{"id":656,"date":"2024-10-08T16:28:19","date_gmt":"2024-10-08T14:28:19","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=656"},"modified":"2024-10-08T16:28:21","modified_gmt":"2024-10-08T14:28:21","slug":"generation-smartphone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/generation-smartphone\/","title":{"rendered":"Generation Smartphone"},"content":{"rendered":"<p>Die Rolle der sozialen Medien in unserem Alltag und die M\u00f6glichkeiten der k\u00fcnstlichen Intelligenz besch\u00e4ftigen uns schon lange. Es ist tats\u00e4chlich interessant, inwieweit die Entwicklung dieser Innovationen k\u00fcnftig unser Reiseverhalten beeinflussen werden. Hierzu lesen wir zwei neu erschienene Sachb\u00fccher, die in das komplexe Thema allgemein einf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Historiker Yuval Noah Harari bietet mit seinem neuen Bestseller \u201eNexus\u201c eine Orientierungshilfe an. In einer kurzen Geschichte der Informationsnetzwerke zeigt er die fundamentale Bedeutung von Narrativen auf, die in B\u00fcchern verfasst wurden und heute durch das Internet im Umlauf sind und aktualisiert werden. Die k\u00fcnstliche Intelligenz ist die erste Technologie, die in der Lage ist, unser Geschichtsverst\u00e4ndnis zu \u00e4ndern, selbst\u00e4ndig Entscheidungen zu treffen und autonom Ideen zu entwickeln. Welche dramatischen Konstellationen sich in diesem Zeitalter am Horizont zeigen, ist das Thema seines Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Hararis Ausgangspunkt ist zun\u00e4chst die Bestimmung des naiven Informationsverst\u00e4ndnisses, das im Sammeln von Informationen einen direkten Weg zur Wahrheit, Weisheit und Macht sieht. Hierher geh\u00f6rte das alte Versprechen des Internets, uns einen Zugang zu unbegrenztem Wissen zu gew\u00e4hren. Ein populistisches Informationsverst\u00e4ndnis begreift in dem Potenzial, Fakten zu verbreiten in erster Linie eine Umsetzung von Machtoptionen. Der Informationsfluss der Sp\u00e4tmoderne erm\u00f6glichte dabei die Massendemokratie und den Massentotalitarismus. Das komplexe Informationsverst\u00e4ndnis versteht den notwendigen Zusammenhang von Wahrheit und Ordnung, die die Macht jeder Weisheit relativiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Historiker erinnert daran, dass \u201eweil ihnen Ordnung wichtiger ist als Wahrheit, die menschlichen Informationsnetzwerke oft viel Macht, aber wenig Weisheit hervorgebracht haben\u201c. Die Information informiert nicht unbedingt \u00fcber die Dinge. Sie formiert sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Ziel der Steigerung der Nutzerbindung bevorzugen soziale Netzwerke vor allem negative Meldungen. Die Algorithmen fanden mittels Versuche an Millionen von Nutzern heraus, dass Emp\u00f6rung eben diese Bindung erzeugt. Die politischen Folgen dieser Firmenphilosophie sind fatal. Sie tr\u00e4gt dazu bei, ein neues Gesellschaftssystem zu schaffen, das die niedersten Instinkte f\u00f6rdert und uns davon abh\u00e4lt, das gesamte Spektrum unseres Potenzials auszusch\u00f6pfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Ebene dieser Gefahr ist es immerhin noch der Mensch selbst, der Programme schreibt und steuert, aber auch beendet. Noch k\u00f6nnen wir also aktiv eingreifen: Das Verbot von automatisierten Nutzern, die massenhaft fragw\u00fcrdige Informationen streuen, ist dabei eine logische und umsetzbare politische Forderung. Warum ist es zum Beispiel nicht m\u00f6glich, zu verlangen, dass nur reale Personen, mit entsprechender Verantwortlichkeit, ihre Meinungen in den Informationsstrom einflie\u00dfen lassen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die L\u00f6sung der Probleme, die aus der Anwendung von k\u00fcnstlicher Intelligenz entstehen, ist deutlich komplexer und besteht darin, dass alle M\u00f6glichkeiten der Selbstkorrektur dieser Systeme schwieriger werden. \u201eEin Informationsnetzwerk, das von anorganischen Computern beherrscht wird,\u201c schreibt Harari, \u201ew\u00e4re auf eine Weise anders, wie wir uns das kaum vorstellen k\u00f6nnen. Es sind weniger die autonom handelnden Roboter der Science-Fiction-Literatur, die uns hier Sorge machen sollten, sondern eher die subtile Verdr\u00e4ngung jeder menschlichen Eingriffsm\u00f6glichkeiten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Die k\u00fcnstliche Intelligenz er\u00f6ffnet zum Beispiel v\u00f6llig neue Dimensionen der \u00dcberwachung. In der Quantenmechanik ver\u00e4ndert der Akt der Beobachtung subatomarer Teilchen deren Verhalten, das Gleiche gilt f\u00fcr den Akt der Observation von Menschen. Je leistungsf\u00e4higer die Beobachtungsinstrumente sind, desto gr\u00f6\u00dfer ist ihre potenzielle Wirkung auf unsere Aktionen in einer \u2013 angeblich \u2013 freien Gesellschaft. Paradoxerweise ist f\u00fcr das \u00dcberleben