{"id":615,"date":"2024-06-15T20:47:30","date_gmt":"2024-06-15T18:47:30","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=615"},"modified":"2024-06-15T20:47:32","modified_gmt":"2024-06-15T18:47:32","slug":"arme-leute-haeuser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/arme-leute-haeuser\/","title":{"rendered":"&#8222;Arme-Leute-H\u00e4user&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Trulli in Alberobello, bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts vergessene \u201eArme-Leute-H\u00e4user\u201c, sind eine der gr\u00f6\u00dften Touristenattraktionen Apuliens. Durch das weitr\u00e4umige geschlossenes Viertel, das g\u00e4nzlich mit den Bauwerken bebaut ist, str\u00f6men Besucher aus aller Welt. Bei dem Aufenthalt gef\u00e4llt uns der Postkartenblick auf die Szenerie, aber mehr fasziniert uns die Idee der Wohnform an sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die mobilen Anlagen waren in der Vergangenheit eine Art Steuersparmodell: Im 17. Jahrhundert beauftragte Graf Giangirolamo II. Acquaviva d\u2019Aragon, diese H\u00e4user zu errichten. Da er keine Steuern an die Regierung in Neapel zahlen wollte, forderte er von den Bauern, ihre Geb\u00e4ude ohne Zement und M\u00f6rtel nur aus Steinen entstehen zu lassen. Eine geniale Idee, denn im Falle einer k\u00f6niglichen Inspektion baute man die Steinh\u00e4user ab, um sie sp\u00e4ter wieder leicht wiederzuerrichten. Heute sind viele, aufwendig renovierte Trulli in der Region, begehrte Ferienh\u00e4user.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee des alternativen, mobilen Wohnens &#8211; sei es in Wohnmobilen, Tiny-H\u00e4user oder Nomadenzelten &#8211; ist heute in aller Munde. Auf unseren Reisen entdecken wir immer mehr Campingpl\u00e4tze, die von Dauercampern bewohnt werden. Seltener finden wir Stellpl\u00e4tze, die zum Beispiel Reisefahrzeuge, kleinere Holzh\u00e4user und Zelte arrangieren und einen Versuch darstellen, soziale und \u00f6konomische Notwendigkeiten gemeinsam zu erf\u00fcllen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserem R\u00fcckweg aus Apulien besuchen wir das Bauhaus-Museum in Weimar. Die Idee Kunst und Technik, Handwerk und Wohnen in einer solidarischen Gesellschaft zu verkn\u00fcpfen, geh\u00f6rt zu den Gr\u00fcndungsgedanken dieser Institution. Man entwarf Modelle f\u00fcr die Modernisierung des klassischen Einfamilienhauses, plante aber bereits gr\u00f6\u00dfere Anlagen, mit Gemeinschaftsgeb\u00e4uden und sozialen Einrichtungen. In der Ausstellung f\u00e4llt uns ein Zitat von Walter Gropius aus dem Jahr 1925 auf: \u201eVielleicht sind mobile Wohngeh\u00e4use, mit deren Hilfe wir alle Bequemlichkeiten eines wirklichen Wohnkomforts sogar bei jedem Ortswechsel mit uns nehmen k\u00f6nnten, gar keine allzu ferne Utopie mehr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Sph\u00e4ren III erz\u00e4hlt der Philosoph Peter Sloterdijk die Entwicklung einer modernen Philosophie der Architektur. Am Beispiel des Architekten Le Corbusier und seiner Idee der \u201eWohnmaschine\u201c wird die Aufl\u00f6sung der traditionellen Allianz von Haus und Sesshaftigkeit deutlich. In den zwanziger Jahren schreibt er: \u201eMan muss das Haus wie eine Maschine oder ein Werkzeug zum Wohnen betrachten\u2026ein Haus wie ein Auto konzipiert und eingerichtet wie ein Auto oder eine Schiffskabine.\u201c Die neuen gro\u00dfen Wohnbl\u00f6cke, die bald auf der ganzen Welt entstehen, gleiche sich und sind nur lose an ihr historisches Umfeld angekn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit wird parallel mit Wohnwagen, Containern und Zelth\u00e4usern experimentiert. Sloterdijk formuliert die Grundidee wie folgt: \u201eDas mobile Haus definiert sich als wandernde architektonische Monade, die ihrem Einwohner darin kongenial geworden ist, dass das Haus wie der Besitzer sich auf Freiheit der Kontextwahl berufen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute? Fakt ist, ein Eigenheim zu bauen oder nur eine Wohnung zu halten, verschlingen beachtliche Ressourcen und die Finanzierung wird schnell zum einzigen Lebensinhalt. In den Gro\u00dfst\u00e4dten werden etwa 29 Prozent des Einkommens f\u00fcr Mieten aufgebracht. Hinzukommt der Mangel an Wohnraum, ein Ph\u00e4nomen, das l\u00e4ngst ein Politikum ist. Heute ist die Lage am Wohnungsmarkt angespannt, viele Berufst\u00e4tige ziehen um &#8211; durchaus nicht freiwillig &#8211; und sind auf der verzweifelten Suche nach m\u00f6glichst billige Wohnungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist kein Wunder, dass viele Menschen von einem freieren Leben in ihrem Van oder Wohnmobil tr\u00e4umen. Nur, in der Campingwelt spiegeln sich die sozialen Unterschiede, Luxus und Not, genau wie in der gesamten Gesellschaft. Reisen wird teurer, der Preisdruck auf den Stellpl\u00e4tzen steigt und die romantische Vision, in der Natur mit Gleichgesinnten zu parken, wird immer schwieriger umsetzbar. Im Trend sind Ideen, die \u00fcber die kurze Nachbarschaft zwischen parkenden Wohnmaschinen hinausweisen. Gesucht sind k\u00fcnftig Orte, an denen sich das Reisen, die Lebenskunst und \u00f6konomische Interessen &#8211; zumindest zeitweise &#8211; neu verkn\u00fcpfen lassen,<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Sloterdijk, Sph\u00e4ren III, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2004<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Trulli in Alberobello, bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts vergessene \u201eArme-Leute-H\u00e4user\u201c, sind eine der gr\u00f6\u00dften Touristenattraktionen Apuliens. Durch das weitr\u00e4umige geschlossenes Viertel, das g\u00e4nzlich mit den Bauwerken bebaut ist, str\u00f6men Besucher aus aller Welt. 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