{"id":648,"date":"2024-09-09T20:45:35","date_gmt":"2024-09-09T18:45:35","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=648"},"modified":"2024-09-09T20:45:39","modified_gmt":"2024-09-09T18:45:39","slug":"traum-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/traum-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Traum &amp; Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Keine Stadt bewegt sich so sehr zwischen Traum und Wirklichkeit wie Venedig. Wir haben Erinnerungen, die bis in die Kindheit zur\u00fcckreichen. Zur Vorbereitung lesen wir ein wenig Reiseliteratur, um unseren Wortschatz entsprechend anzureichern. Der holl\u00e4ndische Schriftsteller Louis Couperus beschrieb das Wesen Venedigs im 19. Jahrhundert wie folgt: \u201eDenn diese Stadt ist ein Traum und eine Fabel; sie ist nicht wirklich, sie existiert nicht \u2026 wir bilden sie uns ein. Sie ist eine Fata Morgana, sie wird geboren in perlmutternen Glanz, sie erstrahlt in goldenem Glanze, sie verschwimmt in violettem Nachtschatten.\u201c Mit einfacheren Worten ausgedr\u00fcckt: Wir erleben unser eigenes Venedig. Die \u201eBiberrepublik\u201c (Goethe) ist so reich an Kunstwerken, Geschichten und Erz\u00e4hlungen, dass jeder Aufenthalt nur einen Einblick gew\u00e4hrt und eine Momentaufnahme bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Schiff l\u00e4sst sich Venedig gut von Punta Sabbioni erreichen. Kurze Zeit sp\u00e4ter, nach etwa zwanzig Minuten, taucht die Kulisse des Markusplatzes und des 97 Meter hohen Kampanile auf. Millionen Touristen treffen hier jedes Jahr ein und &#8211; eine T\u00e4uschung ist ausgeschlossen &#8211; alle sind sich einig: Das st\u00e4dtebauliche Ensemble und der Ausblick auf den Canal Grande, mit seinen Pal\u00e4sten, Museen und Kirchen, ist einmalig.<\/p>\n\n\n\n<p>P\u00fcnktlich um 9 Uhr ist &#8211; ein kleines Wunder &#8211; keine Schlange an den Kassen des Dogenpalastes. Wir besuchen die Ausstellung \u00fcber den ber\u00fchmten Sohn der Stadt: Marco Polo. Hier sehen wir faszinierenden Karten, studieren die Netzwerke der Reisenden und einige Kunstwerke aus den Regionen, bis hin nach China, die der Weltenbummler besuchte. Aber, die Darstellung des Lebens des Abenteurers bleibt oberfl\u00e4chlich, was an der profanen Tatsache liegt, dass man \u00fcber ihn nur wenig sicher wei\u00df. Legenden und Mythen vermischen sich mit historisch belegten Fakten. Inzwischen ist sich die Fachliteratur einig, dass Marco Polo wirklich China besuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verlassen etwas entt\u00e4uscht die Ausstellung und nehmen den Weg durch die Gassen Richtung Rialto. An einer kleinen Br\u00fccke gibt es ein Caf\u00e9 mit einem preiswerten Cappuccino und nebenbei die Gelegenheit, die Gondoliere zu beobachten. Sie sind nicht nur geschickt im Umgang mit der Kundschaft, die f\u00fcr den Traum einer Bootsfahrt einiges bezahlt, sondern sie man\u00f6vrieren ihre Gondeln mit bewundernswertem Geschick durch den engen Kanal.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ist hier nicht allein. Anfang September sind die Gassen nicht unangenehm voll. \u201eVenezianer sind St\u00e4dter mit Wellengang, Wassermenschen, Bewohner einer fluiden, amphibischen Stadt\u201c schreibt Cees Nooteboom in seinem Venedigbuch. Es gibt f\u00fcnfzigtausend solcher echten Einwohner, die der erheblich gr\u00f6\u00dferen Zahl der Bilderj\u00e4ger aus aller Welt gegen\u00fcberstehen. Der Schriftsteller mit leichter Ironie: \u201eImmer wird sich zwischen ihrem Blick und der Stadt ein Telefon oder ein anderes Ger\u00e4t befinden, das ihr eigenes Gesicht zeigt und dahinter die Stadt, die sie so gern hatten sehen wollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Einsamkeit, nach der ich so oft sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genie\u00dfen, denn nirgends f\u00fchlt man sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich allen ganz unbekannt durchdr\u00e4ngt\u201c schreibt Goethe am 28. September 1786 in sein Tagebuch. Wie die Generationen der Besucher nach ihm bewundert er diesen Ort. Und er f\u00e4hrt mit einer Gondel spazieren. \u201eAlles, was mich umgibt, ist w\u00fcrdig, ein gro\u00dfes, respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Moment, nicht eines Gebieters, sondern eines Volkes.