{"id":652,"date":"2024-09-24T15:13:35","date_gmt":"2024-09-24T13:13:35","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=652"},"modified":"2024-09-24T15:13:37","modified_gmt":"2024-09-24T13:13:37","slug":"goettlich-bauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/goettlich-bauen\/","title":{"rendered":"G\u00f6ttlich bauen?"},"content":{"rendered":"<p>Kann man g\u00f6ttlich bauen? Goethe scheint dieser Idee gegen\u00fcber nicht abgeneigt gewesen zu sein, wie wir in den entsprechenden Passagen der italienischen Reise nachlesen. Schon in Weimar besch\u00e4ftigte sich der Dichter mit dem Werk des gro\u00dfen Architekten der Renaissance, Palladio. In Vicenza &#8211; wo sich einige seiner sch\u00f6nsten Bauwerke befinden \u2013 schreibt er in sein Tagebuch: \u201eEs ist wirklich etwas G\u00f6ttliches in seinen Anlagen, v\u00f6llig wie die Force des gro\u00dfen Dichters, der aus Wahrheit und L\u00fcge ein Drittes bildet, dessen erborgtes Dasein uns bezaubert.\u201c Die k\u00fchnen Projekte des Architekten, der &#8211; nach eigener Aussage &#8211; die Welt ver\u00e4ndern wollte und die Absicht, die Ideale der Antike zu aktualisieren, erkl\u00e4rt die Wahlverwandtschaft zwischen dem Dichter aus Weimar und dem Architekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe folgt bei seinem Aufenthalt in der Stadt einer Einladung der Akademie der Olympier und ist auf der Versammlung begeistert, dass Palladio besprochen wird und nach so viel Zeit immer noch \u201eals Polarstern und Musterbild\u201c von seinen Mitb\u00fcrgern verehrt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir besuchen in der Stadt das Olympische Theater, das erste nachantike frei stehende Theatergeb\u00e4ude in Europa und die Basilika Palladiana, ein beeindruckendes \u00f6ffentliches Geb\u00e4ude, das keine Kirche ist, sondern eine Markt- und Gerichtsst\u00e4tte. Nat\u00fcrlich trinken wir auch einen Cappuccino nicht unweit vom Hauptplatz der Stadt und lernen dort zuf\u00e4llig den Pianisten Paolo Zanarello kennen. In einer kleinen Gasse hat er sein Klavier aufgebaut und unterh\u00e4lt die \u00fcberraschten Caf\u00e9-G\u00e4ste mit klassischer Musik. Diese Erfahrung best\u00e4rkt uns in dem Eindruck, dass diese faszinierende Stadt bis heute eine gro\u00dfe B\u00fchne der Kunst ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der H\u00f6hepunkte des Schaffens Palladios besuchen wir am n\u00e4chsten Tag: die unweit von der Stadt wundersch\u00f6n gelegene Villa Rotonda. Goethe beschreibt dieses Meisterwerk wie folgt: \u201eEs ist ein viereckiges Geb\u00e4ude, das einen runden, von oben erleuchteten Saal in sich schlie\u00dft. Von allen vier Seiten steigt man auf breiten Treppen hinan und gelangt jedes Mal in eine Vorhalle, die von sechs korinthischen S\u00e4ulen gebildet wird. Vielleicht hat die Baukunst ihren Luxus niemals h\u00f6her getrieben.\u201c Der Schriftsteller hat recht, wie wir finden, wenn er urteilt, dass das Geb\u00e4ude nicht wirklich wohnlich ist, eine merkw\u00fcrdige Mischung zwischen einem sakralen Bau, beinahe wie eine Kirche und seinen antiken Vorbildern darstellt. Goethes Eindr\u00fccke vor Ort finden sich sp\u00e4ter einem ber\u00fchmten Gedicht verewigt, wo die Erw\u00e4hnung des Hauses an die Italienreise des Schriftstellers erinnert und im Roman Wilhelm Meister zur Heimat von Mignon wird:<\/p>\n\n\n\n<p>Kennst du das Land, wo die Zitronen bl\u00fchn,<br>Im dunkeln Laub die Goldorangen gl\u00fchn,<br>Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,<br>Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,<br>Kennst du es wohl? Dahin! Dahin M\u00f6cht\u2019 ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn!