{"id":684,"date":"2024-11-29T14:46:15","date_gmt":"2024-11-29T13:46:15","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=684"},"modified":"2024-11-29T14:46:17","modified_gmt":"2024-11-29T13:46:17","slug":"die-flucht-der-goetter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-flucht-der-goetter\/","title":{"rendered":"Die Flucht der G\u00f6tter"},"content":{"rendered":"<p>Goethes italienische Reise war von einer tiefen Griechenlandsehnsucht und der Suche nach den antiken Idealen gepr\u00e4gt. F\u00fcr ihn geh\u00f6rte die Sch\u00f6nheit, ein Urph\u00e4nomen, zur g\u00f6ttlichen Wahrheit. Die himmlischen und irdischen Dinge, schreibt Goethe an Jacobi, seien so ein weites Reich, dass die Organe aller Wesen sie nur zusammen erfassen. Schlie\u00dflich fand er in Sizilien sein Arkadien. Griechenland dagegen betrat er nie. Goethe war klar, dass eine R\u00fcckkehr in die griechische G\u00f6tterwelt unm\u00f6glich war, es blieb ihm alleine eine Aktualisierung der antiken Ideale. In seiner gr\u00f6\u00dften Dichtung tr\u00e4umt Faust nur von der Mythologie der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei unseren Besichtigungen in Olympia, Asini und Mykene stellen wir uns immer wieder die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Dichtung und Wahrheit. Eine Relation, die in die Urspr\u00fcnge der Philosophie f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leser der Ilias und der Odyssee wissen, dass sich hier nichts ereignet, nichts gelingt oder misslingt, ja kein bedeutender Gedanke, kein Entschluss gefasst wird ohne g\u00f6ttlichen Zugriff. Unsere Vorstellung der Allgegenwart des G\u00f6ttlichen in dieser Zeit ist bis heute von Homer bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das religi\u00f6se Verst\u00e4ndnis der Griechen hat Widerspruch provoziert. In Olympia vermittelte zum Beispiel ein Bild des Zeus h\u00f6here Sph\u00e4ren. Eine Vorstellung, die den monotheistischen Glaubenslehren heute fremd ist. Goethe war diesem Ph\u00e4nomen der Verbildlichung gegen\u00fcber eher milde gestimmt und erkannte den eigentlichen Sinn dahinter. \u201eDer Gott war zum Mensch geworden, um den Menschen zum Gott zu erheben\u201c kommentierte er. Metaphern, Narrative und Gleichnisse dienten dem Aufstieg in die Welt des Unaussprechlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute lesenswert zu diesem Thema ist ein vergessenes Buch von Walter F Otto: Theophania. Er sieht kein Widerspruch in der scheinbaren Vielg\u00f6tterei der Griechen zum Monotheismus der gro\u00dfen Religionen. Am Ende sei es ja Zeus, argumentiert er, der \u00fcber alle Geschicke entscheide. Vehement verteidigt er Homer gegen den Verdacht das bunte Treiben der G\u00f6tter erfunden zu haben. F\u00fcr ihn liegt das Geheimnis dieser Welt in einem realen Ereignis, das dem Menschen erm\u00f6glichte, dem G\u00f6ttlichen unmittelbar zu begegnen. F\u00fcr Otto war diese Erfahrung nicht nur auf das Innenleben beschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gelehrte ist sich bewusst, dass es keine Renaissance dieses Glaubens geben wird. Aber die Ideale der Antike entfalten f\u00fcr ihn durchaus denkw\u00fcrdige Wirkung, zum Beispiel in moralischen Fragen: \u201eUnsere Ethik, die alles auf den Willen und seiner vermeintlichen Freiheit zur\u00fcckf\u00fchrt, ist der Meinung, dass der fehlerhaft Handelnde das Gute nicht sehen wolle, und sucht den Grund daf\u00fcr in seiner inneren Einstellung. Den Griechen ist auch dies eine F\u00fcgung der G\u00f6tter, ein Zeichen, da\u00df sie es dem Menschen nicht gut meinen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn griechische Helden Siege oder Niederlagen erleiden, sind es immer die G\u00f6tter, die das Geschehen lenken. Die Dialektik gegen einen Feind war auf dieser Grundlage nicht entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDarf man behaupten, Homer sei der Dichter gewesen, der dichtende G\u00f6tter in die Welt setzte?\u201c Peter Sloterdijk beantwortet diese Frage in seinem Beitrag zur Religionsgeschichte: \u201eDen Himmel zum Sprechen bringen.