das Geheimnis dieser Kunst ist ihr Verh\u00e4ltnis zu einer verlorenen Zeit und die Liebe f\u00fcr das Detail.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Zum Abschied nickt uns der Mann freundlich zu. Er ist zufrieden, dass wir die Meister gesehen haben. Wir sind es auch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein atemberaubender Ausblick: Vor der Villa Kommunale in Sorrent sitzen wir auf einer Bank und bestaunen \u00fcber das blaue Meer hinweg den Vesuv. Es ist eines der Motive der Italiensehnsucht der Deutschen. 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