der Demokratie eine gewisse Ineffizienz der \u00dcberwachung ein Vor- und kein Nachteil. Um die Freiheit des Einzelnen und die Privatsph\u00e4re zu sch\u00fctzen, ist es am besten, wenn weder die Politik noch mein Arbeitgeber alles \u00fcber mich wei\u00df. Unter den Bedingungen der M\u00f6glichkeiten von k\u00fcnstlicher Intelligenz wird diese Realit\u00e4t f\u00fcr B\u00fcrgerInnen in weite Ferne r\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine der gr\u00f6\u00dften Neuerungen, die sich aus der Anwendung der KI ergibt, ist ihre F\u00e4higkeit der Mustererkennung in der Analyse gigantischer Datenmengen. Viele Technologien und Systeme, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse an sich, werden so komplex, dass sie von einem Einzelnen nicht mehr verstanden werden. Schon heute entscheiden Computerprogramme \u00fcber die Kreditw\u00fcrdigkeit von Bankkunden, beeinflussen unsere Reiserouten, erfinden neue Finanzprodukte, bestimmen in den USA das Strafma\u00df von Verbrechern oder erm\u00f6glichen die Massen\u00fcberwachung des Verhaltens von Passanten mit Videokameras. Die Pointe ist dabei, dass die Anbieter (geschweige denn die Nutzer) dieser Intelligenz selbst nicht mehr erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, wie ihr Computer, der die verbindlichen Ergebnisse produziert, zu seinen Resultaten kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zweite Buch, dass wir hier kurz vorstellen wollen, besch\u00e4ftigt uns in erster Linie als Eltern und Gro\u00dfeltern. Jonathan Haidt zeigt in seiner Untersuchung &#8222;Generation Angst&#8220; die ganze Palette der psychologischen Probleme, von Depressionen bis zu Konzentrationsst\u00f6rungen, die das Leben junger Menschen erfasst hat. Das Erziehungsmodell der Moderne sieht er in einer grunds\u00e4tzlichen Krise. Auf der einen Seite werden Kinder und Jugendliche beh\u00fctet, mit dem Ziel sie von allen realen Gefahren und Risiken des Alltags zu sch\u00fctzen. Andererseits k\u00fcmmern wir uns zu wenig um die Abgr\u00fcnde der virtuellen Welt, auf die sie mithilfe ihrer Smartphones treffen. Diese \u201eparanoide Erziehung\u201c ist f\u00fcr den Autor eine Folge des Zusammenbruches der Solidarit\u00e4t unter Erwachsenen. Die Bildung unserer Kinder wird zunehmend eine Privatsache oder zur Staatsaufgabe. \u201eWenn aber Erwachsene sich heraushalten und einander nicht mehr bei der Kindeserziehung unterst\u00fctzen\u201c, schreibt Haidt, \u201esind alle Eltern auf sich allein gestellt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Erziehungsproblem ist f\u00fcr den Wissenschaftler eine solidarische Aufgabe, mit dem Ziel, den Einfluss der virtuellen Welt, insbesondere auf junge Menschen, zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Die langfristigen Gefahren der Transformation von Jugendlichen zu Nutzern und Konsumenten sind offensichtlich: \u201eSocial-Media Plattformen sind die effizientesten Konformit\u00e4tsmaschinen, die jemals erfunden wurden\u201c urteilt der Autor.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben konkreten Forderungen zum Schutz der Nutzer gegen\u00fcber den Netzwerkangeboten sieht er in der Ein\u00fcbung von Spiritualit\u00e4t ein echtes Gegengewicht. Entsprechende Lehren f\u00f6rdern eine Gegenwelt zu dem Erfahrungsraum sozialer Medien. Im Mittelpunkt dieser existentiellen Erfahrungen stehen weder die Angst oder ein permanenter Informationsfluss, sondern das Vertrauen. Die Vermittlung von Ehrfurcht bewirkt zum Beispiel neurophysiologische Ver\u00e4nderungen, einen geringeren Fokus auf das Selbst und ein gesteigertes Empfinden von Sinnhaftigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Arno Kleinebeckel beschreibt das grunds\u00e4tzliche Problem der &#8222;Generation Smartphone&#8220; auf Telepolis: \u201eIn den internetbasierten Parallelwelten wandelt sich die Conditio humana unserer Jugend auf be\u00e4ngstigende Weise. Die schillernde Utopie einer gigantischen Leere, das ist ihr neues Zuhause. Ein verpixeltes, de-realisiertes Zuhause, eines, das den Anschein von Sein erzeugt, aber in Wahrheit unsere Kinder zu Phantomen macht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Jonathan Haidt, Generation Angst: Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen, Rowohlt Verlag 2024<\/p>\n\n\n\n<p>Yuval Noah Harari, Nexus: Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur k\u00fcnstlichen Intelligenz, Penguin Verlag, 2024<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rolle der sozialen Medien in unserem Alltag und die M\u00f6glichkeiten der k\u00fcnstlichen Intelligenz besch\u00e4ftigen uns schon lange. Es ist tats\u00e4chlich interessant, inwieweit die Entwicklung dieser Innovationen k\u00fcnftig unser Reiseverhalten beeinflussen werden. 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