<\/p>\n\n\n\n<p>Kennst du das Haus? auf S\u00e4ulen ruht sein Dach,<br>Es gl\u00e4nzt der Saal, es schimmert das Gemach,<br>Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:<br>Was hat man dir, du armes Kind, getan?<br>Kennst du es wohl? Dahin! Dahin M\u00f6cht\u2019 ich mit dir, o mein Besch\u00fctzer, ziehn.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept der Villen, die Palladio in seinem Leben schuf, ist durchaus modern. Die H\u00e4user sollen \u201eR\u00fcckzug erm\u00f6glichen und der Gesundheit und Meditation dienen\u201c und gleichzeitig die Vorz\u00fcge des Landlebens herausstreichen. Hinzu kommt eine \u00f6konomische Anbindung, die sich in den Nebengeb\u00e4uden der angeschlossenen landwirtschaftlichen Betriebe zeigen. Da Venetien zu dieser Zeit befriedet ist, gleichen die Landh\u00e4user nicht mehr den gewohnten Trutzburgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Palladio-Fieber angesteckt entdecken wir auf unserer Weiterreise einige seiner ber\u00fchmtesten Geb\u00e4ude in Venedig, darunter die Kirchen IL Redentore und St. Giorgio mit ihren ber\u00fchmten Fassaden. Und &#8211; nachdem wir den Eintrag vom 2. Oktober 1786 in der italienischen Reise studiert haben &#8211; wollen wir nat\u00fcrlich das Klostergeb\u00e4ude \u201eCarita\u201c sehen (heute der Sitz des Museums Accademia). Wir besichtigen nicht nur die ausgestellten Kunstwerke, sondern auch die, wie Goethe schreibt, \u201esch\u00f6nste Wendeltreppe von der Welt\u201c. Allerdings ist die Treppe im Moment nicht begehbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Goethe studierte &#8211; bevor er in Venedig eintraf &#8211; die Pl\u00e4ne der ganzen Anlage, erwartete ein Wunderwerk und war ein wenig entt\u00e4uscht, dass in der Realit\u00e4t nur ein kleiner Teil der architektonischen Pl\u00e4ne des Genies umgesetzt wurde. \u201eDu liebes Schicksal, dass du so manche Dummheit beg\u00fcnstigt und verewigt hast, warum lie\u00dfest du dieses Werk nicht zustande kommen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werke Palladios kn\u00fcpfen an unsere Besichtigung der W\u00f6rlitzer Parkanlagen an, wo unsere Reise nach Oberitalien begann. Das Schloss gilt als Gr\u00fcndungsbau des deutschen Klassizismus und ist eines der wenigen Bauwerke des deutschen Palladianismus. Der Bauherr, Franz von Sachsen-Anhalt und sein Architekt, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, bereisten gemeinsam Italien. Es versteht sich von selbst, dass die k\u00fcnstlichen Landschaften in W\u00f6rlitz von einem Dichter bewundert wurden: Goethe.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, CH Beck Verlag, M\u00fcnchen 2017<br>Howard Burns, Villa Economy, Palladio Museum, 2017<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann man g\u00f6ttlich bauen? Goethe scheint dieser Idee gegen\u00fcber nicht abgeneigt gewesen zu sein, wie wir in den entsprechenden Passagen der italienischen Reise nachlesen. Schon in Weimar besch\u00e4ftigte sich der Dichter mit dem Werk des gro\u00dfen Architekten der Renaissance, Palladio. &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/goettlich-bauen\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":653,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisewege"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=652"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":654,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/652\/revisions\/654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}