{"id":608,"date":"2024-05-23T19:19:00","date_gmt":"2024-05-23T17:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=608"},"modified":"2024-05-23T19:19:03","modified_gmt":"2024-05-23T17:19:03","slug":"der-glasperlenspieler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/der-glasperlenspieler\/","title":{"rendered":"Der Glasperlenspieler"},"content":{"rendered":"<p>Wir stehen abends mit dem Wohnmobil auf einer Wiese in Sichtweite des Castel del Monte. Die ber\u00fchmte Burg erscheint im Sonnenlicht und unter dem blauen Himmel wie aus einer anderen Welt zu stammen. \u00dcber den Sinn des Geb\u00e4udes ist ger\u00e4tselt worden, wobei der achteckige Grundriss die Fantasie der Besucher befl\u00fcgelte. Die eher sachlichen Deutungen reichen von einem Jagdschloss bis hin zu einer Festung zur Aufbewahrung des Staatsschatzes. Das Portal birgt weitere R\u00e4tsel: Es wurde als Ableitung vom sternf\u00f6rmigen F\u00fcnfeck und seiner Zerlegung durch die Zahl 1,618 gedeutet, deren Ziel jene g\u00f6ttliche Proportion ist, die sich ebenso im menschlichen K\u00f6rper wiederfinden soll.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum wie in einem anderen Ort in Apulien treffen sich hier Geschichte und Spekulation, Mythen und Legenden. Im Kern der imagin\u00e4ren Vorstellungen steht die faszinierende Figur des Bauherren, dem Stauferkaiser Friedrich II. Dabei ist &#8211; wie wir staunend in einer Beschreibung lesen &#8211; ein Aufenthalt des Lebensk\u00fcnstlers an diesem geheimnisvollen Ort nicht einmal eindeutig belegt. Denn es handelte sich um ein Herrscher ohne Hauptstadt und Residenz f\u00fcr sich selbst und seinen wandernden Hof.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Riesenreich hielt Friedrich II zeitlebens in Bewegung. Beweglich war auch sein Geist, offen f\u00fcr alle Erkenntnisse der Wissenschaft, der Philosophie zugewandt und die Essenzen verschiedener Kulturen zusammenf\u00fcgend. Dieser Habitus inspiriert Reisende aus der ganzen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist naheliegend, dass wir an unseren Besuch in Montagnalo, den Wohnort von Hermann Hesse erinnern. In seinem Glasperlenspiel entwirft der Schriftsteller, unter dem Eindruck des 2. Weltkrieges, eine Vision einer p\u00e4dagogischen Provinz mit dem fiktiven Namen Kastalien. Im Buch lesen wir \u00fcber das zentrale Leitmotiv: \u201eDas Glasperlenspiel ist ein Spiel mit s\u00e4mtlichen Inhalten und Werten unserer Kultur, es spielt mit ihnen, wie etwa in den Bl\u00fctezeiten der K\u00fcnste ein Maler mit seiner Palette gespielt haben mag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtige Teile dieser Bildung, mit ihrem interdisziplin\u00e4ren Ansatz, sind ebenso die Mathematik und die Musik. Die Lebensgeschichte von Josef Knecht, der zum Meister des Spiels wird, zeigt, dass das harmonische Zusammenspiel von Kulturen, Wissenschaften und Religionen keine Utopie sein muss. Eine der Maximen des Protagonisten lautet dabei wie folgt: \u201eWir sollen nicht aus der Vita Aktiva in die Vita Kontemplativa fliehen, noch umgekehrt, sondern zwischen beiden wechselnd unterwegs sein, in beiden zu Hause sein, an beiden teilhaben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Elf Jahre lang schrieb Hesse an seinem letzten gro\u00dfen Werk. \u00dcber die Reaktionen war er eher entt\u00e4uscht, insbesondere bem\u00e4ngelte er, dass das Glasperlenspiel langsam zum Inbegriff f\u00fcr ein weltfremdes Leben im Elfenbeinturm wurde. Der Nobelpreistr\u00e4ger sah darin &#8211; wie Alois Prinz berichtet &#8211; ein grobes Missverst\u00e4ndnis. Nach wie vor aktuell ist das Ideal einer ganzheitlichen, dem Menschen dienenden Wissenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wissen nicht, ob Hesse sich mit dem Leben Friedrich II jemals besch\u00e4ftigt hat. Aber uns gef\u00e4llt der Gedanke, in dieser Figur ein historisches Vorbild dieser Ideenwelt, einen \u201eGlasperlenspieler\u201c zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann Hesse, Das Glasperlenspiel, Suhrkamp, 2023<br>Alois Prinz, \u201eUnd jedem Anfang Wohn ein Zauber inne\u201c \u2013 die Lebensgeschichte des Hermann Hesse, Suhrkamp, 2020<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir stehen abends mit dem Wohnmobil auf einer Wiese in Sichtweite des Castel del Monte. 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