{"id":680,"date":"2024-11-21T18:32:36","date_gmt":"2024-11-21T17:32:36","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=680"},"modified":"2024-11-21T18:32:39","modified_gmt":"2024-11-21T17:32:39","slug":"olympischer-geist-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/olympischer-geist-2\/","title":{"rendered":"Olympischer Geist ?"},"content":{"rendered":"<p>Im griechischen Olympia gibt es in der touristisch gepr\u00e4gten Hauptstra\u00dfe einen Buchladen. Unter den Kl\u00e4ngen einer Sinfonie von Beethoven st\u00f6bern wir in der Abteilung f\u00fcr englische und deutsche B\u00fccher, bis uns der Eigent\u00fcmer entdeckt. Wir kommen ins Gespr\u00e4ch und wir erz\u00e4hlen ihm von unserer Reise. \u201eReisen!\u201c, seufzt er und zuckt mit den Achsen, \u201eist eine Bewegung, von der ich lebe, aber ich erwarte davon nichts mehr. Zu viele Leute sind heutzutage unterwegs, um zu erfahren, dass alle gleich sind!\u201c Wir kaufen ein Buch bei ihm und bezahlen. Zum Abschied dr\u00fcckt der Buchh\u00e4ndler uns einen deutschen Text, mit dem Titel \u201edie Monotonisierung der Welt\u201c, in die Hand und wendet sich dann wieder seiner Wirklichkeit zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9 lesen wir das uns \u00fcberlassene Dokument aus dem Jahr 1925, geschrieben vom \u00f6sterreichischen Schriftsteller Stefan Zweig. Vor beinahe hundert Jahren beklagte er, trotz aller Begl\u00fcckung des Reisens an sich, ein leises Grauen vor der Monotonisierung der Welt. \u201eAlles wird gleichf\u00f6rmiger in den \u00e4u\u00dferen Lebensformen, alles nivelliert sich auf ein einheitliches kulturelles Schema. (\u2026) Immer mehr scheinen die L\u00e4nder gleichsam ineinander geschoben, die Menschen nach einem Schema t\u00e4tig und lebendig, immer mehr St\u00e4dte einander \u00e4u\u00dferlich \u00e4hnlich.\u201c Er fragte sich nach dem Ursprung der Welle, die alles Farbige, alles Eigenf\u00f6rmige aus dem Leben wegzuschwemmen droht.<\/p>\n\n\n\n<p>Stefan Zweig war ein gro\u00dfer Schriftsteller mit einem tragischen Schicksal, aber der Grundaussage des Textes &#8211; die wahrscheinlich auch den Buchh\u00e4ndler \u00fcberzeugte, stimmen wir nicht zu. Auf unserer Reise durch Kroatien, Bosnien, Montenegro, Albanien und Griechenland lernten wir zu unterschiedliche Regionen kennen, die aus vielen Gr\u00fcnden auch gro\u00dfe Unterschiede &#8211; im Kulturellen, Religi\u00f6sen und Politischen &#8211; aufweisen. Dabei ist uns nat\u00fcrlich nicht entgangen, dass die Gewohnheiten des Konsums, des Tourismus und die Rolle der Smartphones sich an vielen Orten gleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Olympia ist vermutlich einer der H\u00f6hepunkte jeder Griechenlandreise. Im November wandern wir unter der Herbstsonne einsam durch die Anlagen. Und ja, man sp\u00fcrt den Geist vergangener Tage. Wir fragen uns, was f\u00fcr ein Menschentypus die Griechen waren, die hier in Harmonie mit ihren G\u00f6ttern lebten. Die Geschichte der Spiele wird auf das Jahr 776 vor Christus datiert. Mitte des 5. Jahrhunderts bot das Stadion 45.000 Zuschauer Platz. Legend\u00e4r ist bis heute der heldenhafte Status der Sieger der verschiedenen Wettbewerbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Jahr standen wir in Lausanne am olympischen Feuer vor dem Denkmal des franz\u00f6sischen P\u00e4dagogen, Historiker und Sportfunktion\u00e4r Pierre de Coubertin (1863-1937). Er war \u00fcberzeugt, dass in der Erziehung neue Wege unerl\u00e4sslich seien und die sportliche Ausbildung den ganzen Menschen in der Einheit