\u201c Ottos Begeisterung f\u00fcr die religi\u00f6se Dimension des antiken Griechenlands teilt er nicht und begleitet diese Epoche mit sanfter Ironie. Der Philosoph erkl\u00e4rt den platonischen Einspruch, die Entkoppelung von Dichtung und Wahrheit durch diese Denkschule. Platon habe, so Sloterdijk, die denkfeindlichen Elemente der griechischen Sagen entfernt und durch die Ideenlehre &#8211; insbesondere die Lehre vom Guten &#8211; ersetzt. \u201eDas Resultat aus Platons Intervention war die Entfremdung des G\u00f6ttlichen von Mythos, Epos und Theater, und seine Neudarstellung als (\u2026) in letzter Instanz nur kontemplativ ber\u00fchrbare Gr\u00f6\u00dfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In nachplatonischer Zeit sind die Dichter nicht mehr die Vermittler einer Religionslehre. Es ist die Stunde der Theologen und Philosophen. Und es entstehen ethische Fragen, die uns bis heute besch\u00e4ftigen. Sloterdijk: \u201eDie ausschlie\u00dfliche Zuschreibung von Gutheit zum G\u00f6ttlichen sollte nach l\u00e4ngerer Inkubationszeit fatale Folgen zeitigen: sie lud das Un-Gute, das B\u00f6se ein, in nahezu allen irdischen Dingen die Hauptrolle zu spielen, obschon es zun\u00e4chst nur als eine Folge der Abwesenheit des Guten gedeutet worden war.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In Asini &#8211; einer kleinen Halbinsel mit alten Ausgrabungen &#8211; sitzen wir auf einer Bank in der Sonne, genie\u00dfen den einmaligen Ausblick auf Meer und Berge. Die erste Erw\u00e4hnung dieses Ortes findet sich in den Ges\u00e4ngen Homers. Ihm zufolge beteiligten sich Asini und andere St\u00e4dte der Region mit einer gro\u00dfen Anzahl von Schiffen am Trojanischen Krieg. Bei unserem Rundgang entdecken wir eine Tafel, die einem zeitgen\u00f6ssischen griechischen Schriftsteller gewidmet ist. Giorgos Seferis erhielt 1963 den Nobelpreis f\u00fcr Literatur. Wir lesen sein Gedicht: \u201eDer K\u00f6nig von Asini\u201c. Der Dichter schrieb diese Zeilen in den Jahren 1938-1940, nach dem er an einer \u00f6rtlichen Ausgrabung teilnahm und zuf\u00e4llig die Totenmaske des K\u00f6nigs fand.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier einer der Strophen: \u201eAuf der Sonnenseite ein langer leerer Strand und das Licht, das die Diamanten auf den riesigen W\u00e4nden trifft. Kein Lebewesen, die wilden Tauben sind verschwunden und der K\u00f6nig von Asini, den wir seit zwei Jahren zu finden versuchen, unbekannt, von allen vergessen, sogar von Homer, nur ein Wort in der Ilias und das ungewiss, hierher geworfen wie die goldene Totenmaske. Du hast sie ber\u00fchrt, erinnerst du dich an ihren Klang?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seferis Bild des alten Griechenlands ist aus der Perspektive seines orthodox-christlich gepr\u00e4gten Zeitraums zu verstehen. In seinen Werken klingt immer wieder die vergebliche Suche nach der verlorenen Allgegenwart des G\u00f6ttlichen an. Er spricht \u00fcber Einsamkeit, Leere und Sehnsucht. Seine Position zur Vergangenheit beschrieb er so: \u201eIch meine, Griechenland ist ein kontinuierlicher Prozess. Im Englischen beinhaltet der Ausdruck \u201aantikes Griechenland\u2018 die Bedeutung von \u201afertig\u2018, w\u00e4hrend Griechenland f\u00fcr uns im Guten wie im Schlechten weitergeht; es lebt, ist noch nicht abgelaufen. Das ist eine Tatsache.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt einen roten Faden, der sich auf unserer Reise von Triest bis Athen zieht. Wir sind Schriftstellern und Menschen begegnet, die aus unterschiedlichen Perspektiven heraus \u00fcber ihre Religion und ihre Geschichte nachdenken. Das Spektrum der Antworten ist entsprechend weit. Auf dem ganzen Weg war die Sehnsucht nach Frieden und die Sorge vor dem Aufflammen der Konflikte der Vergangenheit sp\u00fcrbar. Wie immer man das Verh\u00e4ltnis von Dichtung und Wahrheit pers\u00f6nlich beantwortet, sicher ist, jeder ideologisch gef\u00fchrte Streit um die wahre Lehre f\u00fchrt ins Unheil.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Goethes italienische Reise war von einer tiefen Griechenlandsehnsucht und der Suche nach den antiken Idealen gepr\u00e4gt. F\u00fcr ihn geh\u00f6rte die Sch\u00f6nheit, ein Urph\u00e4nomen, zur g\u00f6ttlichen Wahrheit. 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