{"id":637,"date":"2024-08-16T16:31:33","date_gmt":"2024-08-16T14:31:33","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=637"},"modified":"2024-08-16T16:31:35","modified_gmt":"2024-08-16T14:31:35","slug":"volle-glaeser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/volle-glaeser\/","title":{"rendered":"Volle Gl\u00e4ser"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir studieren einen l\u00e4ngeren Text von Wilhelm von Humboldt: eine Leseerfahrung! Obwohl ge\u00fcbte Leser, setzen wir immer wieder neu an, um die komplexen Schachtels\u00e4tze zu verstehen. Die \u00dcbung erfordert Konzentration, bis das Erstaunen \u00fcber die kunstvolle Architektur der S\u00e4tze und die \u00fcberragende Rhetorik des Klassikers einsetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Buchhandlung f\u00e4llt uns ein Buch von Jonathan Haidt, Generation Angst, auf. Das Werk zeigt, \u201ewie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen\u201c. Uff, das ist eine weitere Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr jung gebliebene Gro\u00dfeltern. Die Folgen des allgegenw\u00e4rtigen Medienkonsums sind generationsunabh\u00e4ngig nicht mehr zu \u00fcbersehen. Neu ist das Ph\u00e4nomen nicht. 1958 schrieb Huxley in \u201eBrave new world\u201c \u00fcber die \u00dcberflutung mit Belanglosigkeiten und die Ablenkung durch Nichtigkeiten, \u201eum die Leute davon abzuhalten, den Wirklichkeiten und der sozialen und politischen Lage zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns f\u00e4llt in letzter Zeit auf, dass wir alle \u201evolle Gl\u00e4ser\u201c sind. Das hei\u00dft, nur selten sind wir aufnahmebereit, in der Lage unsere eigenen Inhalte, zugunsten der Anderen, denen wir zuh\u00f6ren, f\u00fcr einen Moment lang zu vergessen. Viele Unterhaltungen &#8211; wenn sie nicht schon von vornherein Monologe sind &#8211; bestehen aus einem gegenseitigen Austausch von Aussages\u00e4tzen. Fragen sind da eher die Ausnahme. Das Ph\u00e4nomen pr\u00e4gt letztlich nicht nur das soziale, sondern ebenso das politische Feld. Die Reizkultur f\u00fchrt zur permanenten Gereiztheit. Das souver\u00e4ne Zulassen von Argumenten, die st\u00f6rend, aber bildend sind und das Interesse an substantieller Gegenargumentation schwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der Welt des modernen Reisenden spiegelt sich heute ebenso der \u00dcberfluss an Sehensw\u00fcrdigkeiten, Informationen und Bilder. Ber\u00fchmt ist eine Bemerkung des franz\u00f6sischen Schriftstellers Stendhal (1783-1842) auf seiner Reise in Italien:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch befand mich bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die N\u00e4he der gro\u00dfen M\u00e4nner, deren Gr\u00e4ber ich eben gesehen hatte, in einer Art Ekstase. [\u2026] Als ich Santa Croce verlie\u00df, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum \u00c4u\u00dfersten ersch\u00f6pft und f\u00fcrchtete umzufallen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Anlehnung an die Reiseberichte nannte Graziella Magherini 1979 diese psychosomatische St\u00f6rung Stendhal-Syndrom. In den folgenden Jahren studierte sie mit ihrem Team zahlreiche F\u00e4lle von reisenden Patienten, die in Florenz psychisch krank wurden. Die Eindr\u00fccke waren nicht mehr zu verarbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei unserem Vortrag \u00fcber die italienische Reise Goethes stellen wir den Dichter vor, sehen in ihm einen Entdecker der Langsamkeit. Zwar besichtigt er unz\u00e4hlige Kunstwerke in einem intensiven touristischen Programm, diese Erfahrungen sind aber Teil einer Metamorphose (von der Kunst, \u00fcber die Natur, zur Liebe) und werden zu einem Schl\u00fcssel der Kreativit\u00e4t. Manfred Osten bezeichnet die Reiseerfahrungen Goethes als eine \u201eSchule der Aufmerksamkeit\u201c, die es erlaubt, alle Dinge &#8211; gro\u00df oder klein &#8211; zu sehen, wie sie sind. In den Wanderjahren lautet die Maxime: \u201eAufmerksamkeit ist das Leben!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck zu Wilhelm von Humboldt. Der Gelehrte betonte, dass das Assoziative eine Grundlage f\u00fcr kreative Prozesse ist. Unser Geist &#8211; wenn wir ihn nicht permanent \u00fcberfordern \u2013 stellt st\u00e4ndig neue Verbindungen zwischen Ideen her und ist in der Lage, innovative L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme zu finden. Dieses dynamische Verfahren steht im Gegensatz zu einem starren, rein logischen Denken, das Humboldt als zu begrenzt ansah, um die Komplexit\u00e4t der Welt vollst\u00e4ndig zu erfassen. Goethes Tagebuch \u00fcber seine Erlebnisse und Erfahrungen in Italien f\u00fchren meisterhaft in diese Praxis ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manfred Osten, Goethe und das Gl\u00fcck, Wallstein Verlag, G\u00f6ttingen 2017<br>Jonathan Haidt, Generation Angst, Rowohlt Verlag, Hamburg 2024<br>Wilhelm von Humboldt, Grenzen der Wirksamkeit des Staats, Holzinger Verlag,<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir studieren einen l\u00e4ngeren Text von Wilhelm von Humboldt: eine Leseerfahrung! 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