{"id":645,"date":"2024-09-03T15:45:04","date_gmt":"2024-09-03T13:45:04","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=645"},"modified":"2024-09-03T15:45:07","modified_gmt":"2024-09-03T13:45:07","slug":"spurensuche-in-verona","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/spurensuche-in-verona\/","title":{"rendered":"Spurensuche in Verona"},"content":{"rendered":"<p>Der Aufenthalt Goethes in Verona im September 1786 verl\u00e4uft typisch: Er interessiert sich f\u00fcr Pflanzen, die Kunst und das Leben der Bev\u00f6lkerung. Nicht zuletzt geniest er das inspirierende Wetter im S\u00fcden, das hier ganz anders als in Weimar ist. Sein Blick zur\u00fcck ist n\u00fcchtern: \u201eIm ewigen Nebel und Tr\u00fcbe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn wie viel Zeit k\u00f6nnen wir uns unter freiem Himmel wahrhaft ergehen und erg\u00f6tzen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir parken unser Wohnmobil auf dem st\u00e4dtischen Stellplatz und machen uns bei sommerlichen Temperaturen zu Fu\u00df auf den Weg in die Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas sch\u00f6nste, aber immer geschlossene Tor hei\u00dft Porta de Palio\u201c hei\u00dft es in der italienischen Reise. Wir lassen es links liegen, denn es ist noch immer verschlossen und wirkt heute etwas bauf\u00e4llig. In der Innenstadt versteht man schnell die Begeisterung des Schriftstellers \u00fcber das einmalige Ensemble aus Bauwerken, Kunstwerken und malerischen Winkel. \u201eEs liegt in meiner Natur\u201c schreibt er, \u201edas Gro\u00dfe und Sch\u00f6ne willig und mit Freuden zu verehren, und diese Anlage an so herrlichen Gegenst\u00e4nden Tag f\u00fcr Tag, Stunde f\u00fcr Stunde abzubilden, ist das seligste aller Gef\u00fchle\u201c. Eine Maxime, die der Dichter auf seiner ganzen Reise vorleben wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ahnt den ungeheuren Eindruck, den die r\u00f6mische Arena auf Goethe machte. Hier begegnet er zum ersten Mal einem gro\u00dfen Bauwerk der Antike. Allein, das Amphitheater ist leer: \u201eDa ist etwas Gro\u00dfes und doch eigentlich nichts zu sehen.\u201c Wir k\u00f6nnen das nachvollziehen und lesen auf bunten Plakaten \u00fcber anstehende Auff\u00fchrungen gro\u00dfer Opern und Konzerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen ist die Hitze in der Stadt sp\u00fcrbar und wir spazieren zu einem anderen Ort, den Goethe in seinem Tagebuch beschreibt: den Renaissancegarten Giusti. Hier gibt es ausreichend Schatten und einiges an Gartenkunst zu bewundern. Es sind die Zypressen, denen der Dichter besonders zugewandt ist. \u201eEin Baum, dessen Zweige von unten bis oben, die \u00e4ltesten wie die j\u00fcngsten, gen Himmel streben, der seine dreihundert Jahre dauert, ist wohl der Verehrung wert.\u201c Die Goethe-Zypresse, lesen wir im Parkf\u00fchrer, wurde stolze 600 Jahre, bis sie im Jahr 2020 ein Sturm f\u00e4llte. Auch B\u00e4ume leben nicht ewig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf unserm R\u00fcckweg zum Stellplatz beobachten wir zahlreiche Stra\u00dfenszenen, das bunte Treiben in den Gassen und das gem\u00fctliche Ausruhen in den Stra\u00dfencaf\u00e9s. Schon Goethe sog diese einmalige Stimmung auf, beschreibt M\u00e4rkte, besucht ein Gef\u00e4ngnis und beobachtet die Einheimischen beim Sport und Flanieren. Bezeichnend, dass er dabei der armen Bev\u00f6lkerung auff\u00e4llt. \u201eObgleich das Volk seinen Gesch\u00e4ften und Bed\u00fcrfnissen sehr sorglos nachgeht, so hat es doch auf alles Fremde ein scharfes Auge\u201c, bemerkt er. Der Grund f\u00fcr die Aufmerksamkeit ist einfach. Der ber\u00fchmte Reisende tr\u00e4gt sch\u00f6ne Stiefel, ein Luxusgut.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Nacht machen wir uns nochmals in die Stadt auf. Wir suchen nach einem geheimnisvollen Ort, an dem eine der sch\u00f6nsten Passagen der italienischen Reise spielt. \u201eDer Wind, der von den Gr\u00e4bern der Alten her weht, kommt mit Wohlger\u00fcchen wie \u00fcber einen Rosenh\u00fcgel.\u201c Meisterhaft beschreibt Goethe einige Grabdenkm\u00e4ler. Seine Ortsangaben sind allerdings eher kryptisch: die Erw\u00e4hnung eines Theaters mit ionischen S\u00e4ulen, einer B\u00fcste von Maffei und eines Innenhofes erkl\u00e4ren die Lage. Wir vermuten, es handelt sich um die heutige Piazza Signori.<\/p>\n\n\n\n<p>In unmittelbarer N\u00e4he sind die monumentalen, gotischen Grabm\u00e4ler der Herren von Verona zu sehen. \u00dcber diese Kunstwerke verliert er jedoch kein Wort. Der Dichter, der zeitlebens Beerdigungen mied, bewundert vielmehr die letzten Ruhest\u00e4tten einfacher Leute und die szenischen Darstellungen ihres Lebens. \u201eDie Grabm\u00e4ler sind herzlich und r\u00fchrend und stellen immer das Leben her.\u201c Goethe lobt den unbekannten K\u00fcnstler, der, mit \u201emehr oder weniger Geschick, nur die einfache Gegenwart der Menschen hinstellt, ihre Existenz dadurch fortsetzt und bleibend macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Suche nach dem konkreten Ort endet ergebnislos. Handelt es sich hier um eine Fiktion Goethes? Das ist nicht wirklich wichtig. Am nahegelegenen Garibaldi-Denkmal setzten wir uns in einem Park auf eine Bank und genie\u00dfen unsere Sommernacht in Verona.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Goethe, Italienische Reise, Verlag CH Beck, M\u00fcnchen 2017<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Aufenthalt Goethes in Verona im September 1786 verl\u00e4uft typisch: Er interessiert sich f\u00fcr Pflanzen, die Kunst und das Leben der Bev\u00f6lkerung. Nicht zuletzt geniest er das inspirierende Wetter im S\u00fcden, das hier ganz anders als in Weimar ist. 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