{"id":660,"date":"2024-10-22T17:28:08","date_gmt":"2024-10-22T15:28:08","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=660"},"modified":"2024-10-22T17:28:10","modified_gmt":"2024-10-22T15:28:10","slug":"tragisches-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/tragisches-ende\/","title":{"rendered":"Tragisches Ende"},"content":{"rendered":"<p>In Triest genie\u00dfen wir die Herbstsonne, flanieren durch die Stadt und besuchen die ber\u00fchmten Kaffeeh\u00e4user. Au\u00dferdem kn\u00fcpfen wir an die Thematik der italienischen Reise an und besuchen das Stadtmuseum der Antike J.J. Winckelmann.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater der Arch\u00e4ologie und Begr\u00fcnder der Kulturwissenschaft geh\u00f6rte zu den Helden Goethes. Der Schustersohn aus Stendal hatte es als erster Ausl\u00e4nder zum Pr\u00e4sidenten der Altert\u00fcmer zu Rom gebracht. Seine B\u00fccher dienten dem Dichter als kulturhistorischer Leitfaden auf seiner Reise, wie er mehrfach seinem Reisetagebuch erw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 28.1.1787 hei\u00dft es dort: \u201eDurch Winckelmann sind wir dingend aufgeregt, die Epochen zu sondern, den verschiedenen Stil zu erkennen, dessen sich die V\u00f6lker bedienten, den sie in Folge der Zeiten nach und nach ausgebildet und zuletzt wieder verbildet.\u201c Goethe fasste seine Erfahrung mit dem Werk Winckelmanns wie folgt zusammen: \u201eMan lernt nichts, wenn man ihn lieset, aber man wird etwas.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der herausragende Einfluss des Autodidakten auf die Weimarer Klassik verdeutlicht auch eine Bemerkung des Philologen Herder. Er sieht seine Bedeutung darin, \u201edie nat\u00fcrliche und sch\u00f6ngebildete Denkart der Griechen wieder lebendig gemacht zu haben &#8211; und das in deutscher Sprache!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ganze Generationen lernten, in der Auseinandersetzung mit den B\u00fcchern Winckelmanns, das Sch\u00f6ne zu sehen. Diese Bildung wollte die Empfindungskraft steigern, um selbst sch\u00f6n zu werden. Mit seiner poetischen Feder forderte er die Nachahmung der Alten (Griechen), weil nur aus ihrem Geist eine Neusch\u00f6pfung m\u00f6glich sei. Dabei soll \u201eNachahmung\u201c keinesfalls als Kopieren, sondern als Nacheifern verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kunst sollte mit allen Sinnen erlebt und dieses Erleben k\u00fcnstlerisch umgesetzt werden. \u201eSehen\u201c setzte Winckelmann mit Erkennen gleich. Voller Begeisterung beschrieb er das Bild seines Griechenlands: \u201eDas allgemeine vorz\u00fcgliche Kennzeichen der griechischen Meisterst\u00fccke ist endlich eine edle Einfalt und stille Gr\u00f6\u00dfe! So wie die Tiefe des Meeres allzeit ruhig bleibt, die Oberfl\u00e4che mag noch so w\u00fcten, ebenso zeigt der Ausdruck in den Figuren der Griechen bei allen Leidenschaften eine gro\u00dfe und gesetzte Seele.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Winckelmann sah seine Kunstgeschichte als Lehrbuch, sich selbst als den sprachlichen Mittler, insbesondere f\u00fcr deutsche Reisende. F\u00fcrst Franz von Anhalt-Dessau und seine Entourage hielten sich im Winter 1765\/1766 in Rom auf. Zweck der Studienreise war die Modernisierung und Versch\u00f6nerung ihres durch Krieg gebeutelten F\u00fcrstentums. Als Reisef\u00fchrer erschloss Winckelmann seinen G\u00e4sten vier Monate lang die kulturhistorischen Sehensw\u00fcrdigkeiten der Ewigen Stadt. Das W\u00f6rlitzer Schloss gilt heute als Gr\u00fcndungswerk des Fr\u00fchklassizismus in Deutschland, seine Ausstattung als Inbegriff des guten Geschmacks und winckelmannscher Kunstauffassung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem Winckelmann einige Jahre in Rom verbracht hatte, beschloss der inzwischen ber\u00fchmte Mann, am 10. April 1768, nach Deutschland zu reisen. Regenten, Gelehrte und K\u00fcnstler erwarteten ihn dort. Das Vorhaben endete in einem Fiasko. Schon in den Alpen wurde der Gelehrte immer schweigsamer. In Regensburg beteuerte Winckelmann, nicht anders zu k\u00f6nnen, als zur\u00fcckzureisen. Gegen\u00fcber F\u00fcrst Franz beklagte er, \u201ekein Mittel gegen die Schwermut zu wissen als den R\u00fcckweg nach Rom.\u201c Den Norden sah er nie wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine R\u00fcckreise nahm in Triest eine tragische Wendung. Wir besuchen das Hotel Duchi d\u00b4Aosta, wo er am 8. Juni von einer Zufallsbekanntschaft ermordet wurde. Der Mann, der sein Leben der Sch\u00f6nheit widmete, wurde hier Opfer von sinnloser Gewalt. Seine M\u00fcnzen und sein Bargeld wurden nicht gestohlen, auch die Werke Homers, die Winckelmann im Reisegep\u00e4ck hatte, blieben unversehrt zur\u00fcck. Der T\u00e4ter wurde schnell gefasst und zum Tode verurteilt. Der wegen seiner mysteri\u00f6sen Hintergr\u00fcnde r\u00e4tselhafte Fall ging in die Kriminalgeschichte ein. In Deutschland reagierte man ersch\u00fcttert. F\u00fcrst Franz schrieb seiner Frau: \u201eIch habe einen einzigen Freund verloren, du, einen Anbeter, der nicht zu ersetzen ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der lesenswerten Biografie von Klaus-Werner Haupt wird die Lebensleistung des Stendalers treffend zusammengefasst: \u201eWinkelmanns Beispiel beweist, dass ein Vorhaben nur mit Enthusiasmus zum Erfolg f\u00fchrt werden kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Klaus-Werner Haupt, Johann Winckelmann, Begr\u00fcnder der modernen Kulturwissenschaften, Weimarer Verlagsgesellschaft, 2018<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Triest genie\u00dfen wir die Herbstsonne, flanieren durch die Stadt und besuchen die ber\u00fchmten Kaffeeh\u00e4user. Au\u00dferdem kn\u00fcpfen wir an die Thematik der italienischen Reise an und besuchen das Stadtmuseum der Antike J.J. Winckelmann. 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