{"id":612,"date":"2024-06-09T14:40:10","date_gmt":"2024-06-09T12:40:10","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=612"},"modified":"2024-06-09T14:40:13","modified_gmt":"2024-06-09T12:40:13","slug":"neapel-schrecklich-schoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/neapel-schrecklich-schoen\/","title":{"rendered":"Neapel, schrecklich sch\u00f6n"},"content":{"rendered":"<p>Dichter sind selten sprachlos. In seiner italienischen Reise hat sogar ein Johann Wolfgang von Goethe M\u00fche, die einmalige Atmosph\u00e4re am Golf von Neapel zusammenzufassen. \u201eWenn ich Worte schreiben will, so stehen mir immer Bilder vor Augen des fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln, des rauchenden Berges, und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen\u201c schreibt er am 17.3.1787 in sein Tagebuch.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Reisebericht pr\u00e4gt bis heute unser Bild von Italien &#8211; und von der Bev\u00f6lkerung im Reich der Zitronen. \u201eAlles deutet darauf dahin, dass ein gl\u00fcckliches, die ersten Bed\u00fcrfnisse anbietendes Land auch Menschen mit gl\u00fccklichem Naturell erzeugt, die ohne K\u00fcmmernisse erwarten k\u00f6nnen, der morgige Tag werde bringen, was der heutige gebracht, und deshalb sorglos dahin leben.\u201c Die Idee von der Leichtigkeit des S\u00fcdens, im Kontrast zu dem von Arbeit gepr\u00e4gten Alltag im Norden, setzte sich fr\u00fch als eine Art Fantasma im kollektiven Bewusstsein der Deutschen fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Sonne, Meer, das emsige Leben auf den Stra\u00dfen faszinierten Goethe zweifellos, aber es finden sich in der italienischen Reise ebenso Hinweise auf die Ambivalenz seiner Erfahrungen: \u201eDas Schreckliche zum Sch\u00f6nen, das Sch\u00f6ne zum Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichg\u00fcltige Empfindung hervor. Gewi\u00df w\u00e4re der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht zwischen Gott und Satan eingeklemmt f\u00fchlte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Zugfahrt von Sorrent in die Metropole, entlang am Vesuv und das Meer immer in Sichtweite, unterhalten wir uns \u00fcber diesen Zwiespalt. Ein anderes Thema: das Neapel-Buch \u201edie Haut\u201c von Curzio Malaparte, dessen Haus, auf einer Klippe gelegen, wir auf unserem Besuch auf Capri gesehen haben. \u201eNeapel ist ein Pompeji, das niemals versch\u00fcttet wurde. Es ist keine Stadt, es ist eine Welt.\u201cDer Schriftsteller fasst die Geschichte der Bev\u00f6lkerung in seinem Roman so zusammen: \u201eKein Volk auf Erden hat so viel gelitten wie das neapolitanische Volk. Es erduldet Hunger und Knechtschaft seit zwanzig Jahrhunderten und klagt nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren die Tage der \u201ePest\u201c in Neapel. Mit diesem Satz beginnt das Anti-Kriegsbuch, das den Zerfall der Sitten im Jahr 1943 bei Ankunft der Alliierten beschreibt. Die Nazis wurden endlich vertrieben, aber in der Stadt herrscht Hunger. Mit drastischen Worten kreist der Schriftsteller um die Not, die Prostitution, den Schwarzhandel und das Verbrechen. Unter diesen Umst\u00e4nden haben es die alten Ideale schwer: \u201eEs ist die moderne Zivilisation, diese Zivilisation ohne Gott, welche die Menschen zwingt, ihrer eigenen Haut eine solche Bedeutung beizumessen. Es ist nicht als die Haut, was heute z\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Reale Erfahrungen, Fiktionen und fantastische Einf\u00e4lle des Autors wechseln sich ab. Der Strudel des Zerfalls ergreift Sieger und Besiegte, bis der Vesuv ausbricht und an die gewaltige Kraft der Natur erinnert. Sein Roman, verst\u00f6rend und faszinierend zugleich, ist heute Teil der Literaturgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Ankunft am Bahnhof entschlie\u00dfen wir uns, nur einen ziellosen Spaziergang durch die Stadt zu unternehmen. Es gibt viele