{"id":706,"date":"2025-04-01T15:17:18","date_gmt":"2025-04-01T13:17:18","guid":{"rendered":"https:\/\/campingkunst.de\/?p=706"},"modified":"2025-04-01T15:17:21","modified_gmt":"2025-04-01T13:17:21","slug":"chronos-und-kairos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/chronos-und-kairos\/","title":{"rendered":"Chronos und Kairos"},"content":{"rendered":"<p>Es ist eine Kunst, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Reisen kann in gewissem Ma\u00dfe als eine Form der Katharsis erlebt werden. Der Prozess der Katharsis, also die emotionale Reinigung oder L\u00e4uterung, ist nicht nur auf Kunst und Theater beschr\u00e4nkt, sondern kann unterwegs durch intensive, transformative Erfahrungen entstehen. Reisen, insbesondere wenn es mit Herausforderungen und intensiven Erlebnissen verbunden ist, f\u00fchren ebenso zu einer tiefen emotionalen Reinigung. Reisen erm\u00f6glicht nicht nur, dem Alltag zu entfliehen und die gewohnten, vielleicht stressigen oder belastenden Umst\u00e4nde hinter sich zu lassen, sondern einen Raum f\u00fcr Selbstreflexion und innere Klarheit zu schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom Leben im richtigen Augenblick: Zu den eindr\u00fccklichen Erfahrungen des Reisens geh\u00f6rt die existentielle Zeiterfahrung. Wir alle kennen das Ph\u00e4nomen: die Zeit, die man reisend verbringt, kann lang werden oder sehr schnell vorbei sein. \u201eEine Stunde kann je nach unserer Stimmung, unserem Lebensalter oder unserer T\u00e4tigkeit dahinkriechen oder dahinrasen, sich beschleunigen oder verlangsamen, aber auf der Uhr ist jede Stunde gleich\u201c, schreibt die Philosophin Joke Hermsen.<\/p>\n\n\n\n<p>In ihrem faszinierenden Buch \u00fcber die Kunst des \u201eKairos\u201c, weist sie auf eine andere Zeiterfahrung hin, die auch f\u00fcr uns bedeutsam ist: \u201eW\u00e4hrend Chronos f\u00fcr die universelle, statische und quantitative Zeit steht, die notwendig ist, um die Zeit in einen linearen Zusammenhang zu versetzen, steht Kairos f\u00fcr den subjektiven, dynamischen und qualitativen Moment, der gerade den spezifischen und sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernden Umst\u00e4nden Rechnung tr\u00e4gt und darum zu einem Wandel der Erkenntnis f\u00fchren kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Man soll beim Reisen die Erwartung f\u00fcr diese besondere Momente, jenseits der Reiseplanung, hoch halten. Wir denken \u00fcber diesen Doppelcharakter der Zeit nach: den Unterschied zwischen der chronologisch vorgestellten Uhrzeit und den Augenblicken, wo sie die M\u00f6glichkeit einer erweiterten Erfahrung des Bewusstseins birgt. Wir haben chronisch zu wenig Zeit &#8211; Chronos, der alte Mann mit der Sanduhr in Hand, versinnbildlicht das ewige Voranschreiten der Zeit, der wir so oft hinterherhetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die griechischen Dichter war Kairos \u201ealles, was f\u00fcr den Menschen gut ist.\u201c Im Moment der Aufmerksamkeit sehen wir eine Z\u00e4sur in den gewohnten Ereignisketten und die M\u00f6glichkeit echter Ver\u00e4nderung. Der Philosoph Henri Bergson schrieb schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts \u00fcber die Schwierigkeit in der Moderne, sich wiederzufinden. \u201eDie meiste Zeit leben wir unserer selbst \u00e4u\u00dferlich, wir gewahren von unserem Ich nur sein entf\u00e4rbtes Phantom, den Schatten (\u2026). Wir leben eher f\u00fcr die Au\u00dfenwelt als f\u00fcr uns (\u2026) eher als da\u00df wir selbst handeln, werden wir gehandelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Reisenden f\u00e4llt es in diesen Zeiten schwer, aus der Informationsflut unserer Zeit, an die uns unsere Smartphones permanent erinnern, auszusteigen. Heute ist es vor allem die Angst und die Depression, Ablenkung und Zerstreuung, die das Seelenleben gef\u00e4hrden. \u201eDie innere Emigration funktioniert nicht mehr, weil die Infiltration des Realen uns in jedem R\u00fcckzugsraum einholt\u201c, stellt der Philosoph Peter Sloterdijk in einem Interview mit der \u201eAugsburger Allgemeinen\u201c treffend fest.