von K\u00f6rper, Geist und Seele erfassen soll. Sein Credo: \u201eDas Wichtigste im Leben ist nicht der Sieg, sondern der Kampf, das Wesentliche ist nicht, gewonnen zu haben, sondern gut gek\u00e4mpft zu haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Eindruck der Ausgrabungen in Olympia trat er f\u00fcr die Wiederbelebung des Ereignisses ein und gr\u00fcndete 1894 das Internationale Olympische Komitee. N\u00f6tig war zun\u00e4chst ein Gestaltwandel: Die alten Griechen hatten kein Konzept von \u201eSport\u201c, der Wettkampf diente urspr\u00fcnglich der k\u00f6rperlichen Ert\u00fcchtigung der Soldaten und dem Lob der G\u00f6tter. Die Sieger erhielten einen Olivenzweig als Symbol des Respektes und der Anerkennung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die moderne olympische Idee widersetzte sich nationalen Egoismen und trug zum Frieden und zur internationalen Verst\u00e4ndigung bei. Dass diese Mission nicht einfach war, zeigte sich an der Vergabe der Veranstaltung in den 30er Jahren. Von einem franz\u00f6sischen Journalisten gefragt, warum er die Berliner Nazi-Spiele unterst\u00fctze, antwortete Coubertin, das Wichtigste sei, dass sie grandios gefeiert w\u00fcrden. Dabei sei es egal, ob man sie als Tourismuswerbung f\u00fcr S\u00fcdkalifornien wie 1932 oder als Werbung f\u00fcr ein politisches System wie 1936 verwende. In den letzten Jahrzehnten ist es vor allem die Kommerzialisierung der Spiele, die die Idee ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende verwandelte den Sport zum modernen Massenph\u00e4nomen. Die geistigen Hintergr\u00fcnde der K\u00f6rperert\u00fcchtigung nehmen einen prominenten Platz in Peter Sloterdijks Buch \u201eDu musst Dein Leben\u201c \u00e4ndern ein. Der Philosoph zeichnet die Entwicklungsgeschichte der Spiele im Licht ihres antiken und religi\u00f6sen Vorbildes nach. Er schreibt \u00fcber die profane Realit\u00e4t des Sportes in der Moderne, zwischen Selbstoptimierung, Kommerz und Massenmobilisierung. Sein Fazit: \u201eDie olympische Idee hat nur als s\u00e4kularer Kult ohne ernstgemeinten \u00dcberbau \u00fcberleben k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der athletische Imperativ, der das ganze 20. Jahrhundert durchhallt, ist f\u00fcr den Philosophen von gro\u00dfer allt\u00e4glicher Bedeutung: \u201e\u00dcberall, wo dieser Imperativ vernommen wird, sind wir kulturell auf der richtigen Seite, weil wir dann im griechischen Raum bleiben, in dem der Sport als eine Angelegenheit der Sch\u00f6nheit betrieben wird.\u201c Nur, wer denkt im Fitnessstudio oder auf der Laufstrecke \u00fcber den antiken Ursprung unserer K\u00f6rper-Ideale nach?<\/p>\n\n\n\n<p>Im Museum in Olympia, das die Geschichte der St\u00e4tten erz\u00e4hlt, l\u00e4sst sich schon in der alten Zeit ein Gestaltwandel ablesen. Im Ursprung gab es keine Dialektik zwischen dem Heiligen und dem Profanen und &#8211; in der Logik der allgegenw\u00e4rtigen G\u00f6tter &#8211; existierte ein s\u00e4kularer Raum nicht. Im weiteren Verlauf, etwa im 4. Jahrhundert vor Christus, beobachtet man in den olympischen Anlagen den Beginn einer immer klareren Trennung zwischen den Tempeln und den Sportst\u00e4tten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im griechischen Olympia gibt es in der touristisch gepr\u00e4gten Hauptstra\u00dfe einen Buchladen. Unter den Kl\u00e4ngen einer Sinfonie von Beethoven st\u00f6bern wir in der Abteilung f\u00fcr englische und deutsche B\u00fccher, bis uns der Eigent\u00fcmer entdeckt. 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