{"id":677,"date":"2024-11-16T15:15:48","date_gmt":"2024-11-16T14:15:48","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=677"},"modified":"2024-11-16T15:17:01","modified_gmt":"2024-11-16T14:17:01","slug":"stadt-der-steine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/stadt-der-steine\/","title":{"rendered":"Stadt der Steine"},"content":{"rendered":"<p>Den Hausschuh parken wir in Gjirokaster auf einem ausgewiesenen Campingplatz, der eher wie ein gro\u00dfer Parkplatz wirkt. Hinauf in die Altstadt fahren wir mit einem jungen, dynamischen Taxifahrer. Auf der rasanten Fahrt frage ich ihn, ob an diesem Ort mehr Muslime oder Christen leben. Der junge Mann schaut mich \u00fcberrascht an: \u201eDas wei\u00df ich nicht genau!\u201c Man achte hier mehr auf das allgemeine Verhalten der Leute, welchem Glauben sie angeh\u00f6ren sei dabei nebens\u00e4chlich. Er erz\u00e4hlt, dass in den letzten Jahren viele junge Menschen das Land verlassen haben, dies aber f\u00fcr ihn nicht infrage komme. &#8222;Wir haben unseren Spa\u00df hier, deutet er an&#8220; und schlie\u00dft seine Ausf\u00fchrungen mit dem Schlusssatz ab, dass, wenn die Albaner sich \u00e4hnlich anstrengen w\u00fcrden, wie die Deutschen oder Schweizer, das Land eine gro\u00dfe Zukunft habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind am Rande des alten Basars angekommen und laufen die steilen Gassen, vorbei an kleinen L\u00e4den, hinauf zur Zitadelle. Hier bietet sich eine spektakul\u00e4re Sicht auf die &#8222;Stadt der Steine&#8220; und das Drin-Tal. In den Bergen verbergen sich zahlreiche Kl\u00f6ster und Tekken. In der Abgeschiedenheit fanden Gl\u00e4ubige \u00fcber die Jahrhunderte spirituelle Erf\u00fcllung oder &#8211; je nach Lage &#8211; auch Sicherheit. Bei unserem Rundgang in der Herbstsonne fallen uns dunkle Keller auf. \u00dcber viele Jahrzehnte gab es auf der Burg Gef\u00e4ngnisse, die, zwischen 1932 -1971, von Italienern, Griechen, Deutschen und Kommunisten betrieben worden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Rand der Altstadt besuchen wir das Geburtshaus des bekanntesten albanischen Schriftstellers: Ismail Kadare. Das Museum ist seinem literarischen Denkmal von Gjirokaster, Chronik in Stein, gewidmet. Er schreibt: &#8222;Es war dies wirklich eine sehr seltsame Stadt. Man konnte auf einer Stra\u00dfe gehen und, wenn man wollte, den Arm ein wenig ausstrecken, um seine M\u00fctze \u00fcber die Spitze eines Minaretts zu st\u00fclpen. Vieles war schwer zu glauben, und vieles war wie ein Traum.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Kadare wurde mehrfach f\u00fcr den Nobelpreis vorgeschlagen. Seine Rolle in der kommunistischen Zeit des Landes war schwierig. Die Machtverh\u00e4ltnisse erlaubten nur indirekte Kritik an der totalit\u00e4ren Herrschaft. 1981 ver\u00f6ffentlichte er unter anderen den Roman &#8222;Der Palast der Tr\u00e4ume&#8220;, eine Parabel \u00fcber einen diktatorischen Staat, der die Tr\u00e4ume seiner Untertanen \u00fcberwacht und interpretiert, um so potenzielle Verschw\u00f6rungen gegen sich aufzudecken. Er wurde nach Erscheinen verboten. Das internationale Renommee sch\u00fctzte den Autor immer wieder vor Verfolgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Kadare lebte nach dem Fall des Kommunismus einige Zeit in Frankreich. 2006 ver\u00f6ffentlichte er einen Text, in dem der Schriftsteller versucht, die albanische Mentalit\u00e4t mit dem Christentum zu verkn\u00fcpfen. Aus dieser Stellungnahme entwickelte sich eine Debatte um die kulturelle Identit\u00e4t der Albaner und die Frage, an welchem Ankn\u00fcpfungspunkt der Geschichte die eigentlichen Wurzeln des Landes liegen. Jenseits dieser akademischen Frage, hofft die Mehrheit aller Menschen auf eine Zukunft in der Europ\u00e4ische Union. Dass es verschiedene Konfessionen im Land gibt, die respektvoll miteinander umgehen, ist dabei unstrittig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg in die Innenstadt besuchen wir eines der gro\u00dfen B\u00fcrgerh\u00e4user, das um 1700 erbaute Skenduli Haus. Die feine osmanische Architektur, die Konzeption der Wohnr\u00e4ume und B\u00e4der, schaffen eine einmalige Atmosph\u00e4re. Und: Im Hausgang staunen wir bei unserer Besichtigung \u00fcber ein Bild der R\u00fcgenfelsen, eine Kopie von Caspar David Friedrich. Der Hauseigent\u00fcmer wurde 1981 von einem anderen Sohn der Stadt enteignet: Enver Hoxha. Entsprechend seiner anti-religi\u00f6sen Kulturrevolution wurden viele religi\u00f6se Geb\u00e4ude der Stadt vernichtet. Der osmanische Charakter der Stadt blieb dennoch bestehen und ist bis heute offensichtlich Teil des Erbes dieses Landes.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir genie\u00dfen zum Abschluss unseres Rundgangs die Atmosph\u00e4re in einem Caf\u00e9, das die Sonne in ein eigent\u00fcmliches Licht taucht. Die moderate Preisgestaltung in dem Lokal unterst\u00fctzt die soziale Funktion dieses Treffpunktes. Es herrscht ein buntes Treiben. Hier sitzen alte, gut gekleidete M\u00e4nner unter den B\u00e4umen und unterhalten sich. Ihre Gesichter sind \u00e4hnlich zerfurcht, wie die Felsen der Umgebung, sie spiegeln die Chronik der Zeit.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Hausschuh parken wir in Gjirokaster auf einem ausgewiesenen Campingplatz, der eher wie ein gro\u00dfer Parkplatz wirkt. Hinauf in die Altstadt fahren wir mit einem jungen, dynamischen Taxifahrer. 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