Touristen, aber Neapel wirkt nicht museal. Dazu ist das bunte Treiben in den Stra\u00dfen, Gassen und Pl\u00e4tzen zu pr\u00e4sent. Wir schlendern durch Stra\u00dfenm\u00e4rkte. Hier findet sich alles, vom frischen Fisch bis zu verd\u00e4chtig billigen Zigaretten. Allgegenw\u00e4rtig ist der Fu\u00dfball und zahlreiche Wandmalereien huldigen den Stra\u00dfenfu\u00dfballer Maradona. Das spanische Viertel, mit seinen un\u00fcbersichtlichen, engen Gassen erinnert an die sozialen Gegens\u00e4tze dieser Metropole und an die Mythen, die sich um die Aktivit\u00e4ten der Camorra bilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einem Platz bleiben wir vor \u00fcberf\u00fcllten M\u00fcllcontainer stehen. Nach den M\u00fcllskandalen der Vergangenheit ist die Praxis strikter M\u00fclltrennung in Neapel und der Region ein wichtiges politisches Statement. Die Zivilgesellschaft toleriert die unkontrollierte M\u00fcllentsorgung, ein Symbol des Verbrechens, nicht mehr. \u201eDer M\u00fcll ist Gold\u201c, mit dieser zynischen Formel schockierte schon 1992 ein ehemaliger Mafia-Boss nach seiner Festnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Indem sie die markt\u00fcblichen Entsorgungspreise unterbietet, schlie\u00dft die Camorra seit vielen Jahren Allianzen mit m\u00fcllproduzierenden Unternehmen weltweit \u2013 und macht sie zu Teilen ihres kriminellen Imperiums. In der Region rund um Neapel wurden insgesamt sch\u00e4tzungsweise 28 Millionen Tonnen Giftm\u00fcll in \u00c4ckern vergraben oder auf freien Landfl\u00e4chen verbrannt. Hier ist er wieder, der geheimnisvolle Zusammenhang zwischen Sch\u00f6nem und Schrecklichen, der in diesem Urlaubsparadies erneut auftaucht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eReise in das Reich der Camorra\u201c &#8211; der Bestseller von Roberto Saviano erreichte seit 2006 eine Millionenauflage. Ein beachtlicher Erfolg des Schriftstellers, allerdings mit f\u00fcr ihn schlimmen Folgen. \u201eNach zehn Jahren unter Polizeischutz erz\u00e4hlst Du nicht mehr von Deinem allt\u00e4glichen Leben, denn die eigentliche Frage lautet doch: Warum bist Du noch nicht tot?\u201c berichtet er im Vorwort einer neueren Auflage.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kapitel \u201eFeuerland\u201c beschreibt Saviano das Hinterland von Neapel und seine Expeditionen zu den illegalen Lagerst\u00e4tten. M\u00fclldeponie, Erdloch, Grube &#8211; diese Begriffe werden f\u00fcr ihn immer mehr zu konkreten, sichtbaren Synonymen der t\u00f6dlichen Gefahr f\u00fcr die Menschen, die im Umkreis dieser St\u00e4tten leben. Der Transfer des M\u00fclls vom reichen Norden in den S\u00fcden wird noch lange ein politisches Thema in Italien bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Golf von Neapel ist ein Spiegel unserer Zeit. Hier bestaunt man die Sch\u00f6nheit der Natur, geniest das Leben und trifft genau auf die Umweltprobleme, die moderne Konsumgesellschaften und der Tourismus verursachen. Die bedrohliche Unruhe des Vesuvs, f\u00fcr die es immer wieder Anzeichen gibt, sorgt ebenso wie die soziale Ungleichheit in Italien und die Armut in den s\u00fcdlichen Regionen. Goethe hat die M\u00f6glichkeit der Revolution mit den unkontrollierbaren Ausbr\u00fcchen der Natur verglichen und stattdessen auf ma\u00dfvolle Ver\u00e4nderungen, im Sinne einer Evolution, gehofft.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt beschlie\u00dfen wir, die Stadt bald wieder zu besuchen. Es ist ein Tanz auf dem Vulkan, sch\u00f6n und schrecklich zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Goethe, italienische Reise, CH Beck, M\u00fcnchen 2017<br>Roberto Saviano, Gomorrha, dtv, 18. Auflage, M\u00fcnchen 2023<br>Curzio Malaparte, Die Haut, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2006<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dichter sind selten sprachlos. 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