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen venezianischen Epigrammen, die er nach seinem 2. Aufenthalt in der Stadt 1790 verfasst, schafft er ein zeitloses Bild:<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Gondel vergleich\u00b4 ich der Wiege, sie schaukelt gef\u00e4llig,<br>Und das K\u00e4stchen darauf scheint ein ger\u00e4umiger Sarg.<br>Recht so!<br>Zwischen Sarg und Wiege wir schwanken und schweben,<br>Auf dem gro\u00dfen Kanal, sorglos durchs Leben dahin.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Dichter verbringt seine Tage mit dem Besuch von Museen, dem Studium von Bauwerken und Kunstwerken. Nur ausnahmsweise klingt bei dem gro\u00dfen Kunstkenner seiner Zeit der Pessimismus an: \u201eDie Kunst, welche dem Alten seinen Fu\u00dfboden bereitete, dem Christen seine Kirchenhimmel w\u00f6lbte, hat sich jetzt auf Dosen und Armb\u00e4nder verkr\u00fcmelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lassen uns treiben, steigen \u00fcber die Rialtobr\u00fccke, betrachten die Gegenst\u00e4nde der Souvenirh\u00e4ndler, die Massen von Plastikgondeln und Postkarten anbieten. Verlaufen uns. Wie alle ortsunkundigen Stadtbummler verlieren wir die Orientierung, enden in einer der Sackgassen. Oder wir sitzen an einem Kanal und schauen dem Treiben auf dem Wasser zu. So vergeht die Zeit. Nein, diese Stadt entt\u00e4uscht nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Als die F\u00fc\u00dfe m\u00fcde werden, laufen wir zur\u00fcck zur Landungsbr\u00fccke und besteigen das Boot, das nur am Lido einen kurzen Aufenthalt macht. In unmittelbarer N\u00e4he sah Goethe zum ersten Mal das Meer. Der Dichter war f\u00fcr gro\u00dfe und kleine Dinge stets ansprechbar und begeisterungsf\u00e4hig. Am Strand untersucht er Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse, um schlie\u00dflich auszurufen: \u201eWas ist doch ein Lebendiges f\u00fcr ein k\u00f6stliches, herrliches Ding!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die prek\u00e4re Lage der Stadt sorgte sich Goethe nicht: \u201eDie Langsamkeit, mit der das Meer abnimmt, gibt ihr Jahrtausende Zeit, und sie werden schon, den Kan\u00e4len klug nachhelfend, sich im Besitz zu erhalten suchen\u201c. Unser Schiff f\u00e4hrt langsam seinem Zielhafen zu. Rechts von uns tauchen gro\u00dfe Anlagen auf, die die Lagune absperren und Venedig in Zeiten der Klimaerw\u00e4rmung vor dem Hochwasser und dem steigenden Meeresspiegel sch\u00fctzt. Ein technisches Meisterwerk unserer Epoche. Der italienische Staat hat f\u00fcr diesen Rettungsversuch im Angesicht der Naturgewalten Milliarden ausgegeben. Ob das Vorhaben gelingt, steht in den Sternen. Venedig bleibt zun\u00e4chst ein Traum, den man wirklich besuchen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Goethe, Italienische Reise, CH Beck Verlag, M\u00fcnchen 2017<br>Cees Nooteboom, Venedig &#8211; Der L\u00f6we, die Stadt und das Meer, Suhrkamp Verlag, Berlin 2022<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Stadt bewegt sich so sehr zwischen Traum und Wirklichkeit wie Venedig. Wir haben Erinnerungen, die bis in die Kindheit zur\u00fcckreichen. Zur Vorbereitung lesen wir ein wenig Reiseliteratur, um unseren Wortschatz entsprechend anzureichern. 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