{"id":702,"date":"2025-02-22T15:55:43","date_gmt":"2025-02-22T14:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=702"},"modified":"2025-02-22T15:55:46","modified_gmt":"2025-02-22T14:55:46","slug":"die-elenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/die-elenden\/","title":{"rendered":"Die Elenden"},"content":{"rendered":"<p>Sind Reisende die letzten Romantiker? Wir suchen oft nach einer \u201ereinen\u201c Sch\u00f6nheit, die nicht von der industriellen und urbanen Moderne entstellt wurde. Viele Touristen sind auf der Suche nach Orten, die als \u201eunber\u00fchrt\u201c gelten. Den Tourismus kann man als eine Form der Flucht in eine idealisierte Welt der Sch\u00f6nheit interpretieren. Die realen, komplexen sozialen, politischen oder \u00f6kologischen Probleme vieler Reiseziele bleiben oft unber\u00fccksichtigt, was zu einer Art des oberfl\u00e4chlichen Sehens f\u00fchren kann, das die tiefere Realit\u00e4t ausblendet.<\/p>\n\n\n\n<p>Walburga H\u00fclk stellt uns in ihrer neuen Biografie \u00fcber Victor Hugo nicht nur einen Jahrhundertmenschen, sondern auch einen Reisenden vor. Der Schriftsteller war im 19. Jahrhundert viel unterwegs und reiste aus verschiedenen Gr\u00fcnden, sei es, um seine politischen Exilaufenthalte zu erreichen oder aus k\u00fcnstlerischem Interesse. In seinem Werk spricht Hugo oft von Reisen als eine Art der Erlangung von Wissen und Erleuchtung. Nach seiner politischen Verurteilung und dem Exil 1851, verbrachte er viele Jahre in Jersey und Guernsey, kleinen Inseln im \u00c4rmelkanal. Diese Reisen und der Aufenthalt im Exil hatten einen pr\u00e4genden Einfluss auf sein Leben und seine Werke.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ber\u00fchmten Roman \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c (Die Elenden) wird das Schicksal des Protagonisten Jean Valjean, von einer physisch-moralischen Flucht hin zu einer spirituellen und sozialen Erl\u00f6sung, dargestellt. Hier wird das Reisen nicht nur als Bewegung durch geographische R\u00e4ume verstanden, sondern als ein symbolischer Weg. Die Figuren erleben auf ihrem Weg eine soziale und politische Metamorphose.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerechtigkeit ist das Motto dieses monumentalen und wirkm\u00e4chtigen Romans, der bis heute eine unvergleichliche Strahlkraft aus\u00fcbt<strong><em>. <\/em><\/strong>\u201eEs geschah\u201c, beschreibt Walburga H\u00fclk \u201eim Rahmen der M\u00f6glichkeiten des 19. Jahrhunderts, etwas Staunenswertes: Les Miserables ging viral.\u201c Seine Schilderungen \u00fcber das Entstehen von monstr\u00f6ser Armut und monstr\u00f6sen Reichtum schlug wie eine Bombe ein und bewegte sein Publikum in der ganzen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschildert wird die franz\u00f6sische Gesellschaft von der Zeit Napoleons bis zu der des B\u00fcrgerk\u00f6nigs Louis Philippe. Im Mittelpunkt steht der ehemalige Str\u00e4fling Jean Valjean. Nach 19 Jahren Haft, die er f\u00fcr den Diebstahl eines St\u00fccks Brot durch Einbruch, sowie f\u00fcr vier Fluchtversuche erhalten hat, ist er ein von der Gesellschaft gebrandmarkter und innerlich verh\u00e4rteter Mensch. Durch seine Begegnung mit dem Bischof von Digne, einem sehr gutherzigen Seelsorger, der ihn G\u00fcte erfahren l\u00e4sst, bekehrt er sich und wird zu einem moralisch guten Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Victor Hugos ber\u00fchmtem Werk kommt der Sozialismus zwar nicht explizit als eine politische Ideologie vor, aber er thematisiert auf sehr eindrucksvolle Weise die sozialen Missst\u00e4nde und die Ungleichheit, die das Leben der Armen und Unterdr\u00fcckten pr\u00e4gen. Im Gegensatz zu dem in seiner Zeit verbreiteten Materialismus, bekannte Hugo sich ausdr\u00fccklich zu dem Glauben an eine h\u00f6here Instanz. Die metaphysische Haltung des Schriftstellers beschreibt Walburga H\u00fclk wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKritik an allen herrschen Religionen wegen Machtmissbrauch der Kleriker, doch Toleranz gegen\u00fcber allen Religionen oder vielmehr die \u00dcberzeugung, sie alle zerst\u00f6ren zu m\u00fcssen, um Gott im Menschen neu zu schaffen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt zahlreiche moderne Autoren und Philosophen, die sich auf Victor Hugos \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c beziehen oder dessen Ideen in ihren eigenen Werken aufgreifen. Der Roman hat bis heute einen gro\u00dfen Einfluss auf die Literatur und soziale Philosophie. Der franz\u00f6sische Existentialist und Philosoph Jean-Paul Sartre war stark von den sozialen und moralischen Fragen dieses Werkes beeinflusst. In seinem Denken betont Sartre die Verantwortung des Individuums, seine Freiheit zu nutzen, um eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Hugo schildert \u00e4hnliche moralische Dilemmata, wie sie in der Existenzphilosophie vorkommen: Wie kann der Einzelne im Angesicht von Ungerechtigkeit und Unterdr\u00fcckung richtig handeln?