{"id":667,"date":"2024-11-03T19:04:36","date_gmt":"2024-11-03T18:04:36","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=667"},"modified":"2024-11-03T19:04:40","modified_gmt":"2024-11-03T18:04:40","slug":"sarajevo-und-seine-geschichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/sarajevo-und-seine-geschichten\/","title":{"rendered":"Sarajevo und seine Geschichten"},"content":{"rendered":"<p>\u201eMan k\u00f6nnte auf die Idee kommen, Sarajevo sei eine Stadt, die entstanden ist, damit die Narration irgendwo einen Heimatort findet\u201c schreibt der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan. Die Stadt ist ein Anziehungspunkt f\u00fcr all diejenigen, die ihre Geschichten aufschreiben, verstehen und lesen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kleinen Buchladen entdecken wir ein Werk von Enes Karic in deutscher \u00dcbersetzung: \u201eLieder wilder V\u00f6gel\u201c. Das Buch \u00fcber die Rolle der Macht, der Liebe und des Glaubens ist historisch im Balkan des 16. Jahrhunderts angesiedelt und ist gleichzeitig eine Aktualisierung religi\u00f6ser und philosophischer Fragen. Die Protagonisten des Romans sind Religionsgelehrte, Philosophen, Machthaber und H\u00e4ndler, die Handlung eingebettet in eine Beschreibung der Atmosph\u00e4re dieser Zeit. In der Nacht lesen wir in dem Buch und verstehen die diversen Wurzeln des Geisteslebens dieses Landes besser.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Morgen besuchen wir das Literaturmuseum in der Stadt, lesen die Biografien von M\u00e4nnern und Frauen, deren Namen fremd klingen. Einige sind vergessen, andere wie der Nobelpreistr\u00e4ger Ivo Andri\u0107 ber\u00fchmt geworden. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft und schreiben aus unz\u00e4hligen Perspektiven, woran sie geglaubt oder nicht geglaubt haben. So bringen die Autoren, die Christen, Juden, Muslime und Atheisten sind, eine geistige Welt hervor, die die Geschichte Sarajevos begleitet. Die vielen Baudenkm\u00e4ler der Osmanen, der \u00d6sterreicher und des kommunistischen Jugoslawiens spiegeln die Geistesgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Abends, wenn wir aus der Altstadt hoch hinauf in die Berge in unser Camp fahren, benutzen wir ein Taxi. Die Gilde hat sich abgesprochen, es gilt ein Einheitspreis, der nicht zu verhandeln ist. Die Fahrt lohnt sich f\u00fcr beide Seiten. Auf der Strecke entwickeln sich Gespr\u00e4che \u00fcber Land und Leute. Wir begegnen einer freundlichen Taxifahrerin, die sehr gut Deutsch spricht. Als junge Frau, w\u00e4hrend des Krieges in den 90er, lebte sie zwei Jahre in Deutschland und kehrte sp\u00e4ter zur\u00fcck. Es war eine harte Zeit, seufzt sie. \u201eIch hatte Heimweh und Angst um meine Eltern, die weiter in Sarajevo wohnten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fragen sie, ob sie es f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, dass sich die schrecklichen Ereignisse eines Tages wiederholen k\u00f6nnten. \u201eJa, ich glaube das. Wir alle glauben das\u201c, antwortet sie, mit einem gequ\u00e4lten L\u00e4cheln, das ein Achselzucken begleitet. In ihrem Ausdruck spiegeln sich Sorge und Schicksalsergebenheit. Wir sprechen \u00fcber ihre \u00f6konomische Lage. Sie beklagt sich, dass ihre gut ausgebildeten Kinder kaum Arbeit finden. Wir verstehen ihren Unmut. Welche Mutter hat schon gerne, dass ihre Lieben wegen der mangelnden Perspektiven die Heimat verlassen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie deutet etwas an, das wir in Gespr\u00e4chen mit Slowenen, Kroaten und Bosniaken \u00f6fters h\u00f6ren: \u201eIn Jugoslawien waren die Verh\u00e4ltnisse bescheiden, aber immerhin gab es keine so extremen sozialen Unterschiede.\u201c Wir glauben nicht, dass sich hier eine Nostalgie ausdr\u00fcckt, oder gar eine Sehnsucht nach der R\u00fcckkehr des Kommunismus. Die Botschaft ist einfacher: Es gibt in dieser Region nicht nur Gewinner, sondern auch Armut und Zukunfts\u00e4ngste. Leider sind diese Ph\u00e4nomene &#8211; und nicht nur in Bosnien &#8211; der N\u00e4hrboden f\u00fcr politische Unruhestifter. Wir verabschieden uns herzlich von der Frau und das Gespr\u00e4ch entfaltet seine Wirkung.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen besuchen wir die Markthalle in Sarajevo. Hier sitzen Frauen vor ihren St\u00e4nden mit Obst und Gem\u00fcse und wirken gelangweilt. Die Gesch\u00e4fte scheinen schleppend zu laufen. In der Ecke des Marktes sehen wir die Spuren des Einschlages einer Granate. Die Stadt wurde vier Jahre lang von allen Seiten beschossen. Am 5. Februar 1994 starben hier viele Menschen. Wie bei jedem Krieg kann man sich als Au\u00dfenstehender nicht vorstellen, was eine Belagerung \u00fcber so lange Zeit und das Leben in st\u00e4ndiger Todesgefahr bedeutet.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute gibt es wieder Gr\u00fcnde f\u00fcr einen Optimismus. Das Land ist im Aufbruch, entwickelt sich: In vielen St\u00e4dten in Bosnien sieht man Neubauten, moderne Gesch\u00e4ftsh\u00e4user und neue Stra\u00dfen. Trotz des pulsierenden Lebens entdeckt man die Narben vergangener Tage an den alten H\u00e4usern. Man lernt hier, dass der Frieden etwas Wertvolles ist und dass man die Zeit nutzen muss, um Br\u00fccken zu schlagen zu den gutwilligen Anderen, ihre Kultur und Religion ebenso achten sollte, wie die eigene.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist die Besonderheit dieses Ortes? Dzevad Karahasan schreibt \u00fcber seine Heimatstadt: \u201eIn Sarajevo ist die kulturelle Identit\u00e4t (\u2026) unverbr\u00fcchlich mit einer Art sozialen Unbehagens verbunden, weil der soziale Kontext des Menschen in Sarajevo st\u00e4ndig daran erinnert, dass die Welt voll von andersartigen Leuten ist, dass sein Glaube nur einer von vielen ist, dass er und alles Seine nur eine von unz\u00e4hligen M\u00f6glichkeiten im Ozean der g\u00f6ttlichen Allmacht sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den bosnischen Schriftsteller h\u00e4ngt es vom Charakter und Erleben des Menschen ab, ob er in dieser Situation eine Chance, eine Verpflichtung zum gegenseitigen Kennenlernen oder eine Gefahr sieht. Die Existenz von Moscheen, Synagogen und Kirchen in Bosnien erz\u00e4hlen von einer Tradition: die Kunst des Zusammenlebens auf engstem Raum. Ein Projekt, das &#8211; wie die Geschichte zeigt &#8211; gelingen oder scheitern kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Eines Karic, Lieder wilder V\u00f6gel, Schiler Verlag, Berlin, 2015 Dzevad Karahasan, Die Schatten der St\u00e4dte, Essays, Insel Verlag, Berlin, 2010<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMan k\u00f6nnte auf die Idee kommen, Sarajevo sei eine Stadt, die entstanden ist, damit die Narration irgendwo einen Heimatort findet\u201c schreibt der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan. 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