&nbsp;Wir m\u00fcssen vorsichtig sein &#8211; gerade unterwegs &#8211; mit den \u00e4u\u00dferen Eindr\u00fccken, die uns erreichen. Die Unterscheidung, was tats\u00e4chlich wichtig ist oder was nicht, geh\u00f6rt zu den bedeutsamen \u00dcbungen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der griechischen Philosophie sind es die Trag\u00f6dien, die dem Menschen die Bew\u00e4ltigung der Affekte von Furcht und Mitleid aufzeigen sollen und zu einer \u201eKartharsis\u201c, einer Reinigung, f\u00fchren sollen. &#8222;Affekte sind&#8220;, nach Aristoteles, &#8222;Erregungen, infolge deren die Menschen ihre Stimmung \u00e4ndern und verschiedenartig urteilen, Erregungen, die mit Lust- und Unlustgef\u00fchlen verbunden sind, wie Zorn, Mitleid, Furcht und andere der Art sowie ihre Gegens\u00e4tze.&#8220; Der Philosoph argumentierte, dass die Affektbeeinflussung nicht sch\u00e4dlich sei. Denn der Ablauf der Trag\u00f6dien, mit ihrer L\u00f6sung des Konfliktes, befreit von dem Druck, der durch sie erregten Affekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Lehrer Platon war skeptisch angesichts dieser Form der Reinigung. Er bef\u00fcrchtete generell, dass geistige und emotionale Einfl\u00fcsse in der Seele eine langfristige, unbeherrschbare, oft negative Eigendynamik entfalten. In diesem Jahrhundert erleben wir zahlreiche Trag\u00f6dien, Kriege und Herausforderungen, von denen man sagt, dass es keine simplen L\u00f6sungen mehr gibt. Die Flut der Bilder, die Darstellung von Gewalt und Exzessen, die Vielzahl wahrer und falscher Informationen beeinflussen den eigenen Zustand unbemerkt. Es f\u00e4llt schwer abzuschalten. Man neigt heute dazu, gerade wenn man an die irrationalen Gewaltausbr\u00fcche denkt, die Einw\u00e4nde Platons wieder ernster zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Fest steht, der Blick in die Abgr\u00fcnde unserer Zeit bleibt nicht folgenlos.&nbsp;Das Reisen erm\u00f6glicht in eine andere Dimension der &#8222;zeitlosen&#8220; Erfahrung einzutauchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<br>Jake Hermsen, Kairos &#8211; vom Leben im richtigen Augenblick, Harper Collins Verlag, Hamburg 2023<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine Kunst, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Reisen kann in gewissem Ma\u00dfe als eine Form der Katharsis erlebt werden. Der Prozess der Katharsis, also die emotionale Reinigung oder L\u00e4uterung, ist nicht nur auf Kunst und &#8230; <a href=\"https:\/\/campingkunst.de\/en\/chronos-und-kairos\/\" rel=\"nofollow\">Weiterlesen<\/a><\/p>","protected":false},"author":2,"featured_media":707,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"give_campaign_id":0,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-706","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-reisekunst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/706","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=706"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":708,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/706\/revisions\/708"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/707"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/campingkunst.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}