<\/p>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Sozialtheoretiker und Philosoph Michel Foucault besch\u00e4ftigte sich mit den Machtstrukturen, Strafsystemen und sozialen Institutionen, die in \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c eine gro\u00dfe Rolle spielen. Insbesondere die Darstellung des Justizsystems und der Umgang mit Verbrechern, etwa der Charakter von Jean Valjean, lesen sich im Kontext von Foucaults Werk \u00dcberwachen und Strafen (1975) als eine Fallstudie f\u00fcr die kritische Betrachtung moderner Strafsysteme und problematisieren die Entstehung von Macht durch Institutionen. Foucault stellt damit die Antithese zu der romantischen Sehnsucht des Tourismus auf: Die Wahrheit einer Gesellschaft findet sich aus seiner Sicht an ihren R\u00e4ndern. Ob wir diese Wirklichkeit sehen wollen, entscheidet jeder Reisende f\u00fcr sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Hugos Modernit\u00e4t zeigt sich in seinem Umgang mit dem \u201eMythos Paris\u201c. Touristische Sehensw\u00fcrdigkeiten der Stadt der Liebe spielen in dem Roman nur eine Nebenrolle. Die Metropole ist eine Weltb\u00fchne, Schauplatz von Transformationen, deren Bedeutungen sich nicht auf Frankreich beschr\u00e4nken. 1867 beschreibt er seine politische Vision der Grenzenlosigkeit: \u201eDiese Nation wird Paris als Hauptstadt haben, doch wird sie nicht mehr Frankreich hei\u00dfen, ihr Name wird Europa sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kathedrale Notre-Dame ist in den \u201eLes Miserables\u201c kein geistiges Zentrum mehr wie im Mittelalter. Es fehlt in der Moderne, in einer Epoche der politischen und technologischen Revolutionen, an zentralen Orientierungspunkten.Hugo beschreibt bewusst nicht nur die \u00e4u\u00dferlichen Sch\u00f6nheiten der Stadt. Unter den pr\u00e4chtigen Geb\u00e4uden und Stra\u00dfen entdeckt er ein unsichtbares Labyrinth: Die Kanalisation der Gro\u00dfstadt. Der Schriftsteller bezieht diese Orte in die Handlung des Romans ein. Das moderne Paris, das er meisterhaft beschreibt, ist dezentriert, halt- und formlos, es wuchert in den Randbezirken der Banlieus, driftet in die Peripherie. &nbsp;Hugos Blick richtet sich auf diese Grenzbereiche:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Welt der Vorst\u00e4dte zu beobachten hei\u00dft, eine Amphibienwelt zu beobachten. Ende der B\u00e4ume, Beginn der D\u00e4cher, Ende des Grases, Beginn des Pflasters, Ende der Ackerfurchen, Beginn der L\u00e4den, Ende der Wagenspuren, Beginn der Leidenschaften, Ende des Murmelns der Gottheit, Beginn des menschlichen L\u00e4rms, von daher ein au\u00dferordentliches Interesse.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und heute? Nach wie vor besuchen Millionen Touristen jedes Jahr die franz\u00f6sische Hauptstadt, bewundern den Eifelturm, entdecken die Museen und flanieren auf den Prachtstra\u00dfen. Das Leben in den Vorst\u00e4dten erweckt kaum das Interesse der Besucher. Die Probleme in den sozialen Brennpunkten, Stadtviertel wie Montfermeil, sind nicht die gleichen wie 1862, aber angesichts der heftigen Tumulte der letzten Jahre, nicht weniger beunruhigend.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Tradition von Hugo zeigt Ladj Lys das Paris der \u201eElenden\u201c in einem faszinierenden Film. Im Jahr 2018 ist Frankreich gerade Fu\u00dfballweltmeister geworden und alle Franzosen, auch die mit Migrationshintergrund, sind bei den Feierlichkeiten am Eifelturm vereint. Dann f\u00fchrt die Kamera uns langsam in den Alltag rund um die Wohnmaschinen der Vorst\u00e4dte, die von Perspektivlosigkeit und Armut gepr\u00e4gt sind. Es tauchen Charaktere auf, Jugendliche, Religi\u00f6se, Polizisten und Kriminelle, die wie Romanfiguren wirken. Die staatlichen Programme versuchen ein fragiles Gleichgewicht zu bewahren. Es fehlt an Bildung und Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Abspann wird Victor Hugo zitiert: \u201eMeine Freunde, behaltet dies im Ged\u00e4chtnis. Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt nur schlechte Ackerbauern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Karlheinz Stierle, Der Mythos von Paris, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Walburga H\u00fclk, Victor Hugo, Jahrhundertmensch, Mathes &amp; Seitz, Berlin 2025<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sind Reisende die letzten Romantiker? Wir suchen oft nach einer \u201ereinen\u201c Sch\u00f6nheit, die nicht von der industriellen und urbanen Moderne entstellt wurde. Viele Touristen sind auf der Suche nach Orten, die als \u201eunber\u00fchrt\u201c gelten. 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