{"id":600,"date":"2024-05-22T19:09:52","date_gmt":"2024-05-22T17:09:52","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=600"},"modified":"2024-05-22T19:09:54","modified_gmt":"2024-05-22T17:09:54","slug":"klein-deutschland-auf-capri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/klein-deutschland-auf-capri\/","title":{"rendered":"Klein Deutschland auf Capri"},"content":{"rendered":"<p>Von Sorrent aus fahren wir mit dem Schiff auf die Insel Capri. Obwohl die Reise vor Pfingsten antreten, ist die Marina Grande \u00fcberf\u00fcllt. Vor der Seilbahn, die den Hafen mit dem Hauptort verbindet, wartet eine Schlange von Touristen. Wir entscheiden uns f\u00fcr die harte Variante und \u00fcberwinden den beachtlichen H\u00f6henunterschied zu Fu\u00df. Durch den Ort Capri dr\u00e4ngen sich die Massen, es gibt elegante Hotels und teure Boutiquen, L\u00e4den die sich dem Kitsch oder Gucci verschreiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir entscheiden uns spontan f\u00fcr einen Spaziergang zum s\u00fcd\u00f6stlichen Zipfel der Insel, zu dem Aussichtspunkt \u201eArco Naturale\u201c. Und wir werden belohnt. Schon wenige Meter nach dem Ort l\u00f6st sich der Trubel auf, der Jasmin duftet und der ganze Zauber der Landschaft wird schnell sichtbar. Irgendwo hier hat Rainer Maria Rilke den einmaligen Blick auf die K\u00fcste von Amalfi gepriesen. F\u00fcr den sensiblen Dichter waren die Eindr\u00fccke der Insel und die Atmosph\u00e4re kaum zu verarbeiten. Wir erinnern uns an eine Zeile in den Duineser Elegien: \u201eDenn das Sch\u00f6ne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschm\u00e4ht, uns zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Motiv von Sch\u00f6nheit und Schrecken passt zur Casa Malaparte, die auf unserem Rundweg liegt. Der Schriftsteller lie\u00df die zweigeschossige Villa zwischen 1938 und 1942 auf einem vorspringenden Felsen der Punta del Massullo \u00fcber dem Meer erbauen. Das moderne Geb\u00e4ude mit Flachdach f\u00e4llt schon aus der Ferne durch seinen roten Anstrich ins Auge.<\/p>\n\n\n\n<p>Malaparte baute eine \u201ecasa come me\u201c, \u201eein Haus wie ich\u201c: \u201etriste, dura, severa\u201c \u2013 traurig, hart und streng. Sein Leben f\u00fchrte ihn in die Welt der Gegens\u00e4tze, nach anf\u00e4nglicher Begeisterung f\u00fcr den Faschismus mutierte er zum Kommunisten. Seine Beziehungen zum Schwiegersohn Mussolinis bewahrte ihn vor weiterer Verfolgung. Einige Jahre war er Kriegsberichterstatter f\u00fcr eine italienische Zeitung. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangte er Ber\u00fchmtheit mit seinen Romanen \u201eKaputt\u201c (1944) und \u201eDie Haut\u201c (1949), in denen er drastisch-realistisch, gleichzeitig distanziert Grausamkeit und Gewalt des Krieges beschrieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck am Ausgangspunkt unseres Spazierganges kaufen wir in einer Buchhandlung ein Werk mit dem Titel: Capri, ein kleines Welttheater. Der Autor, Edwin Cerio, war 1902\u20131915 Projektingenieur f\u00fcr den Bau von Kriegsschiffen auf der Krupp-Werft in Kiel. Sein Lebenslauf ber\u00fchrt uns. Da er sechs Sprachen beherrschte, wurde er von dem Industriellen f\u00fcr den Verkauf der R\u00fcstungsg\u00fcter an ausl\u00e4ndische Staaten, vor allem in S\u00fcdamerika, eingesetzt. Der Erste Weltkrieg brachte Cerio in eine Gewissenskrise, er wollte nicht mehr als \u201eH\u00e4ndler von Kriegsschiffen\u201c an dem Hass der V\u00f6lker beteiligt sein. Er fand seine tiefere Berufung: Schriftsteller.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schreckliche wurde f\u00fcr ihn so der Beginn eines anderen Anfangs. Er zog sich nach Capri zur\u00fcck, widmete sich dem Schreiben und baute H\u00e4user. Sein Capristil war eine an die maurische Tradition ankn\u00fcpfende Bauweise. Im Jahr 1920 engagiert er sich in der Kommunalpolitik und wurde sogar zum B\u00fcrgermeister gew\u00e4hlt. Der Naturliebhaber nutzte diese Zeit, um sich gegen die Zersiedelung der Landschaft Capris zu wehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lesen ein Kapitel des Buches, \u00fcberschrieben mit \u201eKlein Deutschland\u201c, in einem prachtvollen Caf\u00e9 am Ort und vergessen schnell, nebenbei erw\u00e4hnt, dass wir die teuersten Cappuccini unseres Lebens bestellt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Autor schildert ein Jahrhundert der deutschen Poesie auf Capri und die Spuren der Pr\u00e4senz von \u00fcber 144 Schriftstellern auf der Insel. Nicht unerw\u00e4hnt bleibt der Aufenthalt Rilkes 1906-07. Die ambivalenten Erfahrungen des sensiblen Dichters mit den Naturerscheinungen beschreibt er mit ironischer Distanz. Und es gab in dieser Zeit eine typische deutsche Unternehmung: den Capriversch\u00f6nerungsverein. Ein Thema des Buches ist das Schicksal seines ehemaligen Arbeitgebers.<\/p>\n\n\n\n<p>Inspiriert von der Lekt\u00fcre laufen wir &#8211; trotz m\u00fcder Beine &#8211; zum Krupp Weg, nicht weit weg von unserem Caf\u00e9. Der Million\u00e4r tr\u00e4umte vom Leben und Sterben auf Capri und schlug 1899 den Bau der Stra\u00dfe zum Strand Marina Piccoli vor. Er argumentierte nicht nur mit der N\u00fctzlichkeit des Vorhabens, sondern betonte &#8211; seherisch &#8211; die Bedeutung f\u00fcr den k\u00fcnftigen Tourismus. Der Weg f\u00fchrt uns, an einer von ihm als Treffpunkt genutzten Aussichtspunkt vorbei, steil nach unten ans Meer.<\/p>\n\n\n\n<p>1958 lie\u00df Pierro Bettoni, ein Freund der Familie, am Eingang der Grotte eine Gedenktafel anbringen: \u201eHier gab sich Federico Alfredo Krupp, einer der reichsten Kanonenmacher der Welt, im Jahr 1898 bedingungslos der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6nheit von Capri hin, zog sich oft in diese Einsiedelei zur\u00fcck und best\u00e4tigte, dass Sch\u00f6nheit und Poesie mehr wert sind als Macht und Geld.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sorrent aus fahren wir mit dem Schiff auf die Insel Capri. Obwohl die Reise vor Pfingsten antreten, ist die Marina Grande \u00fcberf\u00fcllt. Vor der Seilbahn, die den Hafen mit dem Hauptort verbindet, wartet eine Schlange von Touristen. 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