{"id":670,"date":"2024-11-07T17:33:14","date_gmt":"2024-11-07T16:33:14","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=670"},"modified":"2024-11-07T17:33:17","modified_gmt":"2024-11-07T16:33:17","slug":"poetischer-widerhall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/poetischer-widerhall\/","title":{"rendered":"Poetischer Widerhall"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fahrt von Bosnien, durch Montenegro bis an die albanische Grenze geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten Strecken in Europa. Weil alle lokalen Campingpl\u00e4tze geschlossen sind, stehen wir einfach am Sandstrand von Ulcinj. Ganz im S\u00fcden von Montenegro sehen wir in der Ferne die albanischen Berge. Die Stadt geh\u00f6rt zu den ungeplanten Entdeckungen auf unserer Reise, denn hier findet sich neben dem Tourismus, von dem die Region lebt, origin\u00e4res Leben. Vor dem Markt verkaufen die Fischer ihre Waren. Es gibt eine Auswahl h\u00fcbscher Caf\u00e9s, in dem die Einheimischen in die Morgensonne blinzeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir kommen ins Gespr\u00e4ch mit einem freundlichen, \u00e4lteren Herrn, der, wie er uns erz\u00e4hlt, in Kassel lebt. Er ist Rentner und hat 55 Jahre in einer Autofabrik gearbeitet. Wir fragen ihn, ob ihn das Heimweh nach Ulcinj gef\u00fchrt hat. \u201eNein\u201e erwidert er entgeistert, &#8220;seine Heimat sei doch Deutschland\u201c. Hier kenne er kaum noch jemanden, seine alten Bekannten seien fast alle tot. Er bleibe hier nur einige Wochen im Jahr, denn seine Frau vermisse nach kurze Zeit ihre Enkelkinder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns gef\u00e4llt es hier ausgesprochen gut, der Ort hat etwas, was wir einen poetischen Widerhall nennen w\u00fcrde. Am Hafen besuchen wir die Moschee der Seeleute. Fr\u00fcher war Ulcinj ein gef\u00fcrchtetes Piratennest, algerische Piraten unterst\u00fctzten die Osmanen in der Seeschlacht von Lepanto und durften als Gegenleistung in der Region siedeln. Cervantes, der ber\u00fchmte Autor des \u201eDon Quijote\u201c soll hierher einige Jahre als Sklave verschleppt worden sein. Auf dem Weg zur Burg \u00fcber der Stadt mit ihrer Kirchenmoschee entdecken wir ein Denkmal f\u00fcr den gro\u00dfen Schriftsteller.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Burgberg zeugt von der wechselhaften Geschichte der Region, deren Urspr\u00fcnge weit, bis in die illyrische Zeit zur\u00fcckreichen. Den Grundstein f\u00fcr die Zitadelle legten die Illyrern vor \u00fcber 2000 Jahren. Jetzt im November streifen wir einsam durch die alten Mauen. In einem Turm werden Fotografien ausgestellt, die das Leben der Menschen seit der Mitte des 19. Jahrhundert wieder spiegeln. Die Schwarz-Wei\u00df Bilder wirken wie Felsen, die sich gegen den Strom der Zeit stellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind so beeindruckt von den Szenen, dass wir unsere Reiseroute \u00e4ndern und das Fotografie-Museum im albanischen Shkodra besuchen. Kann man die Zeit einfangen? Petro Marubi, ein italienischer Maler, und zwei seiner Sch\u00fcler haben es versucht. Marubi hat 1858 das erste Bild aus Albanien ver\u00f6ffentlicht &#8211; eine Sensation, denn vielen Europ\u00e4ern war das Land v\u00f6llig unbekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Sammlung, mit ihren hunderttausenden Bildern, musste die Familie 1950 dem albanischen Staat \u00fcbergeben. In dem Museum besichtigen wir eine Auswahl ihrer Werke, die politische Geschichten, das kulturelle Leben und den Alltag der Leute beschreibt. Ihre Posen k\u00fcnden von Stolz, von Sieg und Niederlagen in einer dramatischen Phase der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Uns fasziniert eine Aufnahme, deren Stimmung an Franz Kafka erinnert. Vor einer verschlossenen T\u00fcr, es scheint ein Warteraum sein, sitzen eine Gruppe von Menschen, die auf etwas zu warten scheinen. Mit ernstem Ausdruck ist ihr Blick auf den unsichtbaren Fotografen zugewandt, der ihre vereinzelten Schicksale nun in einer Gesamtschau vereint. Der Beginn einer neuen Zeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fahrt von Bosnien, durch Montenegro bis an die albanische Grenze geh\u00f6rt zu den sch\u00f6nsten Strecken in Europa. Weil alle lokalen Campingpl\u00e4tze geschlossen sind, stehen wir einfach am Sandstrand von Ulcinj. 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