{"id":673,"date":"2024-11-10T19:16:45","date_gmt":"2024-11-10T18:16:45","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=673"},"modified":"2024-11-10T19:16:47","modified_gmt":"2024-11-10T18:16:47","slug":"besuch-in-tirana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/besuch-in-tirana\/","title":{"rendered":"Besuch in Tirana"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer kleineren Odyssee mit dem Hausschuh durch die Stra\u00dfen Tiranas enden wir in einem Hotelhof am Rand der Stadt. Der Bus in das Zentrum ben\u00f6tigt bei dichtem Verkehr beinahe eine Stunde. Dann endlich flanieren wir durch die Hauptstadt Albaniens und genie\u00dfen das mediterrane Flair. Gef\u00fchlt gibt es hier die weltgr\u00f6\u00dfte Dichte an Restaurants und Caf\u00e9s. Autos brausen durch die Stra\u00dfen und \u00fcberall sp\u00fcren wir das pulsierende Leben. Tirana ist nicht unbedingt eine sch\u00f6ne Stadt, aber dennoch ein Besuch wert, wenn man die Hintergr\u00fcnde Albaniens verstehen will.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem Skanderbegplatz bietet sich die bewegte Geschichte des Landes als eine Rundumschau an. An der Fassade des Nationalhistorischen Museums erz\u00e4hlt ein riesiges Wandmosaik von den Idealen des sozialistischen Realismus. Dargestellt werden typische Figuren &#8211; Frauen, Arbeiter und K\u00e4mpfer &#8211; die mit wehenden Fahnen den Weg in das moderne Albanien beschreiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben dem Skanderbeg-Denkmal hat sich eine kleine Moschee gehalten, erstaunlich, denkt man an die kommunistische Geschichte der Stadt. Der Sakralbau ist ein Symbol f\u00fcr die Wiederbelebung der religi\u00f6sen Traditionen. Leben und leben lassen ist heute das Motto der Albaner, die das friedliche Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen und Religionen sch\u00e4tzen. W\u00e4hrend wir \u00fcber den Platz laufen, probt eine Rockband f\u00fcr ihren Auftritt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir besuchen das nahegelegene Bunker-Art-Museum. In der atombombensicheren Anlage, ein Gang verband es mit dem Innenministerium, wird die abgr\u00fcndige, kommunistische Geschichte der Jahre 1944-1990 aufgearbeitet. Die Stimmung in diesen Katakomben ist bedr\u00fcckend. Jugoslawien, das stalinistische Russland und China hie\u00dfen die Partner des Diktators Enver Hoxha, bis er schlie\u00dflich das Land in die totale Isolation f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Polizei und Geheimdienst schufen nicht nur undurchdringliche Grenzen, sondern ebenso einen perfekten \u00dcberwachungsstaat. Die Fotokunst, deren Entstehen wir noch neulich im Murabi-Museum in Shkodra bewunderten, mutiert hier zu einer obsessiv eingesetzten \u00dcberwachungstechnik. Tausende fielen dieser Politik zum Opfer oder verbrachten Jahrzehnte in dunklen Lagern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hoxha, Sohn eines Religionsgelehrten, schuf 1967 den ersten atheistischen Staat auf dem Globus. Entsprechend der ber\u00fchmten Aussage Dostoyewski\u00b4s, war in einer Welt ohne Gott dem Machthaber selbst alles erlaubt. Moscheen, Kirchen und Synagogen verloren ihre Bedeutung, Priester und Imame wurden verfolgt oder ermordet. 1976 hie\u00df es im Artikel 37 der Verfassung: \u201eDer Staat erkennt keine Religion an, unterst\u00fctzt atheistische Propaganda, um eine wissenschaftliche, materialistische Weltanschauung in den Menschen zu begr\u00fcnden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr Jahrzehnte war politischer Widerstand und jede Opposition undenkbar. Bis in das Jahr 1991 gab es in dem Land keinerlei Demonstrationen, bis schlie\u00dflich eine w\u00fctende, verarmte Zivilgesellschaft das Denkmal des 1985 verstorbenen Diktators umst\u00fcrzte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Museum schlie\u00dft in einem Raum, der sich mit erkenntnistheoretischen Fragen besch\u00e4ftigt, mit Manipulationen, optischen T\u00e4uschungen und vorschnellen Feind-Markierungen. Die Albaner sind sich der Schattenseiten von Ideologien und dem Wesen \u00fcbergriffiger Staaten bewusst. Erfahrungen, die f\u00fcr ihre Zukunft in Europa wichtig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur\u00fcck auf dem gro\u00dfen Platz entdecken wir neben der Oper ein h\u00fcbsches Caf\u00e9 und &#8211; direkt daneben \u2013 einen internationalen Buchladen. Es gibt drei deutsche B\u00fccher: Goethes Faust, Stefan Zweigs Schachnovelle und &#8211; wir sind begeistert &#8211; \u201eDie Erweiterung\u201c von Robert Menasse. Der \u00f6sterreichische Schriftsteller besch\u00e4ftigt sich mit seinem an der Wirklichkeit angelehnten Roman mit der Zukunft Albaniens. Er versteht nicht, dass die Aufnahme des Landes in die Europ\u00e4ische Union, obwohl die Albaner in gro\u00dfer Mehrheit bekennende Europ\u00e4er sind, nur schleppend vorankommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einem Capuccino lesen wir gespannt einige Passagen in dem Buch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Berater des albanischen Ministerpr\u00e4sidenten r\u00e4t zu Beginn des Buches dem Politiker zu einer Finte. Er soll alternative Optionen f\u00fcr das Land ins Spiel bringen, um die europ\u00e4ischen Regierungen zu einer schnelleren Aufnahme zu bewegen. Zur Wahl steht ein Nationalismus, der ein Gro\u00dfalbanien anstrebt oder eine \u00f6konomische Anlehnung an China. Beide Ideen w\u00e4ren f\u00fcr Europa mit gro\u00dfen Risiken verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Menasse erw\u00e4hnt &#8211; ausgesprochen durch den polnischen Ministerpr\u00e4sidenten &#8211; einige der gel\u00e4ufigen Bedenken gegen die Aufnahme Albaniens: \u201eWir wollen keinen muslimischen Staat in der EU!\u201c \u201eDer Markt ist zu klein!\u201c \u201eMafi\u00f6se Seilschaften wirken hinter den Kulissen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch ist eine ideale Einf\u00fchrung, um die Geschichte und die aktuelle politische Lage Albaniens einzuordnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wohin steuert dieses sympathische Land und wie sichert man langfristig den bescheidenen Wohlstand, der sich nach den Jahren der Isolation entwickelt hat? Die Idee, dass Albanien eines Tages Teil eines Europas der Regionen wird, ist eine friedliche Option und h\u00f6rt sich f\u00fcr viele junge Leute hier vielversprechend an. Sicher werden die Albaner nicht f\u00fcr eine Wiederkehr irgendeiner Ideologie optieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Albanien geh\u00f6rt zu Europa. F\u00fcr die Balkanpolitik gilt daher der alte Grundsatz: Wer zu sp\u00e4t kommt, bestraft das Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Robert Menasse, Die Erweiterung, Suhrkamp Verlag, Berlin 2022<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer kleineren Odyssee mit dem Hausschuh durch die Stra\u00dfen Tiranas enden wir in einem Hotelhof am Rand der Stadt. Der Bus in das Zentrum ben\u00f6tigt bei dichtem Verkehr beinahe eine Stunde. 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