{"id":620,"date":"2024-07-02T15:48:12","date_gmt":"2024-07-02T13:48:12","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=620"},"modified":"2024-07-03T10:07:54","modified_gmt":"2024-07-03T08:07:54","slug":"von-stralsund-nach-neapel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/von-stralsund-nach-neapel\/","title":{"rendered":"Von Stralsund nach Neapel"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Inspirierende Reisen enden nicht bei der Heimkehr, man reist einige Zeit weiter. Man liest zum Beispiel die B\u00fccher, die im Reisegep\u00e4ck gefehlt haben, trinkt bevorzugt bei Sonnenschein einen Cappuccino oder isst beim \u201eItaliener\u201c um die Ecke zu Abend. Genauso f\u00fchrt die Kunst in den S\u00fcden zur\u00fcck. Oft sind wir in Stralsund am Olthofschen Palais, dem Haus der Welterbest\u00e4tte, vorbeigegangen. Jetzt interessiert uns der \u201eHackertsche Tapetensaal\u201c, der sich in der oberen Etage befindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der italienischen Reise schildert Goethe seine Begegnungen mit dem K\u00fcnstler, Jakob Philipp Hackert, der zu dieser Zeit, 1786, im Schloss von K\u00f6nig Ferdinand von Neapel wohnte. Seine Landschaftsbilder aus der Region, darunter viele Darstellungen des Vesuv, pr\u00e4gen bis heute unsere Vorstellungen von Italien. Goethe ist fasziniert von der komfortablen Situation des Hofmalers am Golf von Neapel und bewundert mit einem Seufzen die Bilder des Genies: \u201eWenn es nur so leicht auszuf\u00fchren w\u00e4re, wie es aussieht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Angebot des Meisters an seinen Sch\u00fcler, \u201ebleiben sie achtzehn Monate bei mir &#8211; so sollten sie etwas hervorbringen, was ihnen und andern Freude macht\u201c schl\u00e4gt Goethe aus. Dichter und Maler blieben zeitlebens verbunden in der Idee, dass in der s\u00fcditalienischen Landschaft \u201eArkadien\u201c &#8211; das Ideal der klassischen, antiken Atmosph\u00e4re &#8211; als gegenw\u00e4rtig zu erfahren ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Aufenthalt des K\u00fcnstlers am Sund ist in der Biografie Goethes \u00fcber den Maler festgehalten: \u201ePhillip Georg Hackert trat also im Juli 1762 in Gesellschaft des Portr\u00e4tmalers Mathieu die Reise nach Stralsund an, wo er den Baron von Olthof mit Renovierung und neuer Einrichtung seines Hauses besch\u00e4ftigt, antraf\u201c. Die genauen Umst\u00e4nde des Aufenthaltes sind nicht dokumentiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Besichtigung des Tapetensaals desillusioniert uns zun\u00e4chst. Hier sind keine Eindr\u00fccke aus Italien zu sehen, sondern Szenen der S\u00e4chsischen Schweiz. Und, wie wir von dem kompetenten Kunsthistoriker, der uns die R\u00e4ume zeigt, erfahren, handelt es sich bei diesen Tapeten nicht um Werke des ber\u00fchmten Malers. Sie sind erst sp\u00e4ter entstanden. Und &#8211; nebenbei erw\u00e4hnt &#8211; der verm\u00f6gende Gesch\u00e4ftsmann und Kunstm\u00e4zen von Olthof wohnte in diesem Haus nur zur Miete. Wir staunen: Das Imagin\u00e4re und das Reale begegnen sich immer wieder neu in der Welt der Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf R\u00fcgen besuchen wir das Gutshaus in Boldevitz. Im Haupthaus verbergen sich, der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4ngliche Tapeten Hackert&#8217;s, die Ideallandschaften und R\u00fcgenmotive zeigen. Diese Werke wurden zwischen 1762 und 1764 im Auftrag des damaligen Eigent\u00fcmers, Baron von Olthof, geschaffen. Norbert M\u00fcller sieht in den Bildzyklen den stilistischen Anspruch, \u201edurch Parallelisierung und Querverweis aus mehreren Landschaften <em>die<\/em> Landschaft, <em>die<\/em> Natur zur\u00fcckzugewinnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man kann sich leicht vorstellen, dass der Landschaftsmaler fasziniert war von der M\u00f6glichkeit eines Zusammenspiels seiner imagin\u00e4ren Werke mit der realen Gartenkunst vor Ort. Der Baron wurde bald von den \u00f6konomischen Realit\u00e4ten eingeholt. Nach einem Bankrott verkaufte der Kunstm\u00e4zen 1780 sein Gesamtkunstwerk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In dem zauberhaften Park setzen wir uns auf eine Bank und genie\u00dfen das Ambiente. Die vergangene Reise hat uns hierhergef\u00fchrt und am Horizont tauchen neue, s\u00fcdliche Reiseziele auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Goethe, Italienische Reise, Verlag CH. Beck, 15. Auflage, M\u00fcnchen 2017<br>Norbert M\u00fcller, in Lehrreiche N\u00e4he, Goethe und Hackert, Stiftung Weimarer Klassik, 1997<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inspirierende Reisen enden nicht bei der Heimkehr, man reist einige Zeit weiter. Man liest zum Beispiel die B\u00fccher, die im Reisegep\u00e4ck gefehlt haben, trinkt bevorzugt bei Sonnenschein einen Cappuccino oder isst beim \u201eItaliener\u201c um die Ecke